Entdeckt
tonspur
Donnerstag, 16. Juni 2016, 12:00 Uhr

Aus der Reihe: Werbung klaut Song

Diesmal Shamirs "On the Regular"

Vielleicht ist der Shitstorm, der mit einem Songabklatsch einhergeht einfach viel zu lukrativ, dass große Firmen für ihre Spots liebend gern klauen. Wir haben noch ein paar mehr von diesen Fällen und gesammelt und außerdem noch mit einem Sounddesigner gesprochen...

Dass in der Werbung Songs wahnsinnig gut funktionieren, die nicht gerade dem Mainstream-Schema entsprechen, beweisen Fälle wie Auroras "Running With the Wolves", Rye Xs "Berlin", Phoenixes "1901" und etliche Künstler mit ihren Songs mehr (Radical Face, Feist, Empire of the Sun, ...). Nachdem ihre Songs für Werbespots benutzt wurden, hat jeder von ihnen einen mehr oder weniger großen Hype erlebt. Win-Win also: Das Unternehmen macht sich einen hippen, musikkredibilen Namen und die Künstler bekommen ihre Aufmerksamkeit. Allerdings kann sich anscheinend nicht jedes Unternehmen so schicke Songs leisten und benutzt stattdessen billigere Abklatsche. Na, oder viel mehr: Anscheinend hat nicht jedes Unternehmen, das einen millionenschweren Jahresumsatz macht, den Anstand, Künstler für ihre Musik zu bezahlen.

Apple zum Beispiel. Was man eigentlich gar nicht glauben will, zumal die Künstler doch sonst so sehr supporten. Vielleicht verleitet sie genau dies auch zur Annahme, sie könnten sich doch wohl selbstverständlich an dem kreativen Schaffen ihrer Schützlingen bedienen, wenn sie sie schon bekannt(er) machen. So passiert auf jeden Fall bei Shamir und seinem Track "On the Regular", der den Las Vegasianer 2014 internationalen Hype bescherte. Der wurde nun für die neue iOS 10 Werbung fast eins zu eins abgepaust. Gut, die Lyrics des Originals eignen sich aber auch viel zu perfekt für eine Handy-Werbung: "Hi, hi, howdy, howdy, hi, hi!" Aber das dann einfach in "Hey Hi Hello" umzubenennen, Shamirs Stimme mit einer weiblichen zu ersetzen und dann aber die prägnante Melodie fast eins zu eins zu kopieren - das ist schon ziemlich, ziemlich arm von Apple.

Die vermeintlichen Urheber des Songs nennen sich Hollywood Wildlife und existieren eigentlich überhaupt nicht so wirklich. Hinter dem Duo stecken nämlich der Produzent Blake Healy und Singer/Songwriterin Francisca "Fran" Halls. Letztere schrieb unter anderem auch schon für Britney Spears und Major Lazer, ersterer arbeitet unter EMI Music Publishing (bzw. ATV/Sony Publishing) als Produzent für Künstler und Werbeagenturen. Einer seiner letzten Aufträge war eben für Apple... und das ist das Resultat:



Hier zum Vergleich Shamirs "On the Regular".



Und das ist leider kein Einzelfall. Vor einem halben Jahr ist beispielsweise ein Spot aufgetaucht, der ziemlich viral ging - aufgrund seines anstößigen Inhalts. Was aber noch viel anstößiger ist: der Werbesong ist eine perverse Kopie von Ben Khans "Eden". Der neueste Klangklau wurde im Spot von EDEKAs neuem Kochkanal, yumtamtam, begangen. Witzigerweise regen sich die Leute aber eher über die Obszönität auf, niemand schimpft über die Tatsache, dass die Musik Ben Khans "Eden" irre ähnlich klingt. Aber hört mal rein:



Und nun zum Vergleich:



Ein paar Wochen vor dem EDEKA-Fail wurde auch ein Peugeot-Spot fertig gemacht - der Song erinnert doch schon sehr, sehr an Bilderbuchs "Maschin". Klar, passt ja, weil äh... Autos. Und der Track ist ja wie gemacht dafür, also wenn Bilderbuch nicht damit gerechnet haben, dann weiß Peugeot wohl auch nicht.




Dass das den betroffenen Künstlern, beziehungsweise ihren Labels, auch nicht so gefällt, ist klar. Young Turks twitterte beispielsweise mal erbost bezüglich eines Hugo Boss Werbefilmchens:




Und auch SOHN hatte da mal eine kleine Frage an Audi:


Hier der Spot:



Ist aber halt auch ein Brett, dieser Track.



Wir haben mit dem Produzenten Guido Schulz gesprochen, der selbst schon das ein oder andere Soundalike basteln musste, und mal ein bisschen nachgehakt:



Puh. Das macht einen schon ein bisschen perplex.