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egoFMStrandlektuere
Dienstag, 23. August 2016, 06:00 Uhr

Strandlektüre: "Schwätzen und Schlachten" von Verena Roßbacher

Mord mit Umwegen

Dieses Buch ist eine Unverschämtheit. Es strapaziert die Geduld und überschreitet die Grenzen jeder gradlinigen Erzählweise. Außerdem hat es eine Fahrradkarte. Wir lieben es.

Es fängt alles damit an, dass jemand umgebracht wurde. Und das Hausmusiktrio, das ermittelt, ist hierfür reichlich unterqualifiziert. Eigentlich ermitteln ja nur zwei und zwar gegen den dritten. Und das auch noch, bevor überhaupt etwas passiert ist. Aber nachdem das so halbwegs erklärt wurde, stellt sich die Erzählerin erst mal in Ruhe selbst vor, erzählt, wie sie an die vorliegende Geschichte geraten ist und wie ihr Lektor Olaf dann die Schreibarbeit ein wenig anschiebt. Von Olaf werden wir übrigens noch öfter hören, denn das Lektorat wird mitten im Text erledigt. Da ist dann die Handlung so richtig in Schwung und – zack – poltert der Lektor mit seinen Einwänden und Korrekturen dazwischen.

Aber erst mal zur Geschichte. Und somit ab nach Berlin. Simon Glaser macht was mit Neuen Medien und Kunst. Er dreht so kleine Filmchen, die dann in türkischen Kneipen und auf öffentlichen Toiletten in Endlosschlaufe laufen. Anscheinend kann er recht gut davon leben. Sein Kumpel Frederik von Sydow studiert Neue Deutsche Literatur. Von dem Geld seines Vaters kann er recht gut leben. Und David Stanjic – Flüchtling aus dem Krisengebiet Österreich -  fährt Lunchpakete aus und hat ein großes Talent, den Weg nicht zu finden. Zusammen sitzen sie im Café von Sydows Oma und essen Kuchen oder löffeln Suppe, und außerdem machen sie zu dritt Hausmusik. Mozart, Schumann und solche Sachen.

Und dann findet Stanjic diesen Text in Glasers Wohnung und denkt sich: Klingt seltsam, klingt bedrohlich, irgendwie abartig und brutal. Was, wenn es hier um einen wirklichen Mord geht? Was, wenn der Glaser irgendwas vorhat? Und dann machen sich Sydow und Stanjic auf den Weg, um einen Mord zu verhindern, der irgendwie in der Luft liegt. Zwischendrin müssen aber Kekse gebacken, Straßenständchen gehalten und Nähkurse besucht werden. Und ein System muss her, wie man einen noch nicht begangenen Mord lösen kann. Da hilft dann das Klopapier weiter. Wirklich.

Für zehnseiten.de hat Verena Roßbacher den Anfang ihres Romans vorgelesen:



Es ist schon ein abstruses Spiel, was Verena Roßbacher in „Schwätzen und Schlachten” spielt. Der Lektor, der sich ins laufende Buch einschaltet, die Abschweifungen und Erzählungen, die absolut nichts mit der Geschichte zu tun haben, die ständigen Ermahnungen der Figuren, dass man Dinge heutzutage so nicht mehr sagt – und dann auch noch ein Mord, der endlos lang einfach nicht stattfindet. Eigentlich geht das gar nicht. Aber bei Verena Roßbacher geht das schon. Und man wünscht sich, es würde noch viel länger so gehen. Denn die Figuren, die man da über mehrere hundert Seiten begleitet, sind gleichzeitig skurril und charmant. Und was die das so alles verzapfen, wie krumm und schief da die Gedankengänge sind und wie sehr sie immer wieder mit sich selbst zu kämpfen haben – mit all diesen Dingen stecken sie einen ruckzuck in die Tasche. „Schwätzen und Schlachten“ ist wie der neue Kollege, den man beim ersten Kennenlernen einfach nur seltsam fand, mit dem man aber nach einer wahnsinnigen Weihnachtsfeier am liebsten jede Kaffeepause verbringt.

Erschienen ist „Schwätzen und Schlachten“ bei Kiepenheuer & Witsch.

Buch Rossbacher Schwätzen und schlachten groß  Verena Roßbacher
  Schwätzen und Schlachten
  640 Seiten
  ISBN: 978-3-462-04615-1



















Das Buch gibt es hier.

Bildrechte Buchcover: © Kiepenheuer & Witsch
Bildquelle Titelbild (Bild bearbeitet): Flickr |Chal Moos:"Hammock relaxation"| cc by 2.0