Entdeckt
klingel
Mittwoch, 11. September 2013, 11:00 Uhr

KAFFEE UND KUCHEN BEI 200 NACHBARN

Eine Berlinerin und ihre Nachbarschaft

Kennst du deine Nachbarn? Stephanie Quitterer wollte herausfinden, wer hinter den Gardinen ihrer Straße im Prenzlauer Berg wohnt und hat deswegen mit Kaffee und Kuchen im Gepäck an zahllosen Haustüren geklingelt.

Stephanie Quitterer war es nicht genug, ihre Elternzeit Windeln wechselnd und Babybrei kochend zu verbringen. Sie hatte etwas Besonderes vor: Mit Neugeschlüpftem in der einen und Kaffee und Kuchen in der anderen Hand nahm sie sich vor, in 200 Tagen bei 200 ihrer Nachbarn zu Kaffee und Kuchen hereingelassen zu werden. Die Wette gilt. Stephanie beschreibt das so:



Ein fehlender Korkenzieher war der Anlass, dass Stephanie neugierig wurde, hinter die Türen der Nachbarn zu spicken. Eine Faszination war geboren.



Das Prinzip: Denkbar einfach. Kuchen backen, losziehen, klingeln, hereingelassen werden, Kaffeklatsch halten, Blog schreiben. Die Umsetzung: Etwas schwieriger. Der gute Vorsatz scheiterte in den ersten Tagen an Stephanies Mut. Sie erzählt, einige Kuchen selbst verdrückt zu haben, bis sie sich traute, an einer fremden Türe zu klingeln. War der Mut dann da, mussten erstmal ihre Nachbarn genauso viel Lust auf Kaffee und Kuchen mit einer Unbekannten haben wie sie. Und die hatten sie nicht immer. Die Berliner Mami erinnert sich, an einem Wohnhaus mit 63 Wohneinheiten und 63 Klingelversuchen auch 63 Absagen erhalten zu haben – da ist die Motivation natürlich im Eimer. Kurzfristig. Im Nebenhaus war dafür der erste Klingelversuch wieder ein Erfolg.

So unterschiedlich die Wohnungseinrichtungen hinter den Türen, so vielseitig sind auch die Menschen, die Stephanie die Türe geöffnet haben. Durch ihre Aktion hat sie unglaublich viel gesehen, gehört, erlebt. So viel, dass sie nach den 200 Tagen auch ganz schön platt war. Aber eben auch sehr glücklich. Denn in Erinnerung bleiben vor allem die schönen Momente.



"Gentrifizierung". Eines dieser schlauen Wörter, die durch die Presse spuken und die man dann doch nochmal nachschlagen muss, wenn man darüber fachgaukeln will ("...beschreibt spezifische sozioökonomische Umstrukturierungsprozesse in städtischen Wohngebieten als ein Phänomen der sozialen Ungleichheit", sagt Wikipedia). Auch der "Prenzlberg" steckt mitten in diesem Prozess:



Inzwischen ist Stephanie Prenzlauer-Berg-Milieu-Spezialistin. Sie hat genau Buch geführt, wer sie hereingelassen hat und wer nicht. Mit erfreulichem Ergebnis:



Wie sieht es bei euch aus? Kennt ihr die Nachbarn in eurer Straße? Wir in der egoFM-Redaktion müssen peinlich berührt feststellen: Leider nein. Vielleicht den einen oder anderen. Das wollen wir ändern. Stephanie gibt einen Tipp, was wir beim Imitieren beachten können:



Stephanie Quitterer arbeitete vor ihrer Babyzeit als Regie-Assistentin am Berliner Deutschen Theater. Daher vielleicht ihr großes Talent beim Spiel mit den Worten: Unter dem Pseudonym "Rotkapi" schreibt sie über jeden fremd-häuslichen Besuch und Erlebnisse vor der Haustüre. Wer ihren Blog liest (das ist eine Aufforderung!), würde sich wünschen, dass sie ab jetzt mehr Zeit ins Schreiben investiert. Die täglichen Updates haben Suchtpotenzial. Unglaublich unterhaltend, spannend, ab und an kritisch und auf jeden Fall immer zum Schmunzeln.

Ihre Wette hat sie leider nicht gewonnen. Aus den geplanten 200 Besuchen wurden (immer noch stolze) 130 Kaffeeklätsche. Wir finden, das schmälert Rotkapis Erfolg nicht im Geringsten. Mit Spannung erwarten wir die Umsetzung ihrer neuesten Aktion, bei der wir alle mitmachen können: „Schon Immer". Sie sagt uns, wie's geht:



Bildquelle: Flickr // Martin Abbeglen