Entdeckt
BuchtippOnlineImage
Dienstag, 01. September 2015, 00:00 Uhr

Buchtipp: „Gold in den Straßen“ von Lilian Loke

Immobilienirrsinn

Thomas Meyer ist so richtig am Durchstarten. Für Kunden der Luxusklasse mit mehr oder weniger Geschmack findet er in Frankfurt die passenden Villen und Lofts. Aber der Aufwind hält nicht ewig.


Er hat sich den Weg ins Luxussegment der Immobilienbranche ehrlich erarbeitet. Das Geschick, das er von Haus aus für den Verkauf mitbringt, ist dabei durchaus von enormem Vorteil. Fast sieht es so aus, als ob Thomas Meyer seine Besichtigungstermine durchführt, wie andere meditieren: Er ist im Zustand absoluter Achtsamkeit. Keine Regung des potenziellen Käufers entgeht ihm. Jedes narzisstische Bedürfnis hat er bereits im Vornherein erspürt und einkalkuliert. Bei den Kollegen macht ihn das zum gehassten Konkurrenten. Beim Chef macht ihn das zum idealen Nachfolger.

Was Lilian Loke in ihrem Debütroman beschreibt, ist ein Leben, das für alles den Preis kennt, weil es vom Mangel angetrieben ist. Die Virtuosität, mit der Mayer seinen Beruf ausübt, scheint wie ein Versuch, die Kindheit auszubügeln. Denn Mayer ist Sohn eines sparsam-geizigen Schuhmachers. Für nichts war Geld da, alles war knapp. Und so zieht es ihn später immer dahin, wo das Geld ist: zuerst in die Bank und von dort aus ins Immobiliengeschäft. Hin zu den Leuten, die alles kennen, nur keinen Mangel. Denen zieht er dann hingebungsvoll das Geld wieder aus den Taschen. Doch dann stirbt sein Vater, und irgendetwas gerät in Unordnung. Meyers Gespür für Geschäfte hat sich verdünnisiert.

Für zehnseiten.de hat Lilian Loke eine Stelle aus ihrem Roman vorgelesen, an der für Thomas Meyer noch alles in Ordnung ist:



Es wäre ein wenig zu hoch gegriffen, zu behaupten, dass Lilian Loke die Psyche eines Top-Maklers ausgelotet hat. „Gold in den Straßen“ ist kein Übungsroman für angehende Psychoanalytiker. Aber Loke hat eine Hauptfigur geschaffen, die vielschichtiger ist, als ein karrieregeiler Arroganzbolzen. Und das macht es spannend, Thomas Meyer auf seinen Wegen durch den Großstadtluxusdschungel zu begleiten. Denn die Aschenputtelgeschichte –vom Schustersohn zum Luxusmakler- ist schon durch, bevor das Buch beginnt. Was wir von Lilian Loke erfahren, ist die Geschichte nach dem Happy End: Das Hauen und Stechen im goldenen Käfig. Und wir lernen die Fassade kennen, hinter der das Ganze für Normalsterbliche wie ein erstrebenswerter Tanz erscheint.

Erschienen ist „Gold in den Straßen“ bei Hoffmann und Campe.

Cover Loke Gold auf den Straßen  Lilian Loke
  Gold in den Straßen
  352 Seiten
  ISBN: 978-3-455-40522-4



















Bildrechte Buchcover: © Hoffmann und Campe
Bildquelle Titelbild (Bild bearbeitet): Flickr |brewbooks:"Eclipse Bookstore Bellingham"| cc by 2.0