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Dienstag, 15. September 2015, 05:00 Uhr

Buchtipp: „Alles wird hell“ von Julia Jessen

Tanz dich frei und andere Erfahrungen

Das Leben von Oda hält so einige Herausforderungen bereit. Als Kind, als Jugendliche, als Erwachsene und in den letzten Lebensjahren springt sie über ihre Schatten.

Oda ist fünf, da bricht sie aus der Sicherheit der von den Erwachsenen gesteckten Grenzen aus. Einmal über die Straße rennen ist die heimliche Mutprobe in diesem Alter. Später wird es komplizierter. Mit sechzehn stellt sie sich die Frage, ob sie wirklich zu sich selbst stehen kann. Egal was ihre Lehrer, Eltern oder Klassenkameraden denken – kann sie sich im Unterricht für Darstellendes Spiel vor alle hinstellen und tanzen, was sie fühlt? Kann sie so sehr bei sich selbst sein, dass es egal ist, was alle anderen denken? Später muss sie sich Fragen zu ihrem Lebensentwurf stellen, und noch mal ein ganzes Stück später geht es ums Sterben. Und allen diesen Fragen stellt sich Oda alleine, auch wenn sie dabei immer von ihrer Familie umgeben ist.

Julia Jessens Roman „Alles wird hell“ misst ein ganzes Leben in vier Punkten ab. Diese vier Punkte sind Weichenstellungen für den weiteren Lebensweg. In immer komplexeren Situationen muss sich die Hauptfigur fragen, wer sie ist, wer sie sein will und wieviel Mut sie aufbringen kann, um ihr Leben selbst zu gestalten. Und so wie Jessen das erzählt, ist es fast eher ein poetischer Prozess als eine quälende Selbstfindung. Dabei wird das Buch nicht überkandidelt. Denn bei allen schönen Worten ist immer noch ganz klar, dass wir einem Entscheidungsprozess beiwohnen, der für die Hauptfigur ans Eingemachte geht.

Oda löst die weichenstellenden Fragen ihres Lebens mit viel Eigensinn und dem starken Willen, sich nicht zu verbiegen. Umgeben ist sie dabei von einer Familie die nicht weniger starrköpfig, eigenbrötlerisch und liebenswert ist als sie. Das „Wer bin ich?“ und „Wie führe ich meine Beziehungen?“ ist also in einen recht bunten Kontext eingebettet. Und auch wenn die Fragen, denen sich Oda stellt, jedem irgendwann einmal begegnen, sind ihre Antworten darauf so persönlich und speziell, dass sie nur für sie selbst Gültigkeit haben können.

Für zehnseiten.de hat Julia Jessen den Beginn ihres Buches, die Episode der fünfjährigen Oda, vorgelesen:



„Alles wird hell“ ist ein feinsinniges Buch, das den sehr eigenwilligen Weg einer Frau beschreibt, die sich auch unter moralischen Fragen nicht verbiegt. Aber Oda ist nicht die strahlende Powerfrau aus Kitschromanen, die ganz sie selbst bleibt und gegen jeden Wiederstand eine berufliche Karriere und ein erfülltes Sexualleben unter einen Hut bekommt. Oda schwitzt, tanzt, raucht und trifft Entscheidungen, währenddessen pulsiert die Welt um sie herum. Der Leser muss dabei aushalten, dass sowas eben nicht unbedingt locker und flockig abläuft, sondern in Odas Fall auch mal recht chaotisch und unorthodox. „Alles wird hell“ verliert dabei aber nie den liebevollen Blick auf seine Protagonisten. Mit diesem Roman kann man also knapp 300 Seiten lang in Ruhe zusammen alt werden.

Erschienen ist „Alles wird hell“ beim Kunstmann Verlag.

Cover Jessen Alles wird hell  Julia Jessen
  Alles wird hell
  288 Seiten
  ISBN 978-3-95614-024-2


















Bildrechte Buchcover: © Kunstmann Verlag
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