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Dienstag, 20. Oktober 2015, 06:00 Uhr

Buchtipp: „Schöne Seelen“ von Philipp Tingler

Botox für die Psyche

Oskar Canow ist reich, intelligent und bewegt sich schlafwandlerisch durch die Welt der blasierten Zürcher High Society. Außerdem ist er in Therapie. Nicht in seiner, sondern in der von Viktor. Der hat nämlich keine Zeit selbst zu gehen.

Für seinen neuen Roman „Schöne Seelen“ hat sich Philipp Tingler die feine Zürcher Gesellschaft vorgeknöpft. Und da ist eine makellose Fassade erstrebenswerter als echte Persönlichkeit oder Charakter. Das Buch platziert seine Handlung also inmitten eines Umfelds aus leidlich angenehmen Figuren mit teuren Pelzen und zahllosen Gesichtsoperationen. Die Hauptbeschäftigung besteht in diesen Kreisen aus einer Mischung von Selbstbezüglichkeit und heuchlerischer Anteilnahme. Jeder wird von jedem taxiert und bei Bedarf hämisch belästert. Ein Emporkömmling wird hier mehr verachtet als ein Kindermörder.

Oskar Canow steckt bis zum Hals mitten drin in dieser gesellschaftlichen Sphäre der Oberflächlichkeiten und medikamentengestützten Gefühlsbewältigung. Für ihn ist das allerdings seine gewohnte Umgebung, die er nicht mal ein kleines bisschen seltsam findet. Doch Oskar hat ein Problem, denn er ist Schriftsteller und ihm fehlt die passende Inspiration zum Schreiben. Aber er hat schon eine Lösung: Er geht in Therapie. Natürlich nicht, um seinen Problemen entgegenzutreten. Nein, es geht ihm um kreativitätsfördernde Erfahrungen. Deshalb geht er auch nicht in seine eigene Therapie, sondern in die von seinem besten Freund Viktor. Viktor wiederum ist ganz froh, dass er seine Probleme nicht selbst zum Psychologen tragen muss. Seine Zeit verbringt er lieber mit seiner geheimen Leidenschaft: Laientheater.

Rund herum um diese „Stellvertretertherapie“ trifft man auf hysterisch-narzisstische Charaktere, die eine Beleidigung (und davon verteilt Oskar so einige) einfach als unglaublich guten Witz verstehen. Das ist menschlich ziemlich trostlos, aber literarisch äußerst vergnüglich. Denn die Probleme, die in dieser Sphäre existieren, sind für Normalsterbliche ein überkandidelter Affentanz. Und sich das so ganz von außen anzuschauen hat schon einen unterhaltsamen Charme. Wenn man sich „Schöne Seelen“ vorknöpft, sollte man allerdings auf Oskars Philosophierereien gefasst sein.

Den Anfang seines Romans „Schöne Seelen“ hat Philipp Tingler für zehnseiten.de vorgelesen:



Philipp Tinglers “Schöne Seelen” ist intelligent, spitzzüngig und ziemlich vollgepackt mit akademischem Geschwafel. Es ist durchaus von Vorteil (aber nicht zwingend), wenn man sich schon grundlegend mit psychologischen Theorien und therapeutischer Praxis auseinandergesetzt hat, bevor man das Buch zur Hand nimmt. Denn wenn Oskar Canow beginnt, Streitgespräche mit seinem Therapeuten zu führen, oder seinem Freund Oskar die Fortschritte der Therapie erläutert, klingt das gerne mal wie ein Mini-Fachvortrag eines Akademikers. Das wiederum zwingt den Leser zum wissenschaftlichen Mitdenken. Oder –je nach persönlicher Neigung- zum großzügigen drüber hinweg Lesen. Wer das gut wegstecken kann, wird aber mit einer kurzweiligen Gesellschaftssatire belohnt, die das Gefühl hinterlässt, man hätte ein seltsames Irrenhaus in Buchformat zur Hand. Und wer möchte das nicht?

Erschienen ist „Schöne Seelen“ beim Kein & Aber Verlag.

Cover Tingler Schöne Seelen  Philipp Tingler
  Schöne Seelen
  336 Seiten
  ISBN: 978-3-0369-5723-4



















Bildrechte Buchcover: © Kein & Aber Verlag

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