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Dienstag, 17. November 2015, 00:00 Uhr

Buchtipp: „Groschens Grab“ von Franzobel

Frivole Leichen und seltsame Gerüche

Ernestine Papouschek ist 82, Buchhändlerin in Rente, Skandalautorin und tot. Die Leiche ist gruselig zugerichtet und es gibt gleich eine Handvoll möglicher Täter. Aber ständig lässt der Kommissar die Verdächtigen wieder laufen.

Kommissar Groschen hat schlechte Laune. Seit geraumer Zeit hat er einen seltsam metallischen Geruch in der Nase. Sowas kennt er schon, und es ist immer ein Vorbote für richtig schlechte Nachrichten. Als er dann zu einem Tatort gerufen wird, an dem eine Frau ermordet wurde, ist er kurzfristig besänftigt: Morde sind schließlich eine äußerst interessante Beschäftigung.

Franzobel, der bereits zuvor einen Roman geschrieben hat, in dem er Kommissar Groschen antreten ließ, hat diesmal einen besonders grotesken Mord für seinen Ermittler parat: Es hat eine rüstige Rentnerin erwischt, die erst erwürgt und dann noch ein wenig „nachbearbeitet“ wurde. Und zwar nicht mit Photoshop. Vor ihrem ungeplanten Ableben war die Dame zu später Berühmtheit gekommen, nachdem sie eine Anzeige geschaltet hatte und danach ihre Erfahrungen in einem Buch veröffentlicht hat. Die Anzeige lautete „Rüstige Pensionistin sucht Partner für Matratzensport, keine finanziellen Interessen…“ Und das dazugehörige Buch trägt den sensiblen Titel „Rübenkönigin“ - den Buchhändlern wird der Titel aus den Händen gerissen.

Der Fall bringt jede Menge Verdächtige zutage: der Nachbar, der Verleger, der Liebhaber, der Sohn und natürlich ein soeben aus der Haft entlassener Mörder. Aber der wahre Feind sitzt in den eigenen Reihen: natürlicher Widersacher von Groschen ist der Staatsanwalt Döblinger, der meint, am besten zu wissen, gegen wen man hier zu ermitteln hat. Dafür schickt er Groschen mal im Schnellverfahren nach Sarajevo und erlässt einen internationalen Haftbefehl, um seinen Tatverdächtigen dingfest zu machen. Und Kommissar Groschen fliegt los und macht sich auf die Suche nach einem Mann, der ihm selbst nur leidlich verdächtig vorkommt.

Für zehnseiten.de hat Franzobel eine Stelle vorgelesen, in der Kommissar Groschen mit dem Liebhaber der Pornorentnerin essen geht:



Kommissar Groschen hat nicht nur mit den Vorverurteilungen des Staatsanwalts zu kämpfen, die seine Untersuchungen erschweren, er ist selbst auch von kleinbürgerlichen Vorurteilen durchsetzt. Während dem Staatsanwalt nicht so einfach beizukommen ist, tritt den simpel gestrickten Ideen des Kommissars die eigene Frau entgegen. In diesem Buch lernen wir: Nur Stewardessen haben recht, wenn es um die schematisierte Einschätzung von Menschen geht. Aber an dieser Erkenntnis können wir uns nicht lange aufhalten, denn schon bald taucht die nächste Leiche auf.

Wer für kalte Winterabende noch nach einem Mordfall Ausschau hält, kann bei „Groschens Grab“ beherzt zugreifen. Als geübter Leser von Miss Marple und Sherlock Holmes Geschichten muss ich aber auf die ungenügende Untersuchung der Fingerabdrücke in der Wohnung des Mordopfers hinweisen. Vielleicht wollte der seltsame Geruch, der den Kommissar quält, ihn ja auf die unzulängliche Arbeit seiner Kollegen hinweisen?

Erschienen ist „Groschens Grab“ im Zsolnay Verlag.

Cover Franzobel Groschens Grab  Franzobel
  Groschens Grab
  288 Seiten
  ISBN 978-3-552-05743-2



















Bildrechte Buchcover: © Zsolnay Verlag
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