Entdeckt
BuchtippOnlineImage
Freitag, 27. November 2015, 00:00 Uhr

Buchtipp: „Der totale Rausch“ von Norman Ohler

Der Diktator als Druffi

Der einzige Rauschzustand, den das nationalsozialistische Regime akzeptierte, war der Begeisterungsrausch. Drogen jeglicher Art wurden verabscheut. Und trotzdem gab es so einige Mittelchen, die sogar im Führerbunker zum Einsatz kamen.

Norman Ohler
hat recherchiert. In die tiefsten Katakomben der Archive ist er abgetaucht und hat alles gesammelt, was er zum Drogenkonsum im Dritten Reich finden konnte.
Und wenn man weiß, dass die Nazis eine äußerst strikte Anti-Drogenpolitik verfolgten, dann ist es ziemlich erstaunlich, was er da so an Informationen aufgetrieben hat.

Nach dem ersten Weltkrieg war Deutschland ziemlich vorn was die Herstellung von Morphium und den Export von Heroin anging. Außerdem beherrschten deutsche Firmen 80 Prozent des Weltmarktes für Kokain. Für den kleinen Mann gab es Morphin und Heroin gegen Wehwehchen auf Rezept in der Apotheke. Koks war damals schon nicht billig, aber eine weit verbreitete Partydroge. Und dann kamen die Nationalsozialisten und setzten den Ausschweifungen ein Ende. Denn sie wollten den arischen Körper rein halten, und die Vergiftung durch Drogen ein für alle Mal beenden.

Vergiften war also passé. Aber Leistungssteigerung, das klang ziemlich arisch in den Ohren der Nazis. Und deshalb wurde in den Labors der Pharmaunternehmen lustig weiter geforscht. Das Wundermittel, das dann nach ein paar Jahren auf den Markt kam, hieß Pervitin. Es hielt die Hausfrau frisch und spornte den Schichtarbeiter zu Höchstleistungen an. Der Wirkstoff: Methylamphetamin. Wem das nichts sagt, der sollte sich die Serie Breaking Bad noch mal anschauen. Das da zusammengebraute Crystal Meth unterscheidet sich nicht großartig von dem als Panzerschokolade bekannt gewordenen Pervitin.

Dass der Stoff von den Nazis dann massiv an der Front eingesetzt wurde, kann man in „Der totale Rausch“ in all seinen perversen Einzelheiten erfahren. Aber Norman Ohler ging in seinen Recherchen noch ein ganzes Stück weiter und grub die Aufzeichnungen von Hitlers Leibarzt aus. Schritt für Schritt gibt er Einblick in die Venen des Führers. Und was sich da so alles an Mittelchen findet, dürfte das Bild des großen Abstinenzlers ganz schön ins Wanken bringen.

Für zehnseiten.de hat Norman Ohler eine Stelle aus seinem Buch vorgelesen, die eine von Hitlers ärztlichen Behandlungen beschreibt:



Wer es bisher noch nicht mitbekommen hat: Wir haben es hier mit einem Sachbuch zu tun und nicht mit einer phantastischen Erzählung. Die Regale biegen sich zwar mit Büchern, die alle die wichtigsten Erkenntnisse zum Dritten Reich versprechen, wer also genug von dem Thema intus hat, dem dürfte die Info reichen, dass es damals auch Drogen gab, die quer durch die Bevölkerung genutzt wurden und auch vor Hitler keinen Halt machten. Wer einen äußerst umfassenden Bericht über die diversen Wege haben möchte, auf denen die Stoffe im Dritten Reich zum Einsatz kamen – in der Normalbevölkerung, an der Front und ganz speziell im Führerbunker – der sollte sich „Der totale Rausch“ zulegen. Denn hier wird haarklein aufgeschlüsselt, wie sehr der Führer auch ein Druffi war.

Erschienen ist „Der totale Rausch“ bei Kiepenheuer&Witsch.

Cover Ohler Der totale Rausch  Norman Ohler
  Der totale Rausch
  Drogen im Dritten Reich
  368 Seiten
  ISBN: 978-3-462-04733-2

























Bildrechte Buchcover: © Kiepenheuer&Witsch

Bildquelle Titelbild (Bild bearbeitet): Flickr |brewbooks:"Eclipse Bookstore Bellingham"| cc by 2.0