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egoFMStrandlektuere
Donnerstag, 08. September 2016, 06:00 Uhr

Strandlektüre: "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" von Clemens J. Setz

Wahnsinnige Abwegigkeiten

Natalie ist Anfang zwanzig und beginnt ihren ersten Job als Betreuerin in einem Behindertenwohnheim. Sie ist für Alexander Dorm zuständig, einen garstigen Rollstuhlfahrer. Unheimlich ist allerdings eher sein regelmäßiger Besucher.

Clemens Setz hat sich eine simple Geschichte gesucht und daraus einen seltsam komplexen Roman gestrickt. Seltsam und düster. Im Zentrum des Geschehens steht Natalie. Grade hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen und fängt jetzt ihren Job im Behindertenwohnheim an. Etwas verschroben ist die junge Frau. Sie ist Epileptikerin, erfindet unsichtbare Wesen, führt assoziative Gespräche und ist auch sonst ein wenig neben dem Gewöhnlichen verortet. Man könnte sie vielleicht auch faszinierend verkorkst nennen. Allerdings auf eine ganz andere Weise, als der Mann, den sie in Wohnheim betreut.

Alexander Dorm sitzt in Rollstuhl. Stundenlang bastelt er Geschenke für den einzigen Besucher, den er hat, Christoph Hollberg. Vor ein paar Jahren haben die zwei sich kennengelernt. Und Dorm hat angefangen, ihn zu stalken. Immer aggressiver ist er in sein Leben gedrängt und hat es letztendlich zerstört. Und jetzt ist er im Wohnheim und bekommt wöchentliche Besuche von dem Mann, der ihn eigentlich abgrundtief hassen müsste. Und alle scheinen damit höchst glücklich zu sein. Nur Natalie kommt damit nicht zurecht. Hollberg ist ihr unheimlich, sie vermutet irgendeine Grausamkeit hinter seinen absonderlich höflichen Besuchen.

Über 1021 Seiten spannen sich die Netze, die Clemens Setz da ausgeworfen hat. Und mit jedem Absatz hängt man tiefer drin, in der seltsam befremdlichen Welt von Natalie und diesem ungewöhnlichen und teilweise finsteren Umfeld. Immer wieder fragt man sich, wer da welche Spielchen treibt und verheddert sich dabei in Vermutungen und Hoffnungen. Denn bis zum Schluss treibt man durch Wirren und Wendungen, die nur ansatzweise verraten, wer wen wie manipuliert und was für Absichten die Figuren antreiben.

Für zehnseiten.de hat Clemens J. Setz die Stelle aus seinem Roman vorgelesen, in der das Behindertenwohnheim beschrieben wird, in dem Natalie ihren Dienst beginnt:




Der Roman von Clemens Setz reißt einen hin und her. Wem kann man glauben, wem kann man vertrauen? Wer ist jetzt eigentlich gut oder böse? Wer ist normal und wer ist wahnsinnig? Einfache Antworten darf man in „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ nicht erwarten. Dafür kann man sich ziemlich leicht verlieren in der Weltwahrnehmung der Hauptfigur, in der unbequemen und faszinierenden Komplexität der Figurenkonstellationen und in den absurden Details der Erzählung. Und alles hängt zwischen einem Gefühl von finsterer Vorahnung und verspielter Absurdität. Ein Buch wie eine finster-geniale Mischung aus Zauberkasten und Spielzeugseziertisch mit lebendigen Hamstern.

Erschienen ist „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ im Suhrkamp Verlag.

Cover Setz Die Stunde zwischen Frau und Gitarre  Clemens J. Setz
  Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
  1021 Seiten
  ISBN 9978-3-518-42495-7




















Das Buch gibt es hier.

Bildrechte Buchcover: © Suhrkamp Verlag
Bildquelle Titelbild (Bild bearbeitet): Flickr |Chal Moos:"Hammock relaxation"| cc by 2.0