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Dienstag, 15. Dezember 2015, 01:00 Uhr

Buchtipp: „Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle

Über Nacht das Ende der Welt

Ein Wochenende in den Bergen. So mit den Kumpels von früher. Aber die fünf jungen Männer die Rückfahrt antreten, wartet nur noch eine zerstörte, verlassene Welt auf sie.

Okay, diese Woche wird es apokalyptisch in unserem Bücherregal. Und wenn wir apokalyptisch sagen, dann sprechen wir von Verzweiflung, sozialer Verrohung und langsamem Driften in den Wahnsinn. Und das alles kommt aus dem Nichts. Denn die fünf jungen Männer, die in Heinz Helles Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ in die Endzeit geraten, haben gerade erst ein lustiges Männerwochenende in den Bergen verbracht. Als sie zurück ins Tal kommen, brennt das Dorf und von den Menschen ist nicht mehr viel übrig.

Durch dieses Szenario begleiten wir den Erzähler, der eigentlich gar nicht so wirklich Lust hatte, mit seinen alten Freunden auf die Berghütte zu fahren. Drygalski, Gruber, Fürst, Golde – früher waren sie seine besten Freunde, heute überlegt er, ob die Treffen in der Hütte nicht langsam zu teuer werden, so lustig wie damals wird es sicherlich nicht mehr, und mit steigendem Alter baut sich der Alkohol auch nicht mehr so zügig ab. Wie lange überstehen solche Freundschaften eine Welt, die in Trümmern liegt?

Heinz Helle protokolliert die Geschehnisse eher, als dass er sie erzählt. Knapp, präzise und sehr direkt lässt er seinen Erzähler von den Überresten der Zivilisation sprechen. Immer stumpfer wird mit dem letzten Rest menschlichen Lebens verfahren, immer knapper werden die Gespräche, die die Männer miteinander führen. Und immer unwirklicher verrottet die Welt um sie herum. Am Ende steht nicht die Frage, was die Katastrophe ausgelöst hat, oder wie man so ein Horrorszenario überlebt, sondern wie stark die Bindungen sind, die die alten Freunde verbinden. Denn das Überleben wird nach und nach zum Selbstzweck. Aber wieviel Menschlichkeit kann man sich dabei bewahren?

Für zehnseiten.de hat Heinz Helle ein paar Seiten aus seinem Roman vorgelesen:



Heinz Helle hat kein hoffnungsfrohes Buch geschrieben. Keinen Roman für Liebhaber eines Happy Ends. Beklemmend bis abstoßend ist das Ende der Menschheit, das er beschreibt. Erschreckend realistisch. Und doch wird es von den unsichtbaren Bändern vergangener Freundschaft zusammengehalten. Einer Freundschaft, die sich nicht mehr auf durchzechte Nächte und stabile Lebensbedingungen berufen kann. „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist nicht beruhigend, nicht herzerweichend oder optimistisch. Es ist ein morbider Abgesang auf die Errungenschaften der Zivilisation - kein Buch für fröhliches Lesevergnügen, aber ein kleines Kunstwerk düsterer Erzählung.

Erschienen ist „Eigentlich müssten wir tanzen“ im Suhrkamp Verlag.

Cover Helle Eigentlich müssten wir tanzen  Heinz Helle
  Eigentlich müssten wir tanzen
  173 Seiten
  ISBN: 978-3-518-42493-3



















Bildrechte Buchcover: © Suhrkamp Verlag
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