Entdeckt
egoFMStrandlektuere
Donnerstag, 25. August 2016, 06:00 Uhr

Strandlektüre: "36,9°" von Nora Bossong

Die Liebe des Kommunisten

Antonio Gramsci kämpft in den 20er Jahren in Italien für seine politischen Ideale, in den 30er Jahren wird er von den Faschisten im Gefängnis festgehalten. Jahrzehnte später machen sich zwei Männer daran, einem verlorenen Text von ihm zu finden.

Antonio Gramsci ist eine der größten Ikonen des italienischen Kommunismus. Während seiner Inhaftierung unter dem faschistischen Regime Mussolinis schreibt er sein bedeutendstes Werk: die Gefängnishefte. Darin finden sich Schriften, die noch heute zu den wichtigsten Werken der politischen Philosophie gehören.

Nora Bossong hat sich den Italiener jetzt in ihrem Buch „36,9°“ vorgeknöpft. Allerdings liegt ihr Augenmerk nicht wirklich auf staatstragenden Gedanken und revolutionären Gesellschaftstheorien. Denn in Gramscis Leben gab es neben der Politik noch eine andere Kraft, die sich ihren Weg bahnte: Die Liebe. Und die kommt unerwartet, recht spät, recht heftig und in Person der Russin Julia Schucht. Aber am Ende sieht es düster aus für das große Gefühl, denn Gramsci ist bereit, für den gesellschaftlichen Umsturz alles aufs Spiel zu setzen.

In „36,9°“ schickt Nora Bossong noch einen zweiten Mann ins Rennen: Anton Stöver. Einige Jahrzehnte später macht der sich auf den Weg nach Rom, um zusammen mit seinem Kollegen Brevi nach einem angeblich verschollenen Manuskript von Gramsci zu suchen. Auch er wird von der Liebe heimgesucht. Bei ihm kommt allerdings nicht das zarte Staunen auf, das Gramsci mit seiner Julia erlebt. Stöver ist nicht verzaubert, er ist wohl eher seinem Jagdinstinkt ausgeliefert. Und als er in Rom einer jungen Frau namens Tatjana begegnet, wird ihm seine Eroberung wichtiger, als seine Forschungen.

Nora Bossong hat aus dem sperrigen historischen Material eine ganz persönliche Geschichte entwickelt. Ihr Antonio Gramsci ist kein Eintrag aus dem Lexikon, er ist ein Mann mit Sehnsüchten und Unsicherheiten. Und er ist ein Mann mit tiefen Überzeugungen. Daneben wirkt Anton Stöver unfertig und ohne charakterliche Untiefen. Er ist der entwurzelte Gegenentwurf zu Gramsci. Seine Passionen sind kurzlebig, seine Liebe gilt der Idee, die er von einer Frau hat und nicht der realen Person.

Für zehnseiten.de hat Nora Bossong vorgelesen, wie Ströver das erste Mal auf seine neue Flamme Tatjana trifft:



Der doppelte Erzählstrang in „36,9°“ – also der Weg, der zu Gramscis Gefängnisheften führt und Jahrzehnte später die Suche nach einem verlorenen Text aus diesen Heften – erzählt noch eine andere, abstraktere Geschichte. Denn durch die unterschiedlichen Zeitebenen sieht man, wie eine große, lebendige Idee zum Forschungsobjekt für visionslose Karrieristen wird. Doch getragen wird der Roman von dem, was ganz offen passiert: den zwei Erzählungen darüber, wie man an der Liebe scheitern kann - mit wehenden Fahnen in kompromissloser Selbstaufgabe oder mit eingezogenem Schwanz und hochgekurbeltem Narzissmus.

Erschienen ist „36,9°“ im Hanser Verlag.

Cover Bossong 36.9 Grad  Nora Bossong
  36,9°
  320 Seiten
  ISBN: 978-3-446-24898-4




















Das Buch gibt es hier.

Bildrechte Buchcover: © Hanser Literaturverlage
Bildquelle Titelbild (Bild bearbeitet): Flickr |Chal Moos:"Hammock relaxation"| cc by 2.0