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Montag, 18. April 2016, 16:55 Uhr

Fast Fashion

Immer alles neu.

Jede Woche eine neue Kollektion auf der Stange. Immer hübsch stylish sein, immer schön sparen. Fast Fashion bedeutet für die einen günstige Abwechslung, für die anderen ein beschissenes Leben. Menschen sterben - was soll's.

Fast Fashion ist wie Fast Food für die Bekleidungsindustrie. Das Angebot wechselt ständig und jeder kann es sich leisten. Es ist der perfekte Weg Menschen mit schlechtem bis mittlerem Einkommen das Gefühl zu geben, sie können sich etwas leisten - und vor allem: sie können sich viel davon leisten. Forever 21, Primark, H&M, Zara und Portale wie Asos und Zalando - alle tragen dazu bei, dass man sich nach Bedarf einkleiden kann.

Sie tragen aber auch dazu bei, dass es auf der anderen Seite der Welt Menschen gibt, die kein Leben haben. Das sind Menschen, die 16 Stunden am Tag unter beengten, erzwungenen Bedingungen dafür arbeiten, dass unsere Freunde, Arbeitskollegen und wir selbst mal eben in den H&M schlendern und uns für 19,90 € ein neues Sommerkleid zulegen können.
Während wir das nach einem langen Arbeitstag tun, um uns mal was zu gönnen, sitzen die Arbeiterinnen noch in den Fabriken und arbeiten. Essen dann, schlafen und arbeiten wieder. Fast wie bei uns. Nur dass sie keine Urlaube haben, sich nichts gönnen können, krank werden von den Chemikalien und den schlechten Arbeitsbedingungen und sich dann auch keinen Arzt leisten können. Das ist ihr Leben. Vielleicht sterben sie früh und alles was sie getan haben, ist ein erbärmliches Leben zu führen. Vielleicht leben sie lang und dann leben sie dieses erbärmliche Leben eben noch ein bisschen länger.

Aber was soll' s, ist ja zum Glück weit weg, so dass man den Mist nicht ständig vor Augen hat.

Wäre der Artikel hier zuende, würden sich viele furchtbar empören und sich fragen, warum ich so tue als würde mich das alles nichts angehen. Die Wahrheit ist: es geht mich nichts an und es geht auch die wenigsten Leser etwas an. Würde uns die Tatsache, dass es Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel schlecht geht, damit es uns hier drüben gut geht, etwas angehen, dann würden wir sofort aufhören, uns billige unfaire Kleider von Bekleidungsketten zu kaufen. Dann müssten wir damit aufhören, weil wir sonst nicht mehr schlafen könnten.

Stattdessen gehen wir aber spätestens am Wochenende wieder in den Klamottenladen und kaufen uns nur dieses eine Teil, weil es ja so schlimm auch nicht sein kann. Und man kann sich ja auch nicht alles verbieten. Schließlich will man gut aussehen und hat leider nicht so viel Geld. Da müssen eben manchmal andere Menschen bei drauf gehen. Da muss man eben Prioritäten setzen.

Muss man. Die Frage ist nur welche. Wie will man leben? Worüber will man nachdenken? Oder lässt man das nachdenken besser bleiben, weil man mit den Konsequenzen nicht leben könnte?

Sweatshop - Dead Cheap Fashion

Sweatshop ist eine Dokumentation aus Norwegen. Drei junge Norweger interessieren sich für Mode, eine der drei hat sogar einen Fashion Blog. Sie sind gut situiert, keine schlechten Menschen und beschäftigen sich zunächst mal genauso wenig mit Produktionsbedingungen wie jeder andere.
Über das Filmprojekt kommen sie nach Kambodscha. Sie helfen in einer Textilfabrik, arbeiten dort einen Tag, teilen eine Nacht die Unterkunft der Näherinnen und führen Interviews mit ihnen.



Zu Anfang noch zwar mitfühlend aber relativ unberührt, verstehen sie bereits nach einem Tag was ein Leben als Textilarbeiter bedeuten kann.

sweatshop 1

sweatshop 2

Alle 5 Teile von "Sweatshop - Dead Cheap Fashion" in voller Länge kann man ►HIER sehen.

Nachdem das morsche Fabrikgebäude Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013 einstürzte und dabei über 1000 Textilarbeiter starben, war die Textilbranche kurz im Fokus der Medien und dadurch auch im Bewusstsein der Menschen. Der mittlerweile verhaftete Gebäudebesitzer Sohel Rana soll die Näher der Textilfabriken gezwungen haben, weiterzuarbeiten, obwohl das Gebäude einsturzgefährdet war. Böser Mann.
Das Problem fängt allerdings schon viel weiter vorne an: wieso arbeiten Menschen in einsturzgefährdeten Gebäuden? Wieso lassen sie sich zwingen weiterzuarbeiten? Fragt sich niemand, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen 15  Shirts und einem 2 Tageslohn? Hilft es die Fashion Revolution Week, die von 18.4. bis 24.4. läuft, zu starten oder ist danach wieder alles beim Alten?

The True Cost

Der Film The True Cost erklärt, wie sich die Modeindustrie in den letzten paar Jahrzehnten geändert hat und was die Auslagerung der Produktionsstätten für unsere Wirtschaft bedeutet. Aber auch, was sie für das Leben der Arbeiter und Fabrikbesitzer bedeutet. Den kompletten Film gibt' s auf Netflix zu sehen.




Gut, dass wir mal drüber geredet haben.

In diesem Moment sitzen wieder Näher, Näherinnen und Kinderarbeiter an Nähmaschinen und arbeiten für ihr Überleben, haben keine schöne Zukunft und sterben früh. Ihnen geht es nicht besser, nur weil mal ein paar hundert Menschen in einer Textilfabrik gestorben sind. Und darüber kurz in den Medien berichtet wurde.
Reden allein bringt nichts. Man muss sich entscheiden, ob man etwas ändern will in seinem konsumgeprägten Leben. Man muss verzichten wollen. Und wenn man nichts ändern will, sollte man nicht mehr drüber nachdenken, sonst müsste man sich eingestehen, dass man eine Mitschuld daran trägt, dass andere Menschen ein richtig beschissenes Leben führen.


München Fair

Die Seite München Fair schafft übrigens einen extrem guten Überblick über Supermärkte, Klamottenläden und Restaurants, in denen faire Produkte angeboten werden. Da hat man sich dann die Recherche schon mal gespart. Einfach auf die Map in eurem Viertel klicken und ihr findet dort aufgelistet, was ihr braucht: Supermärkte, Repair Cafés, Klamottenläden etc.

münchen fair


FAIR bedeutet nicht nur fair konsumieren, es bedeutet auch ein Wandel des eigenen Verhaltens: Wie oft kaufe ich ein? Wie viel brauche ich wirklich? Kaufe ich Neues oder repariere ich? Kaufe ich regional und saisonal? Macht mich Konsum wirklich nachhaltig glücklich?

schreibt Raphael Thalhammer, Betreiber der Seite München Fair.



Autor: Linda Becker
Bildquelle Titelbild: fashionrevolution.org