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Montag, 18. April 2016, 17:55 Uhr

Who made my Clothes?

Fairtrade muss nicht hässlich sein

Wieso sieht Fair Trade Mode eigentlich immer so scheiße aus? Fair Trade ist anstrengend. Und teuer. egoFM Linda hat mit Evi Hartmann, der Autorin des Buches "Wie viele Sklaven halten Sie?" gesprochen.

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Bildquelle: Twitter | WhoMadeMyClothes

Funfact: Seit März 2013 ist Kosmetik, die an Tieren getestet wurde, in der EU verboten. Elektroartikel, Kleidung und Nahrungsmittel, für die Kinder gearbeitet haben, allerdings nicht.

Evi Hartmann ist sauer. Sie ist BWL-Professorin, ihr Spezialgebiet Supply Chain Management. Sie fragt sich, warum ihre Studenten eigentlich nie nachfragen, wenn es um die Optimierung von Produktionsprozessen geht. Warum wird alles unkritisch angenommen, wenn es um den "Markt" geht? Und wer ist überhaupt dieser mysteriöse "Markt"?

Evi Hartmann
stellt in ihrem Buch "Wie viele Sklaven halten Sie?", das im Campus Verlag erschien, ausserdem die steile These auf, dass Kinderarbeit nicht unbedingt schlecht ist. Sie sei nur unter bestimmten Bedingungen schlecht, nämlich dann wenn sie in Zwang und Ausbeutung mündet.

Kinderarbeit ist (...) ein sich selbst rekrutierender Prozess. Kinderarbeit erzeugt Kinderarbeit. Arbeitende Kinder zeugen arbeitende Kinder. Das ist hart, das ist brutal (...) aber ist es unmoralisch?
Evi Hartmann sagt nein. Kinder arbeiten, damit es ihren Familien ein bisschen besser geht. Damit alle versorgt werden können. Die Unmoral fängt woanders an - bei Zwang und Ausbeutung. Für Zwang und Ausbeutung sind wir in der westlichen Welt aber mitverantwortlich. Unangenehm - und es braucht Eier sich das einzugestehen.

Linda Becker: Was wollen Sie mit dem Buch erreichen?
Evi Hartmann: Mir ist es wichtig, dass wir anfangen über die Moral in der Belieferungskette nachzudenken. Bei mir selbst, was ich einkaufe, bei den Einkäufern, wie es vor Ort bei den Produzenten aussieht. Und dann landen wir bei den Näherinnen und Bauern.

Linda Becker: Das Thema Nachhaltigkeit kann ja auch ziemlich nervig sein, weil es in der Kosequenz zu konkretem Handeln zwingt. Stößt man da auf Ablehnung?

Evi Hartmann: Das ist in der Tat ein nerviges Thema. Weil es anstrengend ist zu recherchieren und herauszufinden, welche Produkte fair sind. Aber wenn ich dann wieder sehe, wieviel Zeit man so vor dem Computer vertut, dann frag ich mich schon, ob man nicht auch ein paar Minuten Recherchezeit für faire Produkte aufbringen kann.

Linda Becker: Muss Bio und Fair Trade eigentlich immer direkt so viel teurer sein?
Evi Hartmann: Ein Problem ist natürlich, dass einige Produkte in Biosupermärkten oder Bekleidungsläden viel teurer sind als Produkte in Discountern. Aber man zahlt oft den teuren Preis nicht, weil es so fair ist, sondern weil die Marge bei den Unternehmen landet. Die Näherinnen oder Bauern sehen davon nichts. Man muss da genau hingucken und sich informieren. Teuer ist nicht gleich fair.

Linda Becker: Das Thema Nachhaltigkeit und Fairness ist im Prinzip ja endlos. Worauf kommt es denn im Alltag an, um da was besser machen zu können?
Evi Hartmann: Man muss sich zunächst mal bewusst machen, was hinter niedrigen Preisen und ständiger Produktverfügbarkeit steht. Wer sich einbildet, im Winter Erdbeeren essen zu müssen, muss sich im Klaren darüber sein, dass das nicht nachhaltig sein kann. Ich denke außerdem, dass der Irrglaube besteht, Bio und Fairtrade seien nur etwas für die Reichen. Es ist eine billige Ausrede zu sagen, die Regierung müsste etwas ändern. Das sind Entschuldigungen, die es einem selber leicht machen. Am Ende ist Verzicht aber der erste Weg etwas fairer produzierte Ware zu konsumieren. Ich muss mir nicht jeden Tag Fleisch, Erdbeeren oder ein neues Shirt leisten können.

Linda Becker: Was ist eigentlich Fast Fashion?
Evi Hartmann: Fast Fashion bedeutet einfach, dass die Kollektionen in der Modebranche schneller wechseln. Früher gab es Winter-/ und Sommerkollektionen, heute wechselt die Kollektion beinahe monatlich. Man kann dann darüber nachdenken, sich vielleicht einfach nur eine hochwertige, teurere Hose zu kaufen anstatt sich ständig neue Klamotten zuzukaufen. Das wäre sinnvoll.


Gibt's das auch in schön?

Fairtrade Mode kann sehr teuer und obendrein auch noch sehr hässlich sein. 80 € für ein Friedenstauben-Shirt will da natürlich keiner bezahlen. Warum auch? Leider wird das Vorurteil fairer Kleidung oft bestätigt: meistens sieht sie aus, als würde man Grünkernbratling essend in Tipis Räucherstäbchen anzünden.

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Bildquelle: Twitter | WhoMadeMyClothes

Auf der Seite fashionrevolution.org lest ihr über faire und gleichsam hübsche Mode. Die Initiatoren, bestehend aus Modedesignern und Kulturschaffenden, wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, was Mode bedeutet, wo sie herkommt und was sie Wert sein sollte. Unter dem Hashtag #whomademyclothes rufen sie in dieser Woche vom 18.-23.4. die Konsumenten dazu auf, nachzufragen, wie die Labels ihre Mode produzieren.
Last year, in over 70 countries around the world, tens of thousands of people took part in Fashion Revolution Day. We asked brands #whomademyclothes to show that we care and demand better for the people who make our clothes. This year, we want to go even bigger. We want more brands to show us who made our clothes. We want to thank the makers. We want clothes that we will be proud to wear.

Bei Dear Goods, Glimpse oder Glore in München gibt es übrigens stylische Klamotten, die auch noch fair sind. Nicht günstig aber schön und: man kann sie stolz tragen. Die beiden Schwestern Kati und Nanni aus Stuttgart haben ausserdem die Seite Fairlieben gegründet und sich die Mühe gemacht, alle Fair-Labels zusammenzutragen. Die Liste könnt ihr ►hier herunterladen.

Wir sind keine Feierabendprediger oder Weltverbesserer. Wir wollen dir nicht sagen, wie du leben sollst und wir wissen auch nicht auf alles eine Antwort. Aber wir haben uns in den letzten Jahren mit fairer Mode beschäftigt. Und jetzt wollen wir euch daran teilhaben lassen.

Und was natürlich immer geht, sind Tauschbörsen und Flohmärkte. Fair geht also auch in schön, denn langsam wird klar, dass sich nicht nur "Ökos" Gedanken um ihre Umwelt und faire Arbeitsbedingungen machen. Amen.


Autor: Linda Becker

Bildquelle Titelbild: fashionrevolution.org