Entdeckt
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Dienstag, 17. Mai 2016, 07:00 Uhr

PR-Aktionen mit Griff-ins-Klo-Faktor

Und nun zum Wetter: ein Shitstorm zieht auf.

Nach der absichtlich gestreuten Verwirrung mit ihrem Sexvideo stecken Yacht mindestens bis zum Ellenbogen in der Schüssel. Wir ziehen den Schnorchel auf und schauen mal, wer da noch so rumschwimmt.

YACHT sind wahre Meister im Schüsseltauchen, das haben sie in den letzten Tagen bewiesen. Erst war da plötzlich ein Sextape der beiden im Internet, die nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Paar sind. Die beiden behaupten, es sei gegen ihren Willen irgendwie ins Netz gesickert. Und dann so: "Hey, jetzt wo es schon mal online ist, könnt ihr es euch für 5 Dollar runterladen, yay!" Und einige prominente Freunde der Band so: "Schönes Tape und echt was Gutes aus dieser Panne gemacht!"

Aber dann, zwei Tage später, melden sich Journalisten zu Wort und decken auf, dass die ganze Sache von langer Hand geplant war. Claire von YACHT hatte die Seite angeschrieben und versucht dazu zu bringen, bei der Aktion mitzumachen. Also kein Versehen, kein öffentliches Sextape wider Willen und vor allem kein Download – die paar Interessenten hatten weder die 5$ auf der Kreditkartenabrechnung, noch hat der Link zum Download irgendwo hingeführt. YACHT bezeichnen das jetzt alles als Kunst, als gewollt, sie hätten ihre Fans eh nicht für so doof gehalten, dass sie das nicht aufdecken.

Schade nur, dass Revenge Porn keine spaßige Angelegenheit ist. Viele oft junge, oft weibliche Menschen, von denen gegen ihren Willen Nacktbilder oder –videos veröffentlicht werden, treibt das zum Psychotherapeuten oder gar in den Selbstmord. Geschmackloser hätte die Promo-Aktion also nicht sein können. Und dann heißt das neue Video auch noch "I Wanna Fuck You Till I’m Dead".

Inzwischen haben sich die zwei von YACHT mit folgendem Facebook-Post entschuldigt:


Da fällt uns doch direkt wieder der Tipp ein, den uns die Münchner Polizei neulich gegeben hat:




Der passt übrigens nicht nur auf diese Aktion. Im Falle von Unternehmen sind es oft Kunden-sagen-öffentlich-wie-toll-sie-uns-finden-Aktionen, die einen Shitstorm heraufbeschwören. In nicht ganz so gravierender Form ist das zum Beispiel Burger King in Norwegen passiert. Der Plan: Kundentreue als Aushängschild – Fans der Burger King Facebook-Seite mussten sich entscheiden, ob sie Fans bleiben oder lieber einen von Burger King spendierten Big Mac bei McDonalds einstreichen wollten. In letzterem Fall konnten sie allerdings nie wieder auf die Burger King Seite zurückkehren. Die Vorstellung vom Unternehmen: Naja, wir wollen Burger King nur ungern als verblendet bezeichnen, aber de große Platz im Herzen der Fans war im Endeffekt doch nur ein Fettfleck und statt treuherziger Liebe zur Marke kam ganz banaler Burgerbock ans Tageslicht. Im Budget eingeplant waren jedenfalls 1000 Burger, für immer abgewandert sind im Endeffekt gut 30.000 Fans. Und das bei einer Gesamtzahl von etwa 38.000 Likes. Ups.

Burger King hat sich allerdings schnell wieder erholt und im Nachhinein Respekt für den Mut für die Aktion bekommen. In anderen Fällen haben PR-Aktionenren, bei denen sich Kunden einmischen durften, zu schweren Imageschäden geführt. Da wäre zum Beispiel Waitrose, eine englische Supermarktkette, auf deren Parkplätze eher weniger Fahrräder und mehr Cadillacs stehen. Auch hier sollten Kunden die Werbung für das Unternehmen einfach selbst machen, indem sie mit dem Hashtag #waitrosereasons twitterten, warum sie genau dort einkaufen. Die Werbebotschaften lassen an Kreativität nichts zu wünschen übrig, vermitteln allerdings nicht ganz die Botschaft, die die Erfinder eingeplant hatten: 'I shop at Waitrose because Clarrisa’s pony just WILL NOT eat ASDA Value straw'. Oder: 'I shop at Waitrose because the toilet paper is made from 24ct gold thread'.

waitrose reasonsBildquelle: dailymail


Ähnliches ist Motorola schon 2011 widerfahren
, als Facebook-Nutzer bei einer Umfrage angeben sollten, welche Apps sie sich als nächstes von den Entwicklern wünschen. Einige brauchbare Vorschläge waren durchaus dabei, die ersten zehn Listenplätze wurden allerdings von der Forderung eingenommen, den Bootloader entsperrbar zu machen, um auch Apps von anderen Entwicklern nutzen zu können. Die Schleusen gehen auf und der Kunde, der eigentlich das Instrument zur Aufpolierung des Image sein soll, hat endlich, endlich Gelegenheit, sich mit Leidensgenossen zusammenzuschließen, den in mehrminütigen Telefonwarteschleifen aufgestauten und von aufoktroyierten Frust in ein Feedback umzuwandeln, das die richtigen Leute (und alle anderen) sehen, und die Urheber all des Übels ganz nebenbei mal so richtig zu sabotieren. Jaaaaa, das macht Spaß! Die PR-Aktion wird zu einer Veranschaulichung der Weltfremdheit (bzw. Kundenfemdheit) einiger Firmen, des Unterschieds zwischen Eigen- und Fremdbild, der Unberechenbarkeit einer Zielgruppe, der Unterschätzung der explosiven Reaktionsrate im Internet und so weiter…hach, herrlich.

collage facepalm
Bildquelle: flickr | facepalm von smileycreek | cc by 2.0


Und ebenfalls ins Fettnäpfchen (oder eher: das Ölfass) des Internets gefallen ist Shell. Bei einer Aktion 2014 konnte man die gesammelten Punkte gegen einen Kindle eBook-Reader eintauschen. 999 Liter Sprit musste man dafür eigentlich tanken. An manchen Tagen gab es die Sammelpunkte allerdings auch auf Süßkram aus dem Tankstellenshop. Und irgendwie scheinen die Shell-Menschen noch nicht viel Erfahrung mit Sparfuchs-Apps gemacht zu haben. Und die sind hierzulande nun mal sehr beliebt. Jedenfalls konnte man sich den Kindle auch ohne Auto und für grade mal 20 Bountys zusammensammeln, was MyDealz herausgefunden hat, und somit auch jede Menge Schnäppchenjäger. Fazit: Werbewirkung geht an MyDealz, leergeräumte Schokoregale an Tankstellen, Serverkollaps am Einlösetag, ein paar Kunden mit Kindle, haufenweise Kunden ohne Kindle, totale Panne für Shell.

Klassische Fälle von "Ups, so war das nicht geplant". Wenn der Verantwortliche für die Kindle-Aktion bei Shell nicht inzwischen bei MyDealz arbeitet, lebt er wahrscheinlich irgendwo zwischen Kuala Lumpur und Tonga. Vielleicht trifft er da bald auf Claire und Jona. If you want the storm, you gotta deal with the shit.


Bildquelle Titelbild:
facebook | YACHT