Entdeckt
Tomy Chatbot_Michele M.F._flickr (2)
Donnerstag, 16. Juni 2016, 05:05 Uhr

Geld 2.0

Ein Talk mit dem egoChatbot

Vor kurzem ging eine Firma online, die komplett eigenständig übers Internet wirtschaftet. Ohne Menschen und mit virtuellem Geld. Das lasst ihr euch am besten von einem Bot erklären.


Wir würden euch ja gerne ein kleines Firmenportrait über die erste Firma ohne Mitarbeiter vorstellen. Aber so einfach ist die Sache dann doch nicht. Drehstuhlrennen, lauwarmer Kaffee und halbtote Zimmerpflanzen kommen bei der Sache nicht vor, dafür braucht ihr eine ganze Menge Vorstellungskraft. Wer könnte euch da besser auf die Sprünge helfen, als der (natürlich fiktive) egoChatbot?

egoFM: Hallo, egoChatbot!
egoBot: Servus!

egoFM: Schon von der ersten Firma ohne Menschen gehört?
egoBot: Klar. Schon von dem ersten Interview mit einem virtuellen Gesprächspartner gehört?

egoFM: Ha, ha. Im Ernst: Eine Firma ganz ohne Mitarbeiter, wie geht das? Erklär mal.
egoBot: Krypto-Währung macht’s möglich!

egoFM: Virtuelles Geld?
egoBot: Genau. Der Ursprung vom Ursprung der Krypto-Währung ist die Einsicht, dass Geld auch nur Papier ist. Warum also nicht stattdessen Datenpakete? Damit kann man Investitionen und auch die Bezahlung von Waren einfacher und sicherer abwickeln. Es gibt schon mehrere Projekte, das bekannteste ist Bitcoin. Jetzt kommt mit dem Ethereum-Netzwerk und der Krypto-Währung Ether ein neuer Ansatz.

egoFM: Wo ist dieses Krypto-Geld? Woher kommt es? Wohin geht es?
egoBot: Also: Nutzer, die Geschäfte mit Ether machen wollen, melden sich im Netzwerk an. Dann können sie sich virtuelle Coins generieren. Durch Rechenleistung. Die kommen dann in die digitale Brieftasche und stehen für Transaktionen zur Verfügung.

egoFM: Okay, aber....wozu????
egoBot: Erstens: Dezentralisierung. Alle Transaktionen, die in Krypto-Währung stattfinden, gehen als Datenpaket in eine Blockchain ein. Ein Datensatz, der sich laufend vergrößert und auf die Rechner aller Nutzer veteilt ist. Dadurch wird es schon mal so gut wie unmöglich, sich einzuhacken, wie es in der Rechenzentrale einer Echtgeld-Bank bisher noch durchaus möglich ist.
Zweitens: Smart Contracts. Dadurch, dass das Vermögen ein Datensatz im Netzwerk ist, kann ich andere Parameter direkt damit verknüpfen. Zum Beispiel in Verträgen, die ihre Erfüllung selbsttätig überwachen. Das konnte Bitcoin, die erste große Krypto-Währung, nur bedingt. Auf der Ethereum-Programmiersprache sind jetzt viel komplexere Verträge und noch ein Haufen ganz anderer Konstrukte möglich. Darauf baut ein ganz neues Firmenmodell auf, und auch diese Firma auf, die letzte Woche gestartet wurde.



egoFM: Erklär mal genauer!
egoBot: Die Firma heißt DAO – Dezentralisierte Autonome Organisation. Es ist eine Investmentfirma. Sie sammelt automatisch Geld und lässt demokratisch über die Investition abstimmen.
Die Investoren kaufen sich mit Ether ein und erhalten somit Stimmrechte in der Organisation, sogenannte tokens. Menschen mit guten Ideen, die ein Startup gründen wollen, bewerben sich, indem sie ihre Idee vorstellen und bewerben. Dabei müssen sie auch einen Code vorlegen, in dem die angestrebten Ziele quasi in Programmiersprache festgehalten sind. Alle Teilhaber der DAO stimmen dann darüber ab, ob die Idee finanziert wird oder nicht. Wenn die Mehrheit dafür ist, tritt der Smart Contract mit dem Startup in Kraft.

egoFM: Und was sind das für Start Ups? Gib mal ein Beispiel.
egoBot: Das sind alles Geschäftsideen, die auf der Verwendung von Krypto-Währung und folglich von Smart Contracts basieren. Das erste Startup, das sich um ein Sponsoring bewirbt, ist von den Entwicklern selbst erfunden. Es ist eine App, die sich slock.it nennt. Die hat Zugriff auf Schlösser, zum Beispiel von Autos, Schließfächern, oder Wohnungstüren. Ich kann sie also theoetisch dazu verwenden, einen Mietvertrag für meine Ferienwohnung abzuschließen: ich einige mich mit dem Mieter auf den Peis und das Datum und hinterlege diese Infos in unserem individuellen Smart Contract. Der weiß also, weche Bedingung erfüllt sein muss, damit der Mieter in meine Bude kommt: nämlich, sagen wir, 50 Ether in meiner Digitalen Brieftasche. Sobald diese Transaktion vollzogen wurde, entriegelt die App die Tür meiner Ferienwohnung. Oder ich verkaufe mein Auto an meine Schwiegermutter. Die bezahlt in Raten, aber die zweite Rate kommt schon nicht mehr fristgerecht. Zack! Bedingung im Smart Contract nicht erfüllt, Slock.it verriegelt das Auto, Pech gehabt, Hildegard!



egoFM: Ganz schön schwer zu greifen. An wen schreibe ich denn dann meine Beschwerdemails, wenn doch was schief geht? Was kann bei einem Smart Contract überhaupt schief gehen?

egoBot: Das wird sich jetzt zeigen. Verfechter der Idee sagen, das Einzige, was schiefgehen kann, ist dass mir zum Beispiel mein Handy mitsamt dem virtuellen Schlüssel zur Wohnung geklaut wird, wenn ich eine Wohnung mithilfe von slock.it gemietet habe.



In diesem Fall wird's schwierig mit der Beschwerdemail. Die Lösung liegt im Vorausschauenden denken:



Ich muss also schon im Voraus eine Notbremse mit in den Smart Contract einbauen, damit der ganze Vorgang gesperrt werden kann, wenn mir jemand mein Handy klaut. Ungefähr so, wie ich es vermeiden sollte, auf meine EC-Karte den PIN zu schreiben.

Verfechter der Krypto-Währung sehen darin die Zukunft der Wirtschaft:



Das heißt: hoch sichere, dezentrale Datenspeicherung, selbstlaufende Smart Contracts, immer mehr virtuelle Währungen und immer mehr Firmen ohne Menschen.

egoFM: Gibt's da keinen Haken?
egoBot: Doch, klar. Bisher unterliegen virtuelle Währungen starken Schwankungen - je nachdem, wie viele Nutzer sich dem Netzwerk anschließen. Im Bitcoin-Universum wächst sich das Management der großen Datenmengen zum Problem aus. Aber das alles genauer zu erklären, führt jetzt zu weit. Es könnten auf jeden Fall noch bisher ungeahnte Risikofaktoren auftauchen, zumal das ganze Konzept ja noch in Babyschuhen steckt. Das wird sich zeigen.

Ich bin jedenfalls mal gespannt, was mit Kaugummiautomaten und Einkaufswägen passiert, wenn es erst mal heißt: Tschüss Münzen und Scheinchen! Oder mit den Automaten, in denen man das Bild einer Sehenswürdigkeit auf ein Fünfcentstück walzen kann. Was sich Omas unter die Matratze schieben und was man in den Pappbecher des Bettlers an der Ecke wirft. Ihr seht, da gibt es noch jede Menge offene Fragen.


Bildquelle Titelbild: flickr | Tomy Chatbot von Michele M.F. | cc by 2.0