Entdeckt
Letters_davide vizzini_flickr
Mittwoch, 15. Juni 2016, 10:00 Uhr

Nicht nur Bahnhof

"Sag's einfach" macht schwere Texte leicht verdaulich

Sprache trägt Information. Bei so manch verschnörkeltem Schachtelsatz fragt man sich allerdings, wohin eigentlich. Das Übersetzungsbüro „Sag's einfach“ in Regensburg überwindet Sprachbarrieren und macht Texte verständlich.

"Übernehmen Stellvertreter die Vertretung eines verhinderten Ältesten, so stehen ihnen die Zahlungen gemäß der Ziffern 1.1, 2.2 und 2.3 anteilig im Verhältnis der Vertretungstage zur Anzahl der tatsächlichen Tage des Kalendermonats, bei vollen Kalendermonaten der Gesamtbetrag zu. Die Zahlungen der Ziffern 1.2 und 2.4 stehen ihnen für die im Vertretungszeitraum aufgenommenen Anträge bzw. zugestellten Bescheide zu."

Oder:

"In einem zweiten Schritt wird dann die interpretative Konstruktion der gegenseitigen Verbindungen zwischen diesen Diskursteilen und den zeitglichen gesellschaftlichen Strukturen, Themensetzungen, Wertorientierungen und Interessenvertretungen erkennbar gemacht und gezeigt, wie eine Äußerung im volkskundlichen Kontext plausibel wird, welche Anschlüsse dieser Äußerung ihre Akzeptabilität verschaffen."

Ein Hochgenuss für den beredten Ethnologen, ein wohliger Schauer auf dem Bürokratenrücken! Bei den meisten anderen Menschen lösen derartige Syntaxmonstren aber eher irgendwas zwischen leichtem Würgereflex und mittelschwerer Verzweiflung aus. Aber solche Sätze sind notwendiges Übel aller versicherungspflichtigen Deutschen und im Berufsrisiko des Studenten inbegriffen. Was aber tun diejenigen, die sich vollkommen gegen den eigenen Willen damit auseinandersetzen müssen… und scheitern?

Da wären zum Beispiel die zahlreichen Flüchtlinge. Das Asylantragsverfahren findet man im Beamtensprachenkatalog definitiv unter „Schwere Kost – selbst für Profis“. Was ziemlich widersprüchlich ist, zumal es doch eher selten Muttersprachler sind, die sich ums Aufenthaltsrecht in Deutschland bewerben. Aber nicht nur Immigranten beißen sich die Zähne an grammatikalischem Granit aus. Hierzulande gehört es nunmal oft zum guten Ton, einfache Sachverhalte in Schachtelsätze mit möglichst vielen Faltungen und doppelten Böden zu packen. Gerade so, als müsste ein Schriftstück durch Verkauderwelschung vor der Masse seiner potentiellen Leser geschützt werden.

Ob behördlicher Hindernislauf oder pseudo-akademische Angeberei - schwierige Texte nerven einfach. So einfach ist das. Und Migranten sind nicht die einzigen, die unter dieser manchmal künstlich geschaffenen Verkomplizierung von Alltagstexten leiden: Menschen mit Lernschwierigkeiten, Hörgeschädigte oder funktionale Analphabeten bleiben ebenfalls oft einfach außen vor.

Aus diesem Grund hat Stefan Müller das Projekt Sag’s einfach ins Leben gerufen, ein Übersetzungsbüro in Regensburg, das Texte aus allen Lebensbereichen in einfache Sprache übersetzt. Er ist selbst sprachlich eingeschränkt und möchte durch dieses Projekt, Menschen, die es in dieser Gesellschaft schwerer haben, inkludieren:



Sag's einfach hat bereits Texte aus ganz Bayern übersetzt. Zum Beispiel diesen Flyer des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter. Daniela Mederer von Sag's einfach hat uns erklärt, wie ein Übersetzungsauftrag abläuft:



Geprüft werden die Texte also von Experten aus der Zielgruppe: Es sind Menschen mit Lernbehinderung, die ein Urteil darüber abgeben, ob die vermeintlich einfachen Texte wirklich verständlich sind. Ist das nicht der Fall, wird nochmal überarbeitet, und dann geht der Auftrag zurück an den Kunden.

In diesem Sinne wünschen wir noch eine zu den Gunsten aller Empfänger dieser, im Auftrag von egoFM, einem Programm der Radio Next Generation GmBH & Co KG, zur Unterhaltung, Bildung und Informationsverbreitung, unter den - im sich über Bayern und neuerdings auch große Teile des südöstlichen Baden-Württembergs erstreckenden Sendegebiets - ansässigen Rezipienten, durchgeführten Berichterstattung (bzw. ihren auditiven und visuellen Erscheinungsformen) verlaufende Woche und verbleiben bis auf Weiteres mit den besten Grüßen.

Oder: Eine gute Woche noch allen Lesern und Hörern und bis bald!