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Dienstag, 19. Juli 2016, 00:00 Uhr

Prägung entscheidet, was wir hören

Unser Musikgeschmack wird uns nicht in die Wiege gelegt

"Boah, mach mal den Scheiß weg!" - So oder so ähnlich hat jeder von uns schon einmal auf ein Lied reagiert, das uns von irgendwem als der neueste und krasseste Sound angepriesen wurde - Musik ist eben Geschmackssache. Aber warum eigentlich? Eine Studie gibt Antwort.

Wie entstehen Vorlieben für bestimmte Klänge?
Wer sich mal die sogenannten Hits in den Charts anhört, wird schnell merken, dass sich jeder Song gleich anhört. Aalglatte Harmonien zusammen mit, zur Perfektion aufpolierten Stimmchen und immer auf einem 4/4- Takt. Selten sticht mal ein Song heraus, wegen seiner Einzigartigkeit und experimentellen Musikelementen.

Eine Studie, die vom Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde, macht deutlich, dass Klänge von Kultur zu Kultur unterschiedlich empfunden werden. Dazu wurden Einwohner der USA befragt und mit drei Vergleichsgruppen aus verschiedensten Bevölkerungsgruppen Boliviens verglichen. Die Studie belegt, dass in der westlichen Welt bevorzugt Harmonien gehört werden. Dissonanzen werden eher als störend und unangenehm aufgefasst. Also der ganze Justin Bieber 08/15-Mist ist nicht umsonst in den westlichen Charts auf Top-Platzierungen.

Die Befragten aus der ersten und zweiten Vergleichsgruppe kamen aus der Hauptstadt La Paz und etwas ländlicheren Städten. Sie sprechen fließend Spanisch und haben schon Erfahrung mit westlicher Musik gehabt. Deswegen wurden Dissonanzen, genau wie bei den Amerikanern, als unangenehm wahrgenommen.

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Bilderquellen Collage: flickr | “20121129 hip hop-89“ von Marnie Joyce | cc by 2.0 | "Andy teaches his cousin Ainslie to swing dance" von Andrew Turner | cc by 2.0 | „Familie und Tanzen 23 von Zeltfixierer | cc by 2.0 | „Man with headphones" von Sascha Kohlmann | cc by 2.0


Prägung bestimmt, was gehört wird

Aber jetzt kommt's: Im bolivianischen Regenwald wurden auch noch 64 Mitglieder des Tsimane-Volk zu den Klängen befragt. Ihr Dorf kann man nicht über Straßen erreichen - das ist nur mittels Kanu möglich. Westliche Musik war ihnen bis zu dem Experiment kein Begriff und wahrscheinlich auch ziemlich schnuppe. Interessant war deswegen, dass Harmonien und Dissonanzen als gleich angenehm, beziehungsweise unangenehm empfunden wurden.

Die Quintessenz aus der Studie ist also, dass konsonante (übereinstimmende) Harmonien unser eigenes Produkt sind. Wir sind demnach selbst verantwortlich, dass Lieder von Künstlern wie Katy Perry als absolute Bretter hochgejubelt werden und alles mehr und mehr zum klanglichen Einheitsbrei verkommt. Es gibt einfach keine Ausrede, von wegen Gleichklänge werden biologisch bedingt als angenehm wahrgenommen oder sowas. Das war nämlich zuvor die vorherrschende Meinung vieler Forscher. Unser Musikgeschmack ist eine Frage der Prägung.

Merke: Das nächste Mal, wenn euer bester Freund euch voller Stolz von diesem hippen amerikanischen Singer/Songwriter erzählt, schiebt ihm nicht gleich die Schuld zu, sondern der westlichen Musikkultur. Freut euch aber trotzdem, dass die Geschmäcker verschieden sind. Musik ist immer noch einer der schönsten Streitpunkte.


Bildquelle Titelbild: flickr | "phono" von Martin Fisch | cc by 2.0