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Road von Moyan Brenn_flickr
Donnerstag, 20. Oktober 2016, 00:00 Uhr

Musical Roads

Seitenstreifen statt Streichersaiten

Autoradio kaputt? Nichts zu tun? Dann fahrt doch mal über eine Musical Road und lauscht dem zarten Gesang eurer eigenen Räder.

Da will man einmal in Ruhe ein kleines Nickerchen halten und dann machen einem diese Gripstreifen wieder einen Strich durch die Rechnung: Kaum berühren die Reifen den Rand der Fahrbahn, dröhnt es im ganzen Innenraum, als würde ein Frettchen im Handschuhfach eine Kreissäge bedienen. Zack, der Kopf fährt vom Lenkrad auf, das Herz hämmert, und man ist hellwach. Ist man denn nicht mal in der akustischen Wattewolke des Fahrzeuginnenraums vor so einem Lärm geschützt? Da kann man sich ja genauso gut wieder auf’s Fahren konzentrieren!

Anstatt sich nur über dieses Störgeräusch vom Seitenstreifen zu ärgern, könnte man es doch auch einfach verschönern. Die Idee hatten schon Menschen auf der ganzen Welt, zuletzt in den USA. Das Prinzip ist immer dasselbe: kleine Erhebungen im Boden bringen die Reifen zum Schwingen und der Schall überträgt sich ins Innere des Wagens. Das kann nun entweder ein einziger Weckton sein oder eben eine ganze Melodie, vorausgesetzt jemand macht sich die Mühe, die Intervalle der Boden-Schall-Wellen genau abzumessen.



Wenn also euer Autoradio kaputt ist, könnt ihr zum Beispiel auf der Route 66 eine Spritztour machen und über den besonders groovigen Abschnitt rattern, dann läuft in voller Lautstärke „America the Beautiful“. Oder eben die Darth Vader, beziehungsweise Chipmunk-Version, falls ihr zu langsam oder zu schnell fahrt.

In Dänemark gibt es schon seit 1995 ein Asphaltophon. In Japan gleich drei mal, dort erklingt auf einer der Melody Roads zum Beispiel die Hit-Ballade von 1963 „Miagete goran yoru no hoshi wo“. Falls ihr inzwischen nicht mehr ganz so textsicher seid, dann lohnt ein Ausflug nach Südkorea: Gang einlegen, auf die Richtgeschwindigkeit beschleunigen und zu „Mary had a little Lamb“ abgehen. Und für Klassikfans: In Kalifornien überfährt man auf einer Viertelmeile das Finale der „William Tell Overture“. Statt auf Streichersaiten auf dem Seitenstreifen. Episch. Und ein guter Grund, wachzubleiben und mit der richtigen Geschwindigkeit zu fahren.



Bildquelle Titelbild: flickr | Road von Moyan Brenn | cc by 2.0