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Donnerstag, 10. November 2016, 11:00 Uhr

Die Vannomaden

Unterwegs kreativ

Es ist eigentlich so einfach: Man kauft sich ein Wohnmobil, trimmt den Job auf Home-Office und fährt los. Wir haben mit Paul & Kathi über ihr Leben auf der Straße gesprochen - und dabei ganz arg Fernweh bekommen.

Vor einem guten halben Jahr haben sich die beiden Grafikdesigner nämlich entschieden, ihren Job mobil zu machen - so touren die beiden nun in einer Kreativagentur auf vier Rädern durch Europa.

Die Idee und folglich Inspiration dafür sind Paul und Kathi dadurch gekommen, dass sie sowieso schon die ganze Zeit mal zusammen ins Ausland gehen wollten. Beinahe wären sie deswegen nach China gegangen, um dort zu arbeiten. Nach längerem Überlegen kamen sie dann allerdings drauf, dass sie sich den Auslandsaufenthalt lieber selbst zusammenschneidern und auf ihre Hobbys ausrichten würden - weil diese jedoch ziemlich unterschiedliche sind (longboarden, surfen, snowboarden und wandern), war das relativ schwierig, die eierlegende Wollmilchsau unter den Städten zu finden. Die Lösung: einfach mobil sein. Und dementsprechend flexibel.



Ein halbes Jahr lang haben Kathi und Paul ihre Abfahrt geplant. Sie wollten sich Zeit nehmen, den passenden Camper zu finden, der auch mit Dusche und Toilette ausgestattet ist. Die Finanzierung stellte sich relativ unbeschwert dar: "Man investiert sein Geld in etwas, das man irgendwann auch wieder superleicht losbekommt." Eine fahrende Immobilie, quasi. Wenn man im schlimmsten Fall schon nach ein paar Wochen keinen Bock mehr hat, hat man einfach eine gute Reise hinter sich.
Auch was die Unterhaltskosten angeht, leben die beiden ziemlich günstig. Der Strom kommt von einer Solarzelle, Wasser zum Auffüllen des Tanks gibt es an vielen Orten gratis und statt Miete zahlen sie Sprit. Einen guten Tausender geben die beiden pro Person im Monat aus - inklusive Versicherung und dem ganzen Zeug.

Mit den beruflichen Risiken sind sie ebenfalls locker umgegangen: "Das Schlimmste, das passieren kann, ist dass wir in einem Surfshop oder Bar arbeiten müssen", erzählt Kathi. "Zum Glück geht sich aber alles wunderbar aus."
 
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Der Arbeitsalltag könnte den gewöhnlichen 9-18-Uhr-Malocher ein bisschen nachdenklich machen: Aufstehen, arbeiten, gegen Mittag den Laptop aus der Hand legen und mit Longboard, Surfbrett oder Snowboard austauschen. Gegen Abend geht's dann wieder ins kleine Büromobil, wo Kathi und Paul dann nochmal für ein paar Stunden arbeiten. Der Vorteil an den abendlichen Stunden: sie haben Ruhe. Kaum mehr Mails und Anrufe kommen durch, dass sie konzentriert arbeiten können.
Viele ihrer Kunden buchen die beiden übrigens gerade wegen ihres außergewöhnlichen Büros - ist schließlich kein Geheimnis, dass Kreativität beim Reisen beflügelt wird und die ganzen neuen Eindrücke wie ein Katalysator im Hirn wirken und Ideen produzieren.

Zu Beginn ihrer Reise haben die beiden noch häufig den Ort gewechselt und waren manchmal nur zwei Tage an derselben Stelle. Im Sommer verbrachten sie dann allerdings ein paar Wochen am Stück am Meer in Frankreich - dort, wo die Wellen besonders gut sind. Dadurch hatten sie auch erstmal Ruhe, sich nicht alle paar Tage eine neue gute Stelle zu suchen, an der sie bestenfalls Strom und Wasser zapfen können. Der Alltag sieht in so einer fahrenden Unterkunft natürlich ganz anders aus, dass sich sogar die Suche nach WLAN als nervige Herausforderung darstellt. Das haben sie aber sowieso schon anders gelöst: Paul und Kathi benutzen zum Surfen zwei SIM-Karten mit jeweils 10 Gigabyte Datenvolumen - das sind dann circa 330 Megabyte pro Person am Tag. Groß Videos, Musik, geschweige denn Filme streamen ist da nicht drin. Das wiederum hat auch schon wieder einen Vorteil: die beiden geraten so nicht in Versuchung, stundenlang mit dem Internet zu prokrastinieren. "Das ist wie in den 90ern", sagt Paul.

Seit zwei Wochen sind sie in den Bergen. Dort haben sie erstmal den Camper winterfest gemacht und sich mit Snowboard-Zeug ausgerüstet, die nächsten Monate wollen sie nämlich "im Skigebiet rumlungern". Nur über Weihnachten geht es eventuell kurz Heim, "Geschenke abholen". Das ist es eben: Sie sind mobil und können überall dahin fahren, wo sie hin wollen - jederzeit.
Im Mai geht's dann wieder Richtung Sommer. Wirklich weiter geplant haben Kathi und Paul allerdings noch nicht. Fest steht, dass sie erstmal nicht sesshaft werden. "Es ist eine Reise mit unendlich viel Zeit", sagt Paul.

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Auf Instagram könnt ihr die Vannomaden auf ihrer Reise begleiten - aber Vorsicht, die Bilder sind so wunderschön, dass es tatsächlich etwas sehr weh tun kann. Da kann man sich schon fragen: Leben wir denn wirklich so total falsch? Es muss doch wohl Tücken geben? Paul sagt dazu:

Eine Heimat zu haben ist großartig, allerdings vergisst man das im Alltag schnell. Erst, wenn man eine Zeit im Ausland verbringt, lernt man den festen Wohnort wieder richtig schätzen.
Außerdem muss man auch wirklich Bock drauf haben - Bock, sich monatelang auf zehn Quadratmetern zu bewegen, schlafen, arbeiten und zu leben. Und das ist freilich nicht für jeden was.
Auch gewisse Charakterzüge muss man mit sich bringen, gerade wenn man zu zweit reist: viel Toleranz und Empathie. Man hängt schließlich die ganze Zeit aufeinander rum.

Paul und Kathi sind auch von einer wahnsinnigen Motivation getrieben:

Wir wollen unseren Platz in der Welt finden. Örtlich, ebenso wie geistig.
Dass sie sich aber irgendwann mal in einem Blockhäuschen in Kanada neiderlassen, könnten sie sich schon vorstellen. Ihr Tipp ist aber dennoch: Einfach ausprobieren. Einfach machen.

Es ist gar nichts besonderes, was wir machen. Wir haben es einfach gewagt.- Paul

Der Schritt zurück ins alte Leben ist auch sehr einfach. Man findet schließlich immer wieder Wohnung und Job.
- Kathi

Sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt gehabt, wenn ihr plötzlich den Job schmeißt, einen Wagen kauft und losdüst!


Bildquelle: facebook | Vannomaden