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Donnerstag, 08. Dezember 2016, 10:00 Uhr

Club Zollamt schließt

Ein weiterer Club in Stuttgart hört auf

An Silvester findet die letzte Party im Club Zollamt statt. Damit ist nach 16 Jahren Schluss mit Feierei am alten Güterbahnhof. Trotzdem ist das kein Grund, traurig zu sein.

Ein wenig sauer ist Joachim Petzold schon darüber, dass er Ende des Jahres seinen Club Zollamt in Bad Cannstatt schließen muss. Seit Jahren versucht er Quartiersarbeit zu leisten und ein vernachlässigtes Stuttgarter Stadtviertel – Veielbrunnen – kulturell wiederzubeleben. Und an wem scheitert es ausgerechnet? An ein paar wenigen lärmempfindlichen Nachbarn. Also indirekt: Die Beschwerden hat die Bürgerinitiative aus dem Viertel an Joachim und sein Team übermittelt.
So enttäuscht er auch ist, verstehen kann er deren Argumente schon. Die Partygäste, die nachts auf dem Heimweg laut reden, grölen oder weiter Musik auf ihren Boxen hören, sind für die Bewohner in der Nähe des Zollamts eine Belastung. Genau das ist auch der Grund, warum Ende des Monats der Partybetrieb eingestellt wird: nicht der Club ist zu laut, sondern dessen Besucher auf dem Heimweg. Doch Joachims Problem ist, dass vom Club Zollamt viel mehr abhängt als ein bisschen Party. Letztlich schaden sich die Beschwerdeführer durch ihr Anliegen selbst.

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Betreiber Joachim Petzold auf dem Zollamt-Gelände

Was passiert mit der Kulturinsel?
 
Mit dem Club eng verbunden ist auch die Kulturinsel Stuttgart, eine bunte Spielwiese für urbane Kultur. Auch sie nutzt die Flächen und Räumlichkeiten um das Zollamt und – das ist die gute Nachricht – soll weiterhin erhalten bleiben. Das Problem: sie finanziert sich zu einem großen Teil durch die Einnahmen der Feten im Club. Deswegen ist Joachims größte Sorge, wie er es ab nächstem Jahr schaffen soll, die Kulturinsel finanziell auf eigene Beine zu stellen. Eigentlich würde er dafür gerne weiterhin einmal monatlich die Ü30-Party im Club stattfinden lassen – die dann einzige Veranstaltung im Monat. Nicht nur, weil ihm die Partyreihe am Herzen liegt, sondern auch, weil sie weiterhin eine gute Einnahmequelle wäre. Doch einmal im Monat ist der Bürgerinitiative zu viel. Dabei wird die Kulturinsel dem Viertel diesen Sommer einen Biergarten, OpenAir-Kino, Kaffee für 1 € und noch viel mehr bieten. Reicht als Argument wohl nicht.


So sah es dieses Jahr bei den Culture Days auf der Kulturinsel aus.

Zukunft auf zwei Jahre begrenzt


Dass Joachim sich überhaupt so viele Sorgen um die Kulturinsel macht, kann man als idealistisch bezeichnen. Denn auch deren Zukunft ist nur noch für die kommenden zwei Jahre gesichert. Dann sollen die Bagger anrollen und auf dem Gelände neue Wohnungen entstehen lassen. Joachim hat kein Problem damit, das Gelände zu räumen, wenn es so weit ist – schließlich war er sich der temporäreren Nutzung bewusst. Trotzdem wünscht er sich, dass es anders käme.

Wir träumen darüber hinaus.
Schließlich müsste für die neu entstehenden Wohnviertel erneut kulturelle Infrastruktur geschaffen werden – etwas, dass durch die Kulturinsel eigentlich schon da wäre. Besucher aus anderen Städten schütteln ohnehin den Kopf. Bei ihnen würden solche einmaligen Projekte sogar gefördert werden, erzählen sie ihm. Ob das die Stuttgarter Stadtplaner auch so sehen, wird man erst in zwei Jahren wissen.
Doch so weit in die Zukunft zu schauen, wirkt für die Menge an Aufgaben, die vor dem gesamten Areal des Zollamts stehen, zu weit geschaut.
Diesen Monat stehen erst noch einmal alle Feiern an, die man vom Club Zollamt gewohnt war – inklusive eines dreitägigen Contdowns und großen Silvesterabschlusses. Ab Januar beginnt dann ein neuer Abschnitt auf dem Gelände. Mit weniger Partygästen, aber weiterhin vielen Kreativen und Stuttgartliebhabern, die an ihren Projekten und Ideen weiterarbeiten.


LIFT DasStuttgartmagazin mittelNoch mehr über die Schließung des Club Zollamts erfahrt ihr in der aktuellen Ausgabe von LIFT – das Stuttgartmagazin.



Bildquelle: egoFM