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Goodbye Euopa! von Comrade King_flickr
Freitag, 13. Januar 2017, 00:00 Uhr

"Hier könnte ihre Werbung stehen!"

...is nicht mehr

Plakatständer sind manchmal Klebeflächen für furchtbar trashige Geschmacklosigkeiten. Manchmal aber auch öffentliche Leinwände für wahre Kunstwerke. Trotzdem schränkt die Stadt Augsburg den Zugang zu solchen Werbeflächen jetzt ein.

Drehen wir die Uhr mal kurz um ein halbes Jahrhundert zurück. Wir befinden uns jetzt in Wittenberg, Stadtzentrum, es ist ziemlich kalt, zwei fette, nasse Ratten tollen über die großen Pflastersteine – Mittelalter eben. Ok, jetzt drehen wir die Uhr wieder ein halbes Jahr vor, es ist heiß, wahrscheinlich stinkt es einigermaßen und die Ratten sind zahlreicher und dafür sommerschlank. Großer Aufruhr auf dem Kirchhof, denn letzte Nacht hat ein ziemlicher Draufgänger in jutebrauner Tarnkutte 95 verwegene Behauptungen an die die Kirchtür…. gepostet, müsste man heute wohl sagen. Natürlich war das Luther, und der hat damit quasi die Religion einmal umgekrempelt. Doch nicht nur das. Seine Nacht-und-Nebel-Aktion ist die wohl bekannteste Wildplakatierung, die wir alle kennen, und Luther damit nicht nur ein weltberühmter Religionskrempler, sondern auch ein ziemlicher Street Art-Pionier.

Die Idee hatte Luther natürlich nicht als erstes, ein Plakat ist schließlich die naheliegendste Form der Werbung. Im Laufe der Zeit hingen an der Kirche (oder am Dönerladen gegenüber) vermutlich die verscheidensten Sprüche: „Stammtisch der Gerberzunft Wittenberg jeden ersten Donnerstag“, Aufforderungen wie „Kämpf für dein Vaterland – werd' Soldat“, dann immer öfter: „Wir drucken Ihr Buch“ – und mit diesem Verfahren wurde die Plakatlandschaft dann auch ziemlich schnell ziemlich unüberschaubar.

Produkte, Veranstaltungen, Politische Diskussion – alles kann und wird daher auch auf Plakaten verbreitet. Ab 1854 stellt man sogar sperrige Litfaßsäulen in die Landschaft, nur um mehr Klebefläche für die bunten Rechtecke zu schaffen. Kein Wunder, dass Plakate oft wahre Kunstwerke sind. Und wie für den Revoluzzer Luther sind sie auch heute oft noch ein friedliches Mittel zu kreativem Protest oder ein Tritt in den Po an alle Menschen da draußen. Siehe das größte Plakat der Welt (8.115,53 m²), das im Mai 2016 in der Schweiz ausgelegt wurde. Da ging‘s um das bedingungslose Grundeinkommen:

grundeinkommenplakat fb
Bildquelle: facebook | Generation Grundeinkommen

Na gut, die Schweizer haben das größte, aber size doesn’t always matter, und genauso wenig muss man sich immer zum Ziel setzen, die Grundfesten der Kirche zu erschüttern.

collage barbara
Bildquellen Collage: facebook | Barbara.

Grundsätzlich sind Plakate meistens informativ, schön oder zumindest rätselhaft, im besten Fall ein bisschen von allem. Wie bunte Blumen blühen sie am Wegesrand, und man kann sich ein Stadtbild ohne Plakate nicht wirklich vorstellen. Das können auch diejenigen nicht, die sie bedrucken und verteilen.

Deshalb wird in Augsburg derzeit heiß diskutiert: Die Stadt Augsburg hat die bunte (und teils zerpflückte) Vielfalt auf dem Grünstreifen satt, verringert die Anzahl der Plakatständer, tauscht Pressspanplatten gegen gerahmte Edelstahlaufsteller aus und stellt zusammen mit diesen gleich ein paar neue Bedingungen zu deren Bestückung auf: Ab jetzt werden auf diese Art nur noch Veranstaltungen der Stadt oder mit staatlicher Förderung beworben. Privatkunden dürfen die Werbeflächen nur noch mieten, wenn die Location weniger als 500 Gäste fasst. So sollen die billigen Plakatständer Veranstaltern von kleineren Events zugänglich gemacht werden. Die allerdings meinen, dass Events dieser Größenordnung nicht mal das Budget für diese eher preiswerte (im Vegleich zu Litfaßsäulen u.ä.) Form der Plakatwerbung haben, und somit alle außer der Stadt selbst aus dem Wettbewerb raus sind. Denn billiger darf man in Augsburg nicht plakatieren – Stromkästen sind (und bleiben voraussichtlich) tabu.

Damit wird der Artenreichtum der großformatigen rechteckigen Papierblumen an Augsburger Straßenrändern wahrscheinlich erheblich zurückgehen. Und die Luther’sche Urform des unerlaubten Thesenklebens 500 Jahre später und 500 km südlich eine Art Rennaissance feiern. Mit anderen Worten:

barbara tb fb
Bildquelle: facebook | Barbara.

Bildquelle Titelbild: flickr | Goodbye Euopa! von Comrade | cc by 2.0