Tofujobs

Tofujobs

Sophia Bloggt

Langeweile ist ein eindimensionales Gefühl. Sie führt nirgendwohin. Genauso wie eine Studie, die danach fragt. Langeweile ist wie Tofu: farblos, geschmacksneutral, unauffällig. Passt zu jedem Gericht - respektive jeder Unannehmlichkeit.

Schon in Kindheitstagen war die Langeweile mein Angstgegner. Trotzdem bin ich an faden Nebenjobs nicht vorbeigekommen – wie wahrscheinlich jeder. Bei mir waren es die Toastscheiben, die auf dem Fließband auf mich zu- und, um eine Käsescheibe reicher, wieder von mir wegfuhren. Elise hat in ähnlicher Position Federbandschellen aussortiert, Maria hat Angelschnüre auf Angelschnurrollen gerollt und diese dann beklebt, Max‘ Aufkleber landeten auf Regalen mit Papierwaren, Sebastian hat Salzproben eingetütet und David Eiskugeln geschaufelt.

Das waren alles Ferien- und Nebenjobs, die schon allein dadurch erträglicher wurden, dass man ein Licht am Ende des Tunnels sehen konnte. Wie sieht das aus, wenn wir über richtige Vollzeitarbeit sprechen?

Ich gebe zu, ich erwische mich selbst dabei, wie ich immer schneller geneigt bin, zu sagen: „ich hab keine Luuu-huuuuuuuust“. Weil die Langeweile nach wie vor der Endboss ist und die Zeiten, in denen man 40 Jahre auf ein und denselben Bürostuhl furzt, sowieso vorbei sind. Und dann lese ich diese Studie mit dem Titel „Was sind die langweiligsten Jobs?“. Eigentlich Wasser auf meine Mühle.

Law professionals are the least upbeat employees, with 8 out of 10 saying they are bored at work, and that CEOs are just as bored as junior employees.
Trotzdem stört mich die Studie. Warum? Man könnte sagen, ich finde sie langweilig. Aber das wäre ungenau – was genau ist „langweilig?“. Auf jeden Fall nix Gutes, aber da hört es mit der Bedeutungstiefe auch schon auf. Um den faden Begriff ein wenig zu schärfen: Es ist nicht der Lustgewinn, der mir an der Studie fehlt, sondern der Erkenntnisgewinn. Was bringt es mir / uns / ihm, dass auch der CEO seine Berufsödnis jetzt empirisch belegt sieht? Verbrüderung in der unendlichen Sinnlosigkeit des Seins?

Boring von Strevo flickr
Bildquelle: flickr | Boding von Strevo | cc by 2.0

Ich sehe das so: Wir haben heutzutage so viele Möglichkeiten, etwas zu tun, was uns, ich nenne es mal: erfüllt. Da wird man von Natur aus sprunghaft. Gibt doch bestimmt immer irgendwo noch was Besseres als das, was ich gerade mache? Und jetzt endlich schwarz auf weiß: Genau! Alles langweilig! Es wird also das Wasser der Wissenschaft auf eine Mühle gegossen… die überhaupt nicht mahlen sollte. Auf der Arbeit nur nach Spaß zu suchen ist oberflächlich und eindimensional, und nur nach Langeweile zu fragen, ist das auch.

In einem anderen Absatz steht über die Italiener: „many locals are often content with just having a job, and lack the confidence to quit, no matter how dull their working life.“ Bei der Wortwahl meine erste Reaktion: Die armen Italiener! Und das folgt genau der Kindergartenlogik, auf der die Befragung basiert: Langweilig = blöd. Der Autofabrikarbeiter in den Dreißigern hatte sicher auch schon keinen Spaß dabei, Nockenwellen auf Motoren zu schrauben. Der konnte sich aber ein übergeordnetes Ziel aus dem noch viel homogeneren Wertekatalog der Gesellschaft aussuchen und als Karotte an die imaginäre Angelschnur vor seiner Nase hängen. Und dann ging’s schon. Heutzutage kann man sich sein Weltbild frei und individuell zusammenbauen. Das ist schön. Man langweilt sich schnell. Das ist okay. Aber wenn man sich langweilt, muss man halt auch eine persönliche Strategie ausfuchsen, um dem Abhilfe zu schaffen. Richtig gewürzt schmeckt Tofu nämlich ganz gut. Darüber könnte man doch mal eine Studie machen.

Bildquelle Titelbild: flickr | Capitalism is boring von Craig Morey | cc by 2.0

Design ❤ Agentur zwetschke