Es tut mir Leid, Pocahontas!

Es tut mir Leid, Pocahontas!

Darf man zu Fasching alles tragen?!

Wo hört schlechter Geschmack auf und wo fängt Diskrimierung an? Parken wir die political correctness im Kleiderschrank, wo sonst die restlichen 350 Tage im Jahr unsere Cowboy- und Indianerkostüme lagern? Lasst uns darüber sprechen!

Die Narrenzeit galt doch schon immer als eine Art moralischer Ausnahmezustand und für extrem viele Teilnehmer der Freifahrtschein für strittiges Verhalten. Also eine Art Ventil, sein inneres Biest rauszulassen, das normalerweise an den Ketten von Gesetz, Geschmack und Moral hängt. Klingt irgendwie nach The Purge, nur mit Korn, Konfetti, Kotze und Knutschereien anstatt der ganzen Gewalt. In diese Richtung darf bitte aber mal überhaupt nicht gedacht werden! Auch im Fasching oder Karneval gibt es keinen Blanco-Scheck für unmoralisches Verhalten oder schlimmeres! Auch nach der zehnten kalten Muschi (so nennt man Wein, den man mit Cola mischt, ihr Ferkel) ist ein nein ein nein! Egal ob da die sexy Krankenschwester, Bob der Baumeister oder Pocahontas steht.
Debatten werden derzeit aber nicht darüber geführt, ob eine Armlänge Abstand ausreicht, sondern eben über Pocahontas.

War da nicht was bezüglich kultureller Klischees, die in Form optisch überspitzter Präsentation als Diskriminierung von Minderheiten verstanden werden können? Als Kind war ich zwar nie Indianer, aber Cowboy. Habe ich damals dann nicht irgendwie die U.S. amerikanische Bevölkerung diskriminiert? Schließlich sind ja nicht alle Amis Cowboys. Genauso, wie nicht alle Indianer aussehen wie Pocahontas, Winnetou oder Bully Herbig mit Langhaarperücke und brauner Schminke. Mein Ziel war doch aber ein ganz anderes. Ich fand die Vorstellung, ein Cowboy zu sein, einfach toll. Einmal im Jahr hatte ich die Gelegenheit dazu und war dann einfach in voller Montur ein Cowboy mit Colt, Gürtel, Hut, Scherriffstern und allem was sonst noch dazugehört. Und falls ich mich damals unrühmlich kostümiert habe, sind rückblickend nicht meine verantwortungslosen Eltern schuld an diesem moralischen Schlamassel? Die haben mich den Zwirn ja schließlich tragen lassen!

Das dachten sich auch einige Nutzer von Amazon, als sie über das Angebot für ein Flüchtlingskostüm für Kinder stolperten. Ein regelrechter Shitstorm entbrannte in den Kommentarleisten, da einige Bezüge zu aktuellen und historischen Ereignissen herstellten. Es stellte sich jedoch heraus, dass die meisten Käufer aus Großbritannien stammen. Dort finden jährlich Veranstaltungen statt, um die Schrecken des zweiten Weltkrieges zu verdeutlichen. Die Detailtreue der Verkleidungen dient folglich zur Veranschaulichung historischer Ereignisse. Dass es sich bei diesen Memorials keinesfalls um feucht fröhliche Veranstaltungen handelt, muss nicht extra betont werden.

fasching flüchtlinge amazon


Dennoch: Selbst mit den gängigen Verkleidungen kann man beim Fasching einiges falsch machen. Man muss sich schon extrem anstrengen um niemandem mit seiner optischen Erscheinung auf die Füße zu treten. Was spricht denn gegen ein Indianerkostüm? Nun ja, es reduziert einen Kulturkreis auf ein äußerliches Klischeebild. Mexikanischer Stierkämpfer? Selbe Ausgangslage, nur wird diesmal ein komplettes Land über einen Kamm geschoren. Außerdem sind Stierkämpfe aus Sicht des Tierschutzes moralisch verwerflich, also doppelt schlechte Idee. Engel und Teufel? Stehen jeweils für Gut und Böse im christlichen Glauben. Da wir hier am Rande der Blasphemie agieren, lassen wir das mal lieber auch bleiben. Alles was „sexy“ in der Kostümbeschreibung enthält ist logischer Weise sexistisch. Katze, Krankenschwester, Hexe - fällt alles raus. Verfährt man weiter nach diesem Schema, bleibt eigentlich keines der konventionellen Kostüme übrig.

Viele Männer mittleren Alters verkleiden sich ja gerne zu Fasching als Frauen. Da kann doch nun wirklich nichts Verwerfliches dran sein. Sieht doch ganz witzig aus! Die Gender-Forschung versteht da aber keinen Spaß. Zum einen wird hier generell die Femininität ins lächerliche gezogen, indem Frauen auf ihre sexuellen Attribute in einer antiästhetischen Weise reduziert werden. Außerdem diskriminiert es die breite Palette an Gender-Gruppen, wie Transgender, Transsexuelle, Cross-Dresser, etc.

fasching kostüm2

Ein einziges Minenfeld, dieser Fasching! Wenigstens in der Ecke der Nahrungsmittel kann man doch nun wirklich nichts falsch machen oder? Erdbeere, Banane, Brot, Schinken - das sind doch gute Alternativen. Wer jetzt hier einen moralischen Vortrag über die menschenunwürdigen Produktionsbedingungen in Dritte-Welt-Ländern erwartet und die weltweite Hungersnot, der wird nun herb enttäuscht. Irgendwo ist auch mal eine Grenze der Korrektheit erreicht. Es ist schließlich Fasching, Leute! Da ging es schon immer darum, sich selbst und andere nicht zu ernst zu nehmen.

Außerdem gibt es eine Art der Diskriminierung, die wohl von der Mehrheit der Feiermenge als verwerflich identifiziert werden kann, nämlich den offensichtlichen Rassismus, den man nicht mit der Lupe suchen muss! Fragt aber bitte beim Mann mit dem verdächtigen Bärtchen an der Bar vorsichtshalber nochmal nach, ob er nicht doch als Charlie Chaplin verkleidet ist. Basierend auf der Antwort können dann weitere Maßnahmen eingeleitet werden.

Für all diejenige, die kein Risiko eingehen wollen, hier zwei Tipps:
1. Besorgt euch einen beigen Morphsuite.
2. Bleibt zu Hause.

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