Frauen der süddeutschen Musikszene

Frauen der süddeutschen Musikszene

Zum Weltfrauentag 2017

Zum Weltfrauentag stellen wir sie euch vor: Frauen, die in ihren Städten die Musikszenen ordentlich aufblühen lassen. Und zwar nicht, um ein Problem anzuprangern, sondern um zu inspirieren und zu zeigen, wie wichtig es - für jedes Geschlecht - ist, Dinge einfach mal anzupacken.

Heute, am 8. März, ist Weltfrauentag. Über hundert Jahre nachdem dieser zum ersten Mal stattfand, um Wahlrecht und Emanzipation zu sichern, mag sich der ein oder andere doch bei dem Gedanken ertappen, ob wir das überhaupt noch brauchen. "Frauen dürfen doch mittlerweile wählen und den ganzen Tag in der Küche müssen sie auch nicht mehr stehen. Was wollen sie denn noch?" Oh, einiges. Denn davon abgesehen, dass Frauen in den meisten Ländern der Welt mittlerweile wählen dürfen und sich Frauen in den meisten Ländern der Welt nicht mehr um Haushalt und Kinder kümmern müssen und frei von Familie und Mann sind, gibt es immer noch wahnsinnig viele Ungleichheiten, auch hierzulande. Stichwort Gehalt, Stichwort Familien-Karriere-Balance, aber auch Stichwort Wertschätzung. Gerade letzteres betrifft nämlich die kreative Szene: reine Frauenbands werden auf die Tatsache, eine reine Frauenband zu sein runtergespielt, singende Mädchen mit Gitarre werden immer noch mit Attributen wie zauberhaft oder süß versehen, weiblichen DJs wird vorgeworfen, sie hätten doch gar keine Ahnung von der Technik, die dahinter steckt und wenn sich eine Frau einmal für Bands einsetzt, bekommt sie meist den eher negativen Stempel des Groupies aufgedrückt.

All dies führt zu einer Einschüchterung, die viele Frauen letztlich davon abhält, einfach mal zu machen. Und das ist ja wohl Quatsch. Ein Geschlechtsteil ist schließlich nichts, was einem magische Fähigkeiten in gewissen Gebieten verleiht, Zauberstab-Synonym hin oder her.
Heute wollen wir euch deswegen Frauen vorstellen, die sich in ihren jeweiligen Städten stark für die Musikszene einsetzen. Um zu zeigen: Es geht. Wenn man eben einfach mal macht.

Julia Viechtl (München)
Wer sie ist: Musikerin, Veranstalterin, Förderin
Was sie macht: Julia arbeitet zum einen für die Fachstelle Pop, die 2009 vom Feierwerk gegründet und vom Kulturreferat München finanziert wird. Dabei handelt es sich um eine Anlaufstelle für sämtliche Akteure der Musikszene, die sich dort beraten lassen oder an Workshops teilnehmen können. Des Weiteren organisiert die Fachstelle Pop diverse Veranstaltungen, die junge Bands fördern, beispielsweise das Sprungbrett.
Ihr Herzensprojekt ist auch das Club-Festival manic street parade. Diese fand letztes Jahr zum ersten Mal einen Abend lang statt und geht 2017 in die nächste Runde - diesmal doppelt so lang: Am 27. und 28. Oktober gibt es in allerlei Bars und Clubs im Münchner Schlachthofviertel wieder allerlei Künstler live zu entdecken.
Wie sie dazu gekommen ist: Julia ist selbst auch Musikerin, unter anderem in der Band Fertig, Los. Irgendwann hatte sie Lust, nicht nur die künstlerische, sondern auch die organisatorische Seite der Musikbranche zu übernehmen und bot dem Manager der Band ihre Mitarbeit ein. Über diese Stelle gelangte sie schließlich nicht nur an die Stelle beim Feierwerk, auch die Idee zum eigenen Festival entwickelte sich - das Resultat ist nun die manic street parade.
Worin sie den Grund für die geschlechtliche Imbalance in der Musikszene sieht: Frauen machen sich viel zu viele Gedanken, wie sie beispielsweise als Musikerin auf der Bühne rüberkommen - Männer machen einfach. Auf der Seite der Musikbranche wiederum hat Julia das Gefühl, dass es gerade einen guten Wandel gibt und zunehmend Frauen Berufe in der Musikszene aufnehmen, weil viele erkennen, wie unwichtig das Geschlecht, und wie wichtig bloßes Können ist.



Annette Loers (Stuttgart)
Wer sie ist: Bookerin und Pressesprecherin
Was sie macht: Annette organisiert und bucht die Veranstaltungen, die im Kulturzentrum Merlin stattfinden. Allerdings nicht die Konzerte, das macht ihr Kollege. Ihr Steckenpferd sind die ganzen anderen Veranstaltungen daneben.  Das bedeutet für Annette jeden Tag: viele E-Mails beantworten und auch mal bis spät in die Nacht im Merlin bleiben. Das Merlin liegt im Stuttgarter Westen und ist keine reine Konzertlocation, sondern veranstaltet auch Info- und Kulturevents und ist auch Anlaufstelle für die Nachbarschaft.
Wie sie dazu gekommen ist: Annette kann nichts anderes, das sagt sie selbst. Schon während ihres Studiums in Düsseldorf  hatte sie Lust darauf gehabt, in der Kulturszene zu arbeiten. Als sie damals am Schwarzen Brett ihrer Fachhochschule eine Praktikumsstelle im Kulturzentrum zakk fand, stieg sie sofort ein und wechselte später nur noch die Stadt. Der Kulturszene blieb sie treu. 
Wie sie zur Frage steht, ob die Musikbranche noch immer ein  Männerbusiness ist: Annette sieht schon, dass ihr ganzes Arbeitsumfeld noch immer sehr männlich dominiert ist. Die Diskussion darüber ärgert sie aber. Sie findet, dass egal ob Mann oder Frau, sich alle behaupten und gute Arbeit abliefern müssen. Dementsprechend findet sie es falsch, bewusst Frauenmusiktage oder spezielle Frauenthemenwochen abzuhalten. Damit betone man ja nur, dass es einen Unterschied gibt und Frauen in der Branche nicht normal seien. Und das will sie nicht.



Jule Sperber (Regensburg)
 
Wer sie ist: Veranstalterin, Organisatorin, Kulturschaffende
Was sie macht: Jule macht eigentlich alles, was sie gerne machen möchte. Als sie Bock hatte, Bands dabei zu unterstützen an Auftrittsmöglichkeiten zu kommen, hat sie die Konzert for good people Reihe ins Leben gerufen, bei der Bands, Musiker oder auch DJs in verschiedenen Regensburger Locations spielen. Mittlerweile organisiert sie unter diesem Namen immer wieder wunderbare Abende an wechselnden Stellen der Stadt. Danach ist Jule aufgefallen, dass ein alter Friseurladen in der Innenstadt ungenutzt leersteht - also wurde con_Temporary geboren. Das ist ein Verein, der sich mit der Zwischennutzung leerstehender Räume auseinandersetzt und versucht, dort dann Performances, Ausstellungen oder andere Veranstaltungen geschehen zu lassen, wofür Jule mittlerweile die Organisation übernimmt. Und neben alldem hat die ehemalige Studentin auch noch jahrelang beim Campus e.V. mitgewirkt, den ihr sicherlich dank des Regensburger Campusfests kennt.
Wie sie all das macht: Wenn man Jule länger zuhört, ist man danach Feuer und Flamme und stellt sich die Arbeit im Kulturbereich locker flockig vor. Selbstverständlich ist sie das nicht, aber Jule sagt, dass man eigentlich einfach erstmal mutig genug sein muss, dumme Fragen zu stellen. Man muss offen sein und immer wieder Menschen anquatschen, sich Ratschläge einholen und darf vor allem nicht an der Bürokratie verzweifeln.
Wie sie Gleichberechtigung in der Kulturszene wahrnimmt: Für Jule ist das nach wie vor ein heikles Thema. Sie sieht das Problem schon allein in der Musikszene - in ihrem Umfeld vor allem im Indiebereich. Die Bands sind fast immer durchweg männlich besetzt, sodass beispielsweise beim Campusfest häufig Kerle auf der Bühne zu sehen sind. Wenn sie dann an verschiedenen Stellen genau dieses Problem anspricht, ist das Bewusstsein dafür bei anderen oftmals nicht vorhanden und sie wird mit einem "Ja, mei" abgewunken. Sie findet aber, dass es genau die Veranstalter sind, die mehr darauf achten sollten, Frauen auf die Bühnen zu holen und außerdem bewusster booken sollten. Im Gegensatz dazu sieht Jule aber keine Lösung in reinen Frauen- oder Mädchenbühnen bei Festivals - das sei der falsche Ansatz. Jule meint:

Es ist ein gesellschaftlicher Prozess, der noch ganz ganz lange dauern wird und der noch viele Camps für Mädels und Vorbilder für Mädels braucht.

Das ganze Interview könnt ihr euch hier nochmal nachhören:



Elnaz Amiraslani
Wer sie ist: leitet selbstständig eine soziokulturelle Event-Agentur, ist gelernte Veranstaltungskaufrau und veranstaltet auch regelmäßig Konzerte
Wie sie dazu gekommen ist: Durch ein Schnupperpraktikum bei einer Musikredaktion in die Musikbranche reingerutscht. Es folgten weitere Praktika bei Radio und Werbeagenturen, Event-Agenturen und hat anschließend eine Ausbildung als Veranstaltungskauffrau absolviert, hat sie sich mit Parvenue selbstständig gemacht.
Wie sie das Ungleichgewicht der Geschlechter in der Musikszene beschreibt: Die Quote von Frauen auf der Bühne ist ihres Erachtens immer noch ziemlich gering, während die Frauenmenge im Event-Management überdurchschnittlich hoch ist - gerade in Nürnberg.
Worin ihrer Meinung nach der Unterschied von Mädchen und Jungs liegt: Bei besagtem Musikprojekt ist Elnaz aufgefallen, dass es überhaupt nicht stimmt, dass Mädchen im Technischen weniger begabt sind als Jungs - im Gegenteil sogar: Wenn es ums Auflegen ging, haben diese die technischen Vorgänge sogar schneller drin gehabt als Jungs.
Worin das Problem jedoch liegt: In Beurteilungen wie "Für ein Mädchen macht sie es eigentlich ganz gut", woraufhin diese dann nicht ausreichend gefördert werden.
Was das gute an Frauennetzwerken ist: Unter Frauen bemerkt Elnaz generell verlässliche Solidarität und größere Toleranz, dafür weniger Wertung von Bildungs Einkommen.



Bildquelle: flickr | "The fist" von Pabak Sarkar | cc by 2.0

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