Der Disability Pride Month

Der Disability Pride Month

Für mehr Sichtbarkeit und Rücksichtnahme

Der Juli steht im Zeichen des Disability Pride Month. Wir erzählen dir, worum es dabei geht und wie du als nicht behinderter Mensch ein*e Ally sein kannst.


TW: Tod, Ableismus


Der Disability Pride Month wurde 2015 vom New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio ausgerufen. Anlass damals war das 25. Jubiläum des "Americans with Disablitiy Act", einem Gesetz, das die Diskriminierung von behinderten Menschen in Unternehmen und Institutionen verbietet. Ziel dieses Monats ist es, Menschen mit Behinderung langfristig sichtbarer zu machen und auf ableistisches Verhalten und Hürden im Alltag aufmerksam zu machen.

Was ist Ableismus?

Ableismus kommt aus dem Englischen: able = fähig und bedeutet auf Deutsch so viel wie Behindertenfeindlichkeit. Weil Ableismus auf der Vorstellung eines physisch und psychisch funktionierenden Körpers beruht, führt er zur Diskriminierung von Menschen mit Behinderung oder chronisch Kranken.
Dass unsere Gesellschaft ableistisch ist, sieht man zum Beispiel an mangelnder Barrierefreiheit, einer bestimmten Sprache oder der Herabwürdigung von Personen, die aus körperlichen oder mentalen Gründen nicht den Erwartungen einer größtenteils nicht behinderten Leistungsgesellschaft gerecht werden können (zum Beispiel 40 Stunden pro Woche zu arbeiten).

Ableismus ist also strukturell: Menschen mit Behinderung haben nicht dieselben Chancen an Wissen und Macht zu gelangen. Einerseits zum Beispiel, weil viele Bildungseinrichtungen nicht barrierefrei oder Lehrpersonal nicht geschult ist, andererseits auch wegen internalisierter Behindertenfeindlichkeit, also verinnerlichten Vorurteilen gegenüber behinderten Menschen, was sich durch Gedanken wie: "Der*die kann ja gar nicht so viel leisten" manifestiert.

Ableismus tötet

Diese behindertenfeindliche Strukturen und verinnerlichten Vorurteile sind nicht nur diskriminierend, sie sind auch wahnsinnig gefährlich und können sogar tödlich sein. Dies beweist zuletzt der tragische Tod in der Flutkatastrophe von zwölf Bewohnern einer Einrichtung für behinderte Menschen in Sinzig (Kreis Ahrweiler): Obwohl Bewohner*innen im Kreis Ahrweiler schon Mittwochvormittag vor der kommenden, möglicherweise sehr plötzlichen Flut gewarnt und dazu angehalten wurden, sich möglichst nicht mehr im Erdgeschoss oder Kellern aufzuhalten, wurden die Heimbewohner*innen trotzdem in der Nacht von Donnerstag auf Freitag im Schlaf von der Flutwelle überrascht - im Erdgeschoss. Trotz der angekündigten Katastrophe war lediglich eine (!) Nachtwache im Nebenhaus zum Dienst eingeteilt. Das war grob fahrlässig, denn bei der Geschwindigkeit, in der das Erdgeschoss voll mit Wasser lief, war diese machtlos. Schuld daran ist einerseits Pflegesystem, das die eigenen Pflichten nicht wahrnimmt und Bedürfnisse behinderter Menschen ignoriert. Ein weiteres Problem sind lückenhafte Warnsysteme, die Menschen mit Behinderung oft nicht mit einbezieht.




Was ist gegen Ableismus und für mehr Inklusion zu tun?

Weil Behindertenfeindlichkeit internalisiert und vielen Menschen gar nicht bewusst ist, müssen nicht behinderte Menschen erstmal das eigene Verhalten reflektieren um unbewussten Ableismus und mögliche Barrieren zu erkennen. Ein paar Vorschläge wären folgende Punkte...

Für mehr Barrierefreiheit einsetzen

Dazu sei erstmal gesagt: Behinderungen sind vielfältig, einige davon sind sogar unsichtbar. Wer bei "Mensch mit Behinderung" also prompt an eine Person im Rollstuhl denkt, ignoriert damit per se die meisten anderen Behinderungen. Die Liste von Schwerbehinderungen geht von Autoimmunerkrankungen, über Down-Syndrom, Epilepsie oder Psychosen bis hin zum Tinnitus. Dementsprechend vielzählig und unterschiedlich sind die Hürden oder Gefahrensituationen, mit denen behinderte Menschen im Alltag konfrontiert werden. Sei es eine nicht existente Rollstuhlrampe, eine unnötig schwierige, mit Fremdwörtern versehene Sprache, nicht mehr oder weniger sofort zugängliche öffentliche Toiletten oder mangelndes Wissen über die Basics der Gebärdensprache. Allein über das Thema Barrierefreiheit im Netz haben wir hier einen ausführlichen Artikel.

Es ist nicht die Aufgabe von behinderten Menschen, für den Abbau von Barrieren zu sorgen - es ist die von nicht behinderten Menschen, Räume so inklusiv zu gestalten, dass niemand ausgeschlossen wird. Sei es also eine Anpassung des eigenen Verhaltens, das Ansprechen oder Abbauen von Hürden oder auch nur das Unterschreiben und Teilen von Petitionen: etwas geht immer.

Ableismus erkennen - zum Beispiel im Umweltschutz

Über Verbote von Wegwerfplastik in der Gastro freut man sich vielleicht erstmal riesig, dabei vergisst man aber leider, dass manche Menschen mit Behinderung darauf angewiesen sind und aus Gründen der Flexibilität oder Verletzungsgefahr keine Alternativen aus Edelstahl oder Glas verwenden können. Über dieses Problem haben wir dort einen ausführlicheren Text.

Behindertenfeindliche Sprache vermeiden

Dass "behindert" kein Schimpfwort ist, sollten wir mittlerweile alle wissen und hoffentlich auch schon verinnerlicht haben. Etwas unbekannter ist allerdings die Tatsache, dass auch Ausdrücke wie "dumm", "doof", "Idiot" oder "Trottel" behindertenfeindlich sind. Per Definition beziehen sich diese Wörter nämlich auf Personen mit einem verminderten Intellekt - für das sie selbst nichts können. Das benutzen dieser Wörter zum Beispiel in Bezug auf Nazis ist verletzend gegenüber Menschen, die tatsächlich dumm sind. Überhaupt gilt: Wer sowas wie "blöd" oder "doof" sagt, meint eigentlich was anderes. Engstirnig, ignorant, rücksichtlos oder einfach scheiße, zum Beispiel. In Zukunft einfach versuchen etwas präziser Menschen zu beleidigen.
Dabei ist uns bewusst, dass all diese Ausdrücke so sehr in unserem Sprachgebrauch verankert sind, dass es wahrscheinlich nicht hinhaut, sie von hier auf jetzt einfach nicht mehr zu verwenden. Du bist hiermit allerdings darauf sensibilisiert und kannst den Gebrauch nach und nach reduzieren. Dabei musst du die Wörter auch gar nicht ersatzlos streichen - wie wäre es mit einer kleinen Weiterbildung über Schimpfwörter? Wir können Fatzke, "du präpotente Watschnfresse" oder das gute alte "du kleines Stück Scheiße" empfehlen.

Darüber hinaus gibt es die Diskussion, ob Identity First ("behinderte Person") oder Person First Language ("Mensch mit Behinderung") respektvoller sei. Die Meinung Betroffener geht allerdings sehr auseinander und wird damit sehr individuell. Wobei sich allerdings alle einig sind: Die Reduzierung und Verallgemeinerung auf "die Behinderten" geht gar nicht.

Behinderte Menschen sind kein "Inspiration Porn"

Nichtbehinderte Menschen halten es oft für bestärkend, behinderte Menschen als inspirierend zu bezeichnen, wenn etwas geleistet wird, was ihnen aufgrund der Behinderung nicht zugetraut wird. Zum Beispiel wenn eine Person im Rollstuhl regelmäßig ins Fitnesscenter geht oder ein Mensch mit geistiger Behinderung einen Uniabschluss macht. Das ist vielleicht gut gemeint, jedoch genauso ableistisch, weil es herablassend ist und gerne auch verwendet wird, um die eigene Motivation anzukurbeln (das äußert sich dann im Denken à la "Wenn der behinderte Mensch das schafft, muss ich dass doch auch schaffen"). 

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Statt "Lass mich dir helfen" lieber fragen, ob man überhaupt helfen kann

Was wir dringend in unsere Köpfe reinbekommen müssen: Menschen mit Schwerbehinderung sind nicht durchweg auf die Hilfe von nicht behinderten Person angewiesen. Einer blinden Person einfach über die Straße zu helfen oder einen Menschen in Rollstuhl einfach am Lenker packen und über Bordsteine hieven ist übergriffig und herablassend. Wenn du merkst, dass eine Person vor einer Hürde steht, kannst du trotzdem deine Hilfe anbieten - mit der Betonung auf dem letzten Wort.

Kindern den richtigen Umgang mit behinderten Menschen beibringen

Natürlich gibt es keine allgemein gültige Anleitung, wie du als Elternteil am besten reagierst, wenn das Kind auf eine behinderte Person zeigt und dich zum Beispiel fragt, warum sie im Rollstuhl sitzt. Raul Krauthausen hat diese Thematik in einem Infopost aufgegriffen. Er fände es gut, wenn Eltern nicht mit Unbehagen oder gar Ärger über das Kind reagieren und dann nicht sowas wie "Da zeigt man nicht hin" zu sagen.

"Werde nicht böse, wenn sie neugierig sind. Durch Angst, Scham und Verlegenheit kreieren wir Barrieren in den Köpfen der Kinder." - Raul Krauthausen

Außerdem wäre es ihm wichtig, Menschen mit Behinderung nicht als tragisches Schicksal darzustellen, sondern viel mehr zu betonen, dass anders sein nichts schlechtes sei.

"Anstatt alles als traurige Geschichte darzustellen, gefallen mir Sätze wie: 'Aber es ist so in Ordnung. Die Welt ist voller Menschen, die anders sind.'" - Raul Krauthausen

Eine für Kinder sehr verständliche Art und Weise, Behinderungen zu erklären, kann auch sein: "Diese Person sieht anders aus als du, aus demselben Grund aus dem du blonde Haare und andere Menschen braune Haare haben".

Toll wären natürlich viel mehr inklusive Kindergärten und Schulen, an denen nicht behinderte mit behinderten Kindern zusammen sind und einen guten Umgang miteinander lernen.

Auf betroffene Menschen hören

Eigentlich die einfachste Regel, die überhaupt für alle marginalisierte Menschen gilt: Wenn eine betroffene Personengruppe sagt, dass sie bestimmte Wörter oder bestimmtes Verhalten verletzt, muss das ernst genommen werden.

Mehr Vielfalt im Social Media Feed

Natürlich ist es voll okay, wenn du keine Lust auf Social Media generell hast oder dich zum Beispiel aus Schutz deiner psychischen Gesundheit nicht mit bestimmten, ernsteren Themen auseinandersetzen kannst. Solltest du aber im Stande sein und Interesse daran haben, dich in Punkto Ableismus und Inklusion weiterzubilden, empfehlen wir dringend, deinen Feed dahingehend zu erweitern. Wir haben hier eine kleine Übersicht an Inkluencer*innen auf Instagram, zum Beispiel Ninia La Grande oder Tabea und Marian von @notjustdown. Wenn du noch andere Vorschläge hast, gerne her damit!



Behindert sein, heißt in den meisten Fällen behindert werden

Wenn Empathie und Rücksichtnahme also nicht genug zählen, um das eigene Verhalten zu reflektieren und anzupassen, motiviert vielleicht die Tatsache zu mehr Rücksichtnahme und Aktivismus, dass weniger Menschen mit einer Schwerbehinderung bereits geboren werden, als Menschen, die im Laufe ihres Lebens - zum Beispiel durch Unfälle oder Erkrankungen - schwerbehindert werden. Das zeigen auch die Zahlen des statistischen Bundesamtes: Die Quote einer Schwerbehinderung unter einem Alter von vier Jahren beträgt 0,5 Prozent (2019 gab es also 17.008 unter vier-Jährige mit einer Schwerbehinderung). Ab dem Alter von 55 macht diese Quote einen großen Sprung (55 bis 60 haben eine Schwerbehinderten-Quote von 11,3 %, bei Menschen über 65 sind es mit 4.517.672 schwerbehinderten Personen schon 25,3 %).

Letztlich heißt das also: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir im Laufe unseres Leben selbst betroffen sind - sei es aktiv oder passiv durch nahestehende Menschen - ist relativ hoch.



Abschließend sei noch gesagt: Es geht hier nicht darum, den Zeigefinger zu schwingen

Mit diesem Text hier wollen wir niemanden ankacken, alles falsch zu machen und ein schlechter Mensch zu sein. Es geht uns darum, eigene Learnings in Anbetracht von Ableismus weiterzugeben. Wir haben in der Vergangenheit selbst Fehler gemacht und werden sicherlich auch noch einige ungewollt machen. Als Gesellschaft sollten wir dazu fähig sein, konstruktive Kritik anzunehmen - gerade wenn diese von Betroffenen kommt. Zuhören, lernen und neues Wissen weitergeben. Sollte also auch an diesem Text etwas Unsensibles stehen, würden wir das gerne erfahren. Du kannst uns dazu immer gerne eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! schicken.




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