Faszination Synästhesie

Faszination Synästhesie

Wenn Musik nach gebrannten Mandeln schmeckt

Sie kann Musik sehen, ihre Temperatur spüren und die Stimmen der Sänger erschmecken: Molly Holst ist Synästhetikerin und wir haben mit ihr über Musik gesprochen.

Medizinisch betrachtet ist Synästhesie eine Verknüpfung der Sinne. Die Betroffenen assoziieren Buchstaben mit Farben, sehen einen Menschen und seine Sprache farbig, schmecken Musik oder hören eine Bewegung. Klingt verrückt? Tatsächlich haben rund vier Prozent der Bevölkerung eine Form der synästhetischen Wahrnehmung. Mal sind die Synästhesien stärker, mal schwächer ausgebildet, sodass manche Menschen sie gar nicht als solche wahrnehmen.

Für Molly ist Synästhesie weniger ein neurologisches Phänomen, als ihre eigene Sprache mit der sie ständig im Dialog ist, zum Beispiel wenn sie Musik sieht. Dann spielt sich bei ihr nämlich etwas ganz besonderes ab. Sobald sie die Instrumente oder Klänge hört, sieht sie Farben und Formen, teilweise kann sie sogar die Temperatur der einzelnen Elemente oder den Geschmack des Gesangs wahrnehmen. Eine andere Besonderheit ist, dass Molly alle Synästhesien die sie zu Musik empfindet abspeichert, das heißt wenn sie Lust auf etwas in Ocker hat, dann weiß sie sofort, welche CD sie sich anhören muss.

Theoretisch könnte Molly ihre Musik also farblich sortieren.

Bei der Farb-Graphem-Synästhesie werden Buchstaben und Zahlen mit Farben verbunden und obwohl sehr viele Synästhetiker diese Form haben, variiert die Wahrnehmung von Mensch zu Mensch.
"Die meisten Synästhetiker verbinden den Buchstaben A mit der Farbe Rot, bei mir ist das A aber der einzige Buchstabe, der Schwarz ist."

- sagt Molly. Sie beschreibt es als persönliches Alphabet, das bei jedem verschieden ist.

Außerdem kann Molly Gegenstände körperlich wahrnehmen.

"Viele meiner Synästhesien spielen sich im Gaumen ab. Wenn ich einen Gegenstand sehe, nimmt mein Körper automatisch diese Form ein, das heißt, meine Zunge formt sich so als würde der Gegenstand in meinem Mund liegen."

Das ist aber noch lange nicht alles: Wenn Molly zum Beispiel krank ist, nimmt sie das farblich und auch räumlich wahr, sie sieht also bestimmte farbige Körper und Skulpturen, die damit verbunden sind und die auch jeweils verschiedene Oberflächen haben. Mit Geschmäckern und Gerüchen ist das ähnlich, und auch wenn Menschen mit ihr sprechen löst das sofort eine synästhetische Assoziation aus.
"Dadurch, dass ich Menschen farblich wahrnehme, kann ich erkennen, wenn jemand bedrückt ist. Mir kann man ganz schwer was vormachen, weil ich sehe, wenn sich der Farbton verändert, sobald die Person spricht."


Durch ihre Synästhesie ist Molly auch besonders kreativ.

Egal ob malen, plastizieren oder tanzen, sie nutzt ihre Synästhesien wie eine Kombination aus allen Sinnen und profitiert deswegen auch von ihnen. Viele Wahrnehmungen können aber auch unangenehm sein, vor allem weil sich bei ihr viel im Gaumen abspielt, beispielsweise wenn ihr ein Geruch haarig oder stachelig auf der Zunge liegt. Auch wenn sie Musik hört kann sie die synästhetischen Wahrnehmungen nicht ausblenden:
"Das ist manchmal  ein Problem, wenn Leute mir Musik schenken, die kann ich mir dann manchmal einfach nicht anhören."

Auf die Frage, ob sie ihre Synästhesien als Fluch oder Segen empfindet, hat sie eine klare Antwort:
Es ist ein Segen. Wobei ich das gar nicht so bewerten kann, weil ich ja nichts anderes kenne. Die Wahrnehmungen sind sehr eng an meine Identität gebunden und wenn ich sie ablehnen würde, würde ich mich selbst ablehnen.



Synästhetikerin Molly hört sich Songs aus dem egoProgramm an

Wie Molly "Bungalow" von Bilderbuch empfindet

"Ich glaube was ich bei dem hier wahrgenommen habe ist, dass es manchmal, wenn es zu elektronisch wird, auch weniger Differenzierungen drin sind. Hier habe ich einfach nur eine Grundform wahrgenommen und zwar in meinem Gaumen. Da waren so lange Platten, wie eine Tischplatte, die ist ja auch nur drei bis vier Zentimeter stark. Und solche Platten sind das, die mit ein wenig Zwischenraum übereinander liegen. Sie waren honigfarben. Ein dunkler Honig. Die Sänger waren tatsächlich in grau und schmeckten pappig. Es ist diese ganz dünne Pappe, die hinten an den Collegeblöcken dran ist. Die pappe ist direkt auf meiner Zunge. Wenn er ganz am Schluss singt, also wenn er fertig ist mit dem Wort, dann kommt dieser pappige Geschmack. Er sagt ein langes Wort wie „Handy“ und das löst in mir einen pappigen Geschmack aus. Immer am Ende eines Wortes kommt dieser Geschmack. Das wäre zum Beispiel nicht so ganz mein Favorit, weil dieser Geschmack nach Pappe auf Dauer glaube ich nicht so erhebend ist. Mit dem Geschmack ist es einfach nicht korrekt für mich und dann ist es körperlich so, dass ich sage: 'Das geht so nicht!'"

Wie Molly "Youth" von Daughter empfindet

"Ohhh das ist richtig gut, weil dieses Lied wie Maiskörner ist und die Instrumente, die wie Maiskörner sind, sind warm, fast heiß. Das merke ich körperlich, wie das auf meinen Unterarm niederdaddelt. Das ist schonmal sehr schön. Ich bin gespannt wie es weitergeht. Das ist zum Beispiel super geil. Die hat eine super geile Stimme, das sehe und höre ich zu gerne! Das sieht so aus, als ob man Holz hobeln würde. Diese Locken die dabei rauskommen und die sind auch sehr lang. Nur ist das hier nicht wie Holz, sondern ich würde eher sagen, dass das eine Textur, eine Oberfläche, so wie bei Haribo-Schnecken, ist. So fühlt es sich an, denn es ist so glatt und es ist auch weich und das Interessante ist, dass an der Unterseite dieser Puder ist. Das ist total schön, weil ich den zum Beispiel im Gaumen schmecke. Also da ist diese auseinandergestreckte Locke, die sich haptisch anfühlt wie eine Haribo-Schnecke die auseinandergezogen wird und unten drunter ist ein Puder, was ganz hell ist und das schmeckt leicht süßlich. Ah das ist fantastisch. Wenn ich spreche, ist dieser Duft noch da. Also wenn ich es im Gaumen synästhetisch wahrnehme, dann ist es auch so, dass ich es manchmal auch vom Geruch her wahrnehmen kann. Auf dem Jahrmarkt an den Mandelbuden, bei diesen Mandelkesseln, wo sie die Mandeln drin brennen, das ist ja so ein Kupferkessel und dann rühren sie da immer so rum und die riechen so unglaublich süß und dieser super süße Geruch, da ist dieses Puder drunter so ungefähr schmeckt es und riecht es. Das ist hier ganz toll, ja es ist ganz fantastisch. Es ist richtig oben an meinem Gaumen und ich kann es ganz intensiv schmecken und habe diesen Geruch in der Nase, also es ist ganz ganz toll. Es gefällt mir richtig gut. Ein ganz ganz tolles Lied."

Wie Molly "Creep" von Radiohead empfindet

"Ja hier ist die Gitarre im Vordergrund, die hat so vorne, die sehen so aus wie grüne Bohnen, die Längs liegen und aufgereiht sind. Fast so als würde man einen Kamm so hochkant hinstellen und die Zinken zeigen, aber die Zinken zeigen nach links. Es ist natürlich kein Verschluss, sie sind wie Bohnen die übereinander gereiht sind. Die Bohnen haben die Farbe vom Mais. Der Mais der auf den Feldern wächst, der ist ja so in grünen Blättern eingewoben und diese grünen Blätter, wenn die ein bisschen vertrocknen, werden die ja heller. Die sind nicht mehr grün, sondern ganz hell; beige, sandfarben würde ich sagen und so sehen diese aufeinandergereihten Bohnen im Linken, ja es ist räumlich ganz links, aus. Die Stimme kann ich kaum wahrnehmen, die ist sehr im Hintergrund. Eigentlich ist sehr prägnant vorne nur die Gitarre."

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