Wie geht diversitätsbewusstes Erzählen?

Wie geht diversitätsbewusstes Erzählen?

Timo Gößler im Interview mit egoFM Sebastian

Von  Sebastian Heigl (Interview)
Wilde Diskussionen von Autor*innen und viele Storylines auf einem Whiteboard? Filmdozent Timo Gößler verrät, wie Serien und Filme wirklich entstehen und wie sie diverser werden.

Bevor Timo Gößler anfing, als Dozent an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF zu lehren, studierte er dort selbst Drehbuch und Dramaturgie. Mittlerweile ist er in diesem Bereich Experte, gibt Workshops zu Themen wie diversitätsbewusstem Storytelling und beschäftigt sich mit seriellem Erzählen. Im Interview mit Sebastian äußert er sich unter anderem über den Vergleich zwischen Film und Serie, erklärt, was den sogenannten Writers' Room ausmacht und spricht sich für faire Arbeitsbedingungen am Filmset aus.
  • Wie geht diversitätsbewusstes Erzählen?
    Timo Gößler im Interview mit Sebastian


Ist der Film mittlerweile überholt?

Alleine auf Netflix erschienen im letzten Jahr 129 neue Serien. Von Plattformen wie Amazon Prime, Apple TV+ oder HBO Max mal abgesehen, die Fülle an Inhalten wird immer größer und auch das Budget, das für Serien zur Verfügung steht, bewegt sich teilweise im sechsstelligen Bereich und das manchmal sogar nur für einzelne Folgen. Die Beliebtheit von Serien merkt auch Timo Gößler bei Studierenden an der Filmuniversität:

"Das ist für viele einfach die attraktivste Form des Erzählens. Früher war es so, dass jeder Filmstudierende davon geträumt hat, mit dem Abschlussfilm – natürlich einem großen Kinofilm – die goldene Palme in Cannes zu gewinnen. Und jetzt ist so ein ganz großer Traum von vielen, eine große Netflix Serie zu machen." – Timo Gößler

Sind Serien mittlerweile also einfach besser als Filme? Nein, findet Timo Gößler. Ähnlich wie Romane und Kurzgeschichten, seien Filme und Serien beides künstlerisch aufregende Formen und das eine nicht unbedingt besser, qualitativer oder interessanter.



Geschichten schreiben im Writers' Room

Damit Geschichten überhaupt entstehen, braucht es diejenigen, die sie sich ausdenken. Ein Modell dafür, das seinen Ursprung in den USA hat, ist der sogenannte Writers' Room. In seinem Buch Der German Room, das Timo Gößler mit Katrin Merkel veröffentlicht hat, geht es um dieses Modell und auch darum, ob es auch für die deutsche Branche anwendbar ist. Aber wer sitzt denn überhaupt in so einem Raum? Natürlich Autor*innen, die die Ideen für Handlungsstränge liefern und diskutieren. Nur allein die reichen aber nicht. Der Writer’s Room ist nämlich ein komplexes Arbeitsmodell.

"Das Ganze geschieht unter der Anleitung eines sogenannten Showrunners, der immer die Fäden in der Hand hat […] und entscheidet, welchen Impulsen an welcher Stelle wie gefolgt wird. […] Da kann dann was entstehen, was am Ende größer ist als die Summe der Teile, also größer als die Talente, die im Room sitzen, einfach nur wegen des Synergieeffekts." – Timo Gößler

Diese gemeinschaftliche und kommerzielle Herstellungsstruktur gibt es vor allem für Serien. Bei Kinofilmen schreiben Autor*innen zwar auch gemeinsam, allerdings nicht unter diesem festen Modell. Mittlerweile ist das amerikanische System auch in Deutschland angekommen. Allerdings könne es nicht so einfach übernommen werden. Laut Timo hat das mehrere Gründe: In Deutschland gibt es überwiegend das Redakteur*innenfernsehen, das heißt, die Fernsehredaktion hat einen enormen Einfluss auf die Stoffentwicklung. Bei einem Writers' Room werden aber alle Entscheidungen direkt vor Ort verbindlich durch den Showrunner getroffen, der gleichzeitig Autor*in, Produzent*in und Manager*in ist. Außerdem sagt Timo, falle es deutschen Autor*innen oft schwer, wenn jemand anderes ihre Drehbücher nochmal überarbeitet. Das sei bei Writers' Rooms aber die Norm und auch wichtig für die Effizienz.

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Der Diskurs um Diversität

Was Deutschland bisher ebenfalls noch von den USA unterscheidet, ist die Diskussion hinsichtlich Diversität. In den USA liegt der Fokus schon mehrere Jahre darauf, zum Beispiel mit kritischen Hashtags wie #OscarsSoWhite, die die mangelnde Diversität bei Preisverleihungen und der Entertainment Industrie generell thematisieren. Vergleicht man die deutschen Diskurse mit denen in den USA, seien wir ein bisschen hinten dran, meint Timo. Trotzdem sieht er eine positive Entwicklung:

"In wirklich kurzer Zeit sind sehr viele Dinge passiert. Es gibt ungeheuer viele Workshops, es gibt Selbstverpflichtungen von Produktionsfirmen. […] Was auch dazu führt, dass jetzt eben auch narrative Figuren möglich sind, die vor wenigen Jahren tatsächlich keine Chance gehabt hätten, weil man gesagt hätte, der Massengeschmack kann mit einer trans* Figur oder eine Person im Rollstuhl nicht so viel anfangen." – Timo Gößler

Für Drehbuchautor*innen bedeutet das eine enorme Bandbreite an Geschichten, die nun auch eine Chance haben, von einem größeren Publikum gesehen zu werden. Gleichzeitig geht damit aber auch unglaublich viel Verantwortung einher.

"Es ist ganz essentiell, dass wir dafür sorgen, dass auch andere Geschichten von anderen Autor*innen erzählt werden dürfen [und] ihren Platz kriegen." – Timo Gößler


How to: diversitätsbewusst erzählen

Um diversitätsbewusst zu erzählen, empfiehlt er, sich vor allem folgende Fragen zu stellen:
  • Kann ich das schreiben? Habe ich die Erfahrungswerte, das Wissen oder die Sensibilitäten?
  • Hole ich noch jemanden dazu, der oder die aus eigenen Erfahrungen erzählen könnte?
  • Lasse ich mich beraten?
  • Welche Vorurteile, Klischees und Stereotype stecken in mir selbst?
  • Wer hat überhaupt Zugang zu Bildung?
  • Wer bewirbt sich an Filmhochschulen und wie werden diese Bewerbungen diverser?
Zwar passiere in letzter Zeit sehr viel, es stehe aber noch ein langer Weg bevor, meint Timo. Ähnlich sei das auch mit den Arbeitsbedingungen am Set.

"Da müssen auch diejenigen, die das Geld ausgeben, was in Deutschland zu weiten Teilen der Staat ist, weil viel subventioniert wird […] sehr genau hingucken, dass das ordentliche Arbeitsbedingungen sind. […] Es tut sich ganz viel zum Glück, aber auch da haben wir noch einiges vor uns an Arbeit." – Timo Gößler

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