Loma - Loma

Loma - Loma

Ear to the Ground #01

In unregelmäßigem Abstand schreibt unser Musikredakteur Fabian an dieser Stelle über Herzensmusik und Alben, die sonst leider unter den Tisch gefallen wären. Zum Auftakt: Loma, die Gemeinschaftsarbeit von Shearwater und Cross Record.

Es ist so eine Krux mit den ganzen so genannten Supergroups. Egal aus welchem Genre, wann sich die Musiker über den Weg gelaufen sind oder woher sie sich kennen, immer scheint eine solche Fusion zur gemeinschaftlichen Kompositionsarbeit höchstens von kurzer Dauer zu sein. Klar, liegt ja auch in der Natur der Sache, dass Musiker diese Kollaborationen abseits ihrer Hauptprojekte eher als Ausflüge und kreative Fingerübungen ansehen, denn als richtiges langfristiges Standbein. Schließlich bietet es ihnen die Möglichkeit, sich sowohl abseits ausgetretener Pfade zu bewegen, als auch im Zweifel noch etwas Neues zu lernen.

Solche Gedanken - oder zumindest so ähnliche - müssen Shearwaters Frontmann und Hauptsongwriter Jonathan Meiburg durch den Kopf gegangen sein, als er das Duo Cross Record für eine Zusammenarbeit umwarb. Kennengelernt hat er sie auf einer gemeinsamen Tour, während der sich Meiburg, für dessen Band sie das Programm eröffneten, Hals über Kopf in die Musik von Emily Cross und Dan Duszynski verliebte. Anschließend habe es ihn regelrecht brennend interessiert, wie die beiden wohl arbeiteten, um diese packenden Songs entstehen zu lassen.


Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit, erschienen unter dem Bandnamen Loma, klingt glücklicherweise nicht allzu sehr nach den jeweiligen Hauptprojekten - aber auch nicht so fremd und experimentell, wie man jetzt vielleicht vermuten könnte. Das von einer sanften Akustikgitarre getragene und leicht folkig angehauchte Joy, der erste gemeinsam kreierte Song, klingt mit den verschlungenen Melodiebögen nach den frühen Shearwater, vorgetragen allerdings von Cross. Für Meiburg sei es offenbar eine enorme Erleichterung gewesen, nicht mehr als Singer-Songwriter fungieren zu müssen, sondern für eine andere Stimme schreiben zu können. Das erlaubte ihm, Texte zu verfassen, die er womöglich selbst niemals würde vortragen wollen. Dadurch entsteht eine skurrile Mixtur - eine Stimme, die gleichermaßen Cross und Meiburg zu gehören scheint und doch niemandem so richtig. Bezeichnend, dass das Intro der Platte genau die richtige Frage als Titel trägt: Who Is Speaking?

Zwischen Indie, Folk und Beklemmung


Das passt allerdings gut zu der geisterhaften, etwas unwirklichen Atmosphäre, die sich durch die zehn Tracks zieht. Selbst die treibenden Schlagzeugbeats in Relay Runner und White Glass sorgen mit düsteren Synths und lo-fi-igen Field Recordings eher für Grusel denn für gute Laune. Die Texte bleiben kryptisch, scheinen verstörende und klaustrophobische Ängste vermitteln zu wollen: "I stick a needle in the night/ I throw my body in the way/ [...] I face the wall/ I kiss the ground", heißt es in dem intensiven Relay Runner. Es finden sich immer wieder Anklänge an den typisch amerikanischen "Roadtrip Indie", bei Loma verwandelt sich die glückselige, entspannte Autofahrt durch Sonnenschein allerdings in eine nächtliche, hektisch-paranoide Flucht oder Verfolgungsjagd. Da lässt sich das Vogelgezwitscher im Hintergrund einfach nicht mehr von den dissonanten, sirrenden Keyboardflächen unterscheiden. In dem Instrumental Jolanda kommen sogar Anklänge an Drone Metal auf, mit einer alles zerfräsenden, unheimlich tief gestimmten Gitarre.



Wobei dem Trio, womöglich dank Meiburgs Popsensibilität, der Wohlklang nie aus den Augen gerät. Das ruhige, leider etwas zu lang geratene I Don't Want Children weckt Erinnerungen an die Cocteau Twins und den Ambient Pop von Grouper, das sommerlich-schwül klingende Sundogs, mit hechelnder Hundemeute im Mittelteil, klingt hingegen nach einer Mischung aus Low und artpoppigen Talk Talk. Im betörend starken Black Willow, das die Platte beschließt, schmiegt sich Cross' Stimme an einen mysteriösen Geisterchor und windet sich an krummen Takten entlang. Gerade hier gibt Duszynskis vielschichtige Produktion erst nach und nach ihre auditiven Geheimnisse preis - schnippst da im Hintergrund denn wirklich jemand mit den Fingern!?

Während der Aufnahmen zu dem Album ging die Beziehung zwischen Cross und Duszynski in die Brüche. Obwohl das Material bis auf Shadow Relief bereits geschrieben war, durchzieht die Musik trotzdem eine melancholische Einsamkeit, die sich jedoch nie in Hoffnungslosigkeit verwandelt. Damit erinnert Lomas Debüt zumindest in seiner Ausstrahlung an einen großen amerikanischen Klassiker, dem legendären Trennungsalbum Rumours von Fleetwood Mac. Erlösung findet man bei Loma, anders als bei Fleetwood Mac, zwar keine, allerdings die beruhigende Gewissheit, dass es immer irgendwie weitergeht.

Design ❤ Agentur zwetschke