EELS - The Deconstruction

EELS - The Deconstruction

Der Lieblingstonträger der Woche

Lass dich gewarnt sein: Bevor das neue Album von den EELS angehört wird, solltest du erstmal sicherstellen, dass ausreichend Taschentücher, Wärmekissen, Kekse und Wein bereit stehen.

In ihren besten Tagen (2009 bis 2014) brachten die EELS um Sänger Mark Oliver Everett aka E innerhalb von fünf Jahren fünf Alben raus. Dann - seit 2014 - erstmal nichts mehr. Und dann das:


The deconstruction has begun
Time for me to fall apart
And if you think that it was rough
I tell you nothing changes
Till you start to break it down

And break apart
[...]
Right now it's going to start
[...]

The reconstruction will begin
Only when there's nothing left
But little pieces on the floor
They're made of what I was
Before I had to break it down

Was anhand der Lyrics der ersten Single-Auskopplung des gleichnamigen Albums The Deconstruction wie ein Neuanfang, wie eine möglichen Neuerfindung der Band klingt, ist letztlich, in Anbetracht des Gesamtwerkes: vertrauter EELS-Klang.

Vertraut melancholisch. Vertraut klagend. Vertraut E(verett).

Überhaupt hat sich nicht viel getan, denn E passieren immer noch die schlimmsten Dinge und E singt weiterhin darüber - über das Scheitern, das Leid, das Pech... dabei ist es schwer zu sagen, was bei E letztlich zutrifft: Ob er das Unglück einfach anzieht oder selbst seine Finger im Spiel hat. Das dürfen wir so flapsig sagen, denn nun - nach insgesamt zwölf Alben - haben wir das Gefühl Mark Oliver Everett so gut zu kennen, dass wir nur noch E sagen müssen. Nach zwölf Alben, in denen er uns sein Leid vorgesungen hat, sollten wir das aber auch wirklich dürfen. 

Der Frontmann selbst sagt zu The Deconstruction:
"The other thing we can do while everything’s such a mess is just try to be kind. Why not? We all have bad days, but why not put in the effort whenever possible? Nobody has it easy, however their story may appear from a distance. So why not try to be nice? Starting with yourself. That’s a nice change for the world right there. Good things will grow out of that. There are some songs along those lines here as well.

I’ve been through some stuff, but I’m no expert. I’m trying to dead reckon my way same as anyone. I’m really just talking to myself here, looking for what’s really there under all the defenses. But maybe it could help you too?

Or: Fuck all this jibber jabber and see if you like this new record."

Was mit dem ersten Song bereits gut angefangen hat, ist nur der Start einer 15-trackigen Emo-Fahrt.

Nach "The Deconstruction" folgt "Bone Dry": Es Stimme wird zarter, aber gleichzeitig auch rauchiger. Personenwechsel, auf dezente Art und Weise ändert sich was an der Bitterkeit des Es - fast wirkt es, als wäre er innerhalb der 4:11 Minuten, die "The Deconstruction" dauert, um zehn Jahre älter geworden. Auch die Gitarren wirken veraltet, schlichtweg atavistisch, verstaubt - Relikte einer anderen Zeit, in der Rock noch den versoffenen Taugenichtsen gehörte. Dabei lässt einem selbst das "Schubidubidubidu" im Song das Blut in den Adern gefrieren. Hier haucht doch irgendwie der Tod mit.
Mit "The Quandary", der gerade mal 55 Sekunden andauert, setzt sich durch lang anhaltende, geisterhafte Keyboardakkorde und geistesabwesendes Gitarrengezupfe ein gewisses Gefühl der Bedrängnis auf den Brustkorb.

Wer bei "Premonition" keinen elefantengroßen Kloß im Hals bekommt, bleibt bestimmt auch deutlich unbeeindruckt bei Promovideos vom lokalen Tierheim.

Der Song ist schlicht gehalten - E jault einem hoffnungslos was über liebliche Vorahnungen ins Ohr und wird dabei schlicht von zarten Gitarrenklängen und einem Background-Chor begleitet. Dabei eine kurze Frage am Rande: Es ist schon cool und überhaupt nicht memmenhaft, beim Musikhören zu heulen?

Zwar nicht unbedingt fröhlicher, aber immerhin ein wenig poppiger wird es mit dem folgenden Song - "Rusty Pipes". Du kannst dir sicherlich anhand des Titels denken, dass E hier nicht plötzlich über sein Glück mit Bitcoins singt. Der Track wird von einem treibenden Beat begleitet, ansonsten wird der rote Faden, der sich aus Gitarrengezupfe und Chor zusammensetzt, fortgesetzt. "The Epiphany" wirkt gegenüber "Rusty Pipes" wie ein Stecken, der in drehendes Rad gesteckt wird. Die Ursache: Es Klagen und Streicher.
Obacht beim Wechsel zum nächsten Track: "Today is the Day". Könnte nach dem labilen Zustand, den man mittlerweile haben sollte, zu einem leichten Herzinfarkt führen - der unfassbar munter klingende Track hat schon als zweite Single-Auskopplung für Überraschung gesorgt. Gehört im Gefüge des ganzen Albums sorgt der treibende Song "About Change" für einen echten WTF-Moment. E! Was ist da denn los!

Diese angenehme Unbehaglichkeit, nicht einschätzen zu können, ob man heulen oder vor Schönheit kichern muss - das macht die EELS aus.


"Sweet Scorched Earth" könnte eine supersüße Liebesbekundung an Es Frau sein,  (E hat während seiner Schaffenspause nicht nur geheiratet, sondern sich auch gleich wieder scheiden lassen), wenn man a) nur halb hinhört, b) sich einen anderen Sänger dabei vorstellt c) nicht weiß, dass E zwar während der fünfjährigen Schaffenspause geheiratet, sich aber auch gleich wieder hat scheiden lassen und d) nie seine eigene Erklärung dazu gehört hat:
"It masquerades as a love song but it’s really about somebody fucking up your love song."

Mit "Coming Back" folgt anschließend ein weiterer, gerade mal 59 sekündiger, instrumentaler Break. Der folgende "Be Hurt" ist quasi eine Ermutigung zum begleiteten Verletztsein. Soll laut E nämlich auch irgendwie heilend wirken (Moment, spricht er da eigentlich mit sich selbst? Und singt da im Hintergrund eigentlich diese verrückte Opernsängerin aus dem Fünften Element?).

"Your Are The Shining Light" wiederum könnte super in den Soundtrack einer Gangsterkomödie passen. Gemeine E-Gitarren zischen, während E plötzlich ganz selbstbewusst wie ein Rockabilly singt. Was für ein Plottwist mal wieder! Der allerdings auch ziemlich abrupt endet, nur um den ruppigsten Übergang der Musikgeschichte zum zarten, von Piano untermalten Stück "There I Said It" zu kreieren.

Bei "Archie Goodnight" ist man schon so emotional durch, dass man einfach nur (tatsächlich) betet, dass es sich bei Archie bitte, bitte, bitte nicht um seinen verstorbenen Hund, Bruder oder besten Grundschulfreund handelt. Doch bevor man die Suchmaschine des Vertrauens angehauen hat, läuft schon der nächste Song - "The Unanswerable". Mit dem Start: Flashback! "Moment, das habe ich doch schon gehört!" Und tatsächlich, das Motiv von "The Quandary" wird wieder aufgenommen - aber nicht wirklich fortgesetzt. Dauert nur doppelt so lang (übrigens, bevor du nun doch googeln musst: In "Archie Goodnight" handelt es sich zum Glück nicht um weiteres Leid des E, sondern eine Widmung an seinen Sohn, der weder gewollt, noch ungewollt war (wie er selbst sagt)).

In "In Our Cathedral" wird dann auch endlich mal auf die E-Orgeltasten (Keyboard) gehauen. Die entfernten Hintergrundklänge wirken dabei allerdings viel weniger als Kirchensound, sondern viel mehr wie der verhallenden Geräusche eines Galaabends in einer Villa, in der es so Zeug wie Kronleuchter, Menschen mit feinen Kleidern gibt und Trauben-Käse-Spießchen gibt - eben einem Ort, an dem man sicher und geborgen ist. Worum es eigentlich geht?
"Maybe if there’s anything we have any true control over, it’s how we see things. There’s a song about that here. The 'our' of 'In Our Cathedral' is the collective 'our' - all of us. Your point of view. As the great Roger Miller once said, 'You can't roller skate in a buffalo herd, but you can be happy if you've a mind to.'
He said it better than I did."
- Mark Oliver Everett

Nach 42 Minuten The Deconstruction ist man dann aber auch wirklich durch mit den Nerven.

Beziehungsweise: Man ist hin und hergerissen, ob man sich schnell noch fünf Liter Ben & Jerry's an der nächsten Tanke holt, um diese heulend unter der Dusche zu essen oder ob man nicht doch lieber anfängt, im Minutentakt Tweets an E rauszuhauen, was für ein tapferer, lieber Mann er doch ist und ob er sich nicht vielleicht auf eine Umarmung irgendwo treffen will. Oh man. 


Tracklist: The EELS - The Deconstruction

01 The Deconstruction
02 Bone Dry
03 The Quandary
04 Premonition
05 Rusty Pipes
06 The Epiphany
07 Today Is The Day
08 Sweet Scorched Earth
09 Coming Back
10 Be Hurt
11 You Are The Shining Light
12 There I Said It
13 Archie Goodnight
14 The Unanswerable
15 In Our Cathedral

The Deconstruction von The EELS wurde am 6. April via 2018 via E Works Records veröffentlicht.

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