Nic Cester - Sugar Rush

Nic Cester - Sugar Rush

Der Lieblingstonträger der Woche

Hätten wir eine Rubrik, die sich mit den besten Solodebütalben von Mitgliedern ganz berühmter Bands befasst, dann hätten wir jetzt einen Künstler mehr in der Riege vorzustellen: Nic Cester von Jet.

3 Uhr nachts im Lieblings-Indie-Schuppen. Ein Song läuft langsam aus, plötzlich wird's ruhiger - zunächst ist nur das Rasseln eines Tamburins zu hören, bis dann plötzlich ein signifikantes Räuspern ertönt, das klar die Aktion für die folgenden dreieinhalb Minuten vorgibt: Bitte inbrünstig eine willkürliche Person in naher Tanzumgebung darum, dein Girl zu werden (ob das tatsächlich ein Girl oder doch ein Boy oder was ganz was anderes ist, ist dabei eher semiwichtig). Klar, die Rede ist hier von dem Song, der maximal eben nur fünf Sekunden braucht, um erkannt zu werden: "Are You Gonna Be My Girl" der australischen Garage-Rock Band Jet. Die kratzige, fast schreiend flehende Stimme des Tracks gehört dem bärtigen Nic Cester, der nun (über fünf Jahre nach der Auflösung von Jet) den Solopfad einschlägt. Die Zeit zwischen der Trennung und dem Solowagnis nutzte der Musiker, um nach dem wilden Rockstardasein nochmal richtig zu leben. Für ihn bedeutete dies: durch Asien, den Nahen Osten und Afrika zu reisen. Anschließend zog es den Australier erst nach Berlin, wo er nicht nur Deutsch, sondern auch Italienisch lernte - letztere Fähigkeit lebt er nun im neuen Heimatort Mailand mit Freundin und Fötus (im Bauch der Freundin) aus.

Das neue geordnete(re) Leben des ehemaligen Rockstars ist nicht nur thematisch, sondern auch klanglich auf Nic Cesters Debüt hörbar. Anders als im durchschnittlichen Jet-Song heulen die Gitarren auf Sugar Rush deutlich weniger auf, ebenso wie der Sänger seine Stimmbänder nur noch gelegentlich einer Härteprobe unterzieht. Wer also mit Jet bisher nichts anfangen konnte und nur Songs wie "Look What You've Done" oder "Move On" genießen konnte, wird mit dem Debütalbum des bärtigen Mannes sehr, sehr glücklich sein.

Der Titelsong gibt mit der perfekten Zusammensetzung aus Blues- und Stoner Rock-Elementen an, während "Eyes On The Horizon" eher in Richtung Pop-Rock schielt. Dieser weckt kurze Wiederhörensfreude mit Grizzly Bears "Two Weeks", bis einem klar wird, dass man ja gar nicht die Grizzly Bears, sondern eben Nic Cester hört. Kleiner Hirnfehler - passiert den Besten von uns, was nicht heißt, dass man wegen der nobelpreisverdächtigen Erkenntnis enttäuscht ist, denn "Eyes On The Horizon" löst, ähnlich wie "Two Weeks" es auch macht, das innigst wohlige Gefühl aus, dass die Welt eben doch ganz okay ist und alles irgendwann, irgendwie gut wird.



Der Wechsel zwischen Blues, Pop- und Stoner-Rock zieht sich rotfasrig durch das komplette Album. Bei "Psichebello" kommen dann noch elektronischere Psych-Elemente und flirrende, flötenartige Klänge ins Spiel. Bei "Hard Times" wiederum sind es flächige Akkorde und ein gospelartiger Chor im Hintergrund, die die Basis des Songs ausmachen. Im Gegensatz zum sonst durch und durch üppigen Klang steckt im Herzen des Albums der einminütige, sanfte Song "On Top of the World", in dem erst gen Ende Streicher ihre Stimme erheben. Einen großen Emotionsausbruch im Gewand eines beeindruckenden, fünfsekündigen Schreis bekommt ihr in "God Knows" bei Minute 2:14 zu hören. Ab jetzt wird erst wirklich klar, wie düster Sugar Rush klingt. Die Spannung wird erst mit den ersten anderthalb Minuten vom letzten Song "Walk On" gelöst, bis dann wieder alles explodiert und Nic Cester genüsslich ins Mikro schreit.

Mit Sugar Rush hat Nic Cester ein in sich geschlossenes, homogenes Werk geschaffen, das man ohne Sorge auch verwandten Schlagerfans beim Familienweihnachtsessen kredenzen kann.

Tracklist: Nic Cester - Sugar Rush01. Sugar Rushniccester sugarrush cover

02. Eyes On The Horizon

03. Psichebello

04. Hard Times

05. Strange Dreams

06. Who Do You Think You Are

07. On Top Of The World

08. God Knows

09. Not Fooling Anyone

10. Little Things

11. Neon Light

12. Walk On

Sugar Rush von Nic Cester wurde am 8. Dezember 2017 via Ferryhouse Productions (Warner) veröffentlicht.

Bildquelle: Cover Sugar Rush | Warner

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