Sam Vance-Law - Homotopia

Sam Vance-Law - Homotopia

Der Lieblingstonträger der Woche

Der Dandy feiert sein Comeback, erobert nun die Pop-Kultur und ist oben drauf auch noch ehrlich und nicht mehr verkappt schwul. Sein Name: Sam Vance-Law.



Was für ein Jedermannsliebling der kanadische Singer/Songwriter doch ist, sogar von der alten Lady ZDF. Dort durfte er zumindest in der Sendung aspekte ein paar seiner neuen Songs live präsentieren (leider nicht mehr in der Mediathek verfügbar, jedoch hat der/die/das User Knuddelfuddel_02 
hochgeladen). Auch die egoKünstler Drangsal und Get Well Soon aka Konstantin Gropper lieben ihn - die beiden supporten den Kanadier nicht nur bei seiner Releaseshow am 2. März in Berlin, sondern haben auch ihre ganz individuell enge Beziehung zu Sam Vance-Law. Ersterer (zur Erinnerung: Drangsal) teilt sich den Live-Drummer mit Sam Vance-Law, der wiederum dessen Manager ist. Letzterer hat dem Kanadier ein bisschen unter die Arme gegriffen, als es um das Produzieren des Albums ging. Gropper und Sam lernten sich kennen, als die Violinistin von Get Well Soon ausfiel und von Vance-Law ersetzt wurde. Bei der Gelegenheit wurde auch gleich mal noch die Rohversion von Homotopia vorgespielt. Der Legende nach meinte Gropper dann sowas wie: "Schon ganz gut, geht aber noch besser" (frei zitiert), weswegen Gropper prompt bei Homotopia in die Rolle des Koproduzenten stieg.
Damit zeugt das Erstlingswerk von Sam Vance-Law nicht nur von lyrischem Genie, sondern ist zudem auch noch top produziert. Gute Leistung für jemanden, der erst relativ spät in Berührung mit Pop-Musik gekommen ist. Bis vor Kurzem interessierte sich Sam Vance-Law nämlich ausschließlich für klassische Musik und spielt auch selbst leidenschaftlich seit eh und je Geige. Erst zu Studentenzeiten wird sein Horizont durch Kommilitonen erweitert - nämlich erst als der Klassiker mitbekommt, wie begeistert und fundiert zugleich diese über die seinerseits leicht verpönte, kontemporäre Musik reden. Das kannte Sam Vance-Law bis dahin nur von sich selbst, wenn er hochernst über klassische Werke sinnierte und so feierte das Pop-Universum den Urknall in Sams Hirn und entblößte unendliche Möglichkeiten, die er gleich ergriff. Erstmal nur als Live-Supporter bei diversen Studentenpartys, dann irgendwann selbst als Kreateur.



Sam Vance-Law bearbeitet mit Homotopia ganz offenkundig seine sexuelle Orientierung und die Gedanken und Erfahrung, die er sich dazu und damit gemacht hat. Eine starke Nuance Homoerotik in das Werk reinzuinterpretieren zeugt damit nicht von unglaublich großem Interpretationstalent, wie es manch einer beim 80er Jahre Trash-Film Killer Klowns from Outer Space anwendet in Anbetracht der ständigen, subtilen Berührungen der Figuren Dave und Mike. Immerhin heißt das Werk schon Homotopia. Ein Blick auf die Tracklist mit Titeln wie "Gayby" und "Faggot" macht die Thematik nochmal offensichtlicher und wenn man sich dazu noch nicht nur auf die wundervollen Melodien, sondern auch auf die humoristischen, reflektierten Songtexte konzentriert, springt die Homosexualität des Albums wie Schuppen auf die Augen. Und zwar von Anfang bis Ende.

Homotopia beginnt mit Sam Vance-Laws Erfahrungsbericht eines signifikanten, schwulen Ereignisses: dem Schulball. Klanglich passend ist "Wanted To" eine Ballade mit allem Drum und Dran: schmachtende Streicher mit flirrenden Saiten, weibliche hohe Backgroundstimme - frei nach der "Oh, wie schön"-Manier. Während sich der Hörer und - ja - auch die Hörerin aufgrund der tragenden Klänge bestehende Möglichkeiten überlegt, selbst schwul zu werden, singt Sam Vance-Law mit zerbrechlicher Stimme:


Please don't ask why I asked him to dance. I still cannot explain but I think [...] I wanted to know what it felt like to dance with a boy at my high school prom. 
Yeah, I already had a date, a girl called Elizabeth but she and I didn't really get along. [...] So I held out my hand and we started to waltz and his lips touched mine. Now my nose is bleeding and my heart is breaking cause I was fucked up by Lizzy's big brother.
 

Ebenso kurz aber prägnant (beim oberen Zitat handelt es sich tatsächlich um geschätzt 90 Prozent des kompletten Songtexts) ist der folgende Song, "Let's Get Married", nur dass der auch klanglich kraftvoll und treibend ist. Noch kürzer geschrieben als kurz gesungen: Es geht um einen Abend im Club, Geflirte und einen gewaltigen Zukunftssprung in eine mehr als feste Beziehung:


Hey, would you like a drink [...] and you said yes just last night to both - the dog and the car.
Was Sam Vance-Law damit ausdrücken will: Kritik! Denn obwohl er selbst schwul ist, hält er persönlich nicht viel davon, dass sich Homosexuelle in die Rahmen und Normen der Heterogesellschaft zwingen (Stichworte: Liebe auf den ersten Blick - Bussi, Bussi - Hochzeit - Kinder - Tod). Denn seiner Meinung nach hatten Homosexuelle immer einen Vorteil gegenüber Heteros: Sie waren stets kreativer, individuelle Lebensstile zu führen. In "Let's Get Married" wird so die klischeehafte schwul'sche Lockerheit beim Feiern mit der klischeehaft lahmen, hetero'schen Vorstellung von Liebe fusioniert und karikiert.
Das auditive Schmankerl an dem Track ist der Moment, in dem Sam Vance-Law nach Fistelstimmelei anfängt, im Vordergrund derart los zu singen, als würde er hinter einem stehen und ins Ohr, beziehungsweise direkt ins Herz brummen.

Auch "Narcissus 2.0" schmeichelt mit geistreichem Text und der Möglichkeit, ein tiefenpsychologisches und -philosophisches Fass aufzumachen, wobei es eigentlich kurz und simpel runterzubrechen ist. Sam Vance-Law beschreibt den Narziss 2.0, beziehunsgweise den Narziss der Moderne, der sich von seinem Vorbild aus der griechischen Mythologie in einer essenziellen Sache unterscheidet: Während Narziss 1.0 sich noch bedingungslos selbst liebte, steckt Narziss 2.0 im Zwist zwischen pompösem Selbstbewusstsein und mangelndem Selbstwert. Heißt: Außen hui, innen pfui.
Bestimmt ist das auch noch irgendwie ein Schlag gegen die Selbstdarstellung und -vermarktung in Zeiten von Instagram und Tinder. Ist es ja heutzutage immer irgendwie.

Spätestens beim Intro zum sechsten Song "Isle of Man" trifft es einen dann wie der Schlag: Wie unterschätzt sind denn Flöten geworden! Die gesamte Vielfalt der Holzbläser wird in diesem Track nämlich mit neckischen Pianotönen serviert und kreiert damit ein disneyhaftes Kopfkino: Es ist, als würden kleine Vögelchen aus allen möglichen Ecken flattern und um einen herumschwirren, die Frisur richten - das ganze Träumchen, zumindest für Schwule. In "Isle of Man" wird nämlich das eigentliche Homotopia gezeichnet: Da schneit es nie, es gibt Millionen von Glühwürmchen und schöne Männer, die sich auch endlich mal trauen dürfen, Tränchen zu vergießen.
Die gemeine heterosexuelle Frau fühlt sich dabei natürlich fies ausgeschlossen, aber soll sie doch ihre eigene Insel kreieren. Wobei - die gibt es ja schon. In Finnland. Dort stehen Me-Time, Nacktbaden, unter Sternen schlafen, Fitness, Yoga, Meditation, gesundes Essen und Kochen im Mittelpunkt. Natürlich heißt das Ganze auch noch SuperShe Island und klingt für jede Frau, die auch nur einen Millimeter neben jedem Klischee tickt, nach der absoluten Hölle auf Erden. Also doch: Wo können die Visa für "Isle of Man" beantragt werden?

Nicht mehr ganz so friedlich ist der übernächste Track. Mit "Faggot" richtet sich Sam Vance-Law auch noch an Gott - unterlegt mit bis dahin ungewohnt harten Gitarrenriffs.


I love god but he doesn't love me cause I'm an 'unwilling conscript in hell's army' and I wanna be an angel but it just can't be cause I'm a faggot.
Sitzt.

Und zwar so sehr, dass wir erst an dieser Stelle aus unserer trancehaftigen Faszination zu Sam Vance-Law erwacht sind und bemerkt haben, dass wir ja schon viel zu viel geschrieben haben. Deshalb lasst uns zumindest noch auf den letzten Track des Albums eingehen. Einfach, weil "Bye Bye Baby" auch genauso beginnt beziehungsweise endet, wie das Album mit "Wanted To" beginnt, den Kreis damit perfektestens schließt und deswegen auch noch Würdigung verdient hat. Obwohl es wirklich schwer fällt, die Emotionen noch beisammen zu halten, denn Sam Vance-Law macht via "Bye Bye Baby" quasi Schluss mit uns. Und wir machen jetzt Schluss mit euch.


Tracklist: Sam Vance-Law - Homotopia01 Wanted Tosamvancelaw homotopia cover

02 Let's Get Married

03 Prettyboy

04 Narcissus 2.0

05 Stat. Rap.

06 Isle Of Man

07 Gayby

08 Faggot

09 I Think We Should Take It Fast

10 Bye Bye Baby


Homotopia von Sam Vance-Law wird am 2. März 2018 via Caroline (Universal) veröffentlicht.


Bildquelle: Cover Homotopia | Caroline

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