Gewalt ist keine Privatsache

Gewalt ist keine Privatsache

Hilfe für Opfer von häuslicher Gewalt

Social Distancing macht häusliche Gewalt nahezu unsichtbar, obwohl sie gerade jetzt vermutlich enorm ansteigt.

Opfer von häuslicher Gewalt leiden besonders unter den Ausgangsbeschränkungen


Vor allem, weil Täter*innen oft den ganzen Tag in der Nähe sind. Dazu kommt, dass die Corona-Krise für viele Menschen (psychischen) Stress verursacht, der zu einem Anstieg von Gewalt in den eigenen vier Wänden führen kann. Die Hilfsangebote für Täter*innen, wie zum Beispiel Anti-Gewalt Trainings, fallen im Augenblick weg und die Opfer sind einer permanenten Kontrolle ausgesetzt: Die Zeitfenster, in denen es möglich ist, Hilfe zu rufen, sind in der Isolation noch geringe als sonst.


Laut einer Statistik des Bundeskriminalamts sind mehr als 80 Prozent der Opfer von Partnerschaftsgewalt Frauen. 2018 starb in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau durch Partnerschaftsgewalt - die Täter sind fast ausnahmslos männlich. Deshalb ist vor allem für Frauen die Isolation so gefährlich. 


Ein besonderer Onlineshop


Letztes Jahr startete Krystyna Paszko mit gerade einmal 17 Jahren einen Online-Shop für Naturkosmetik. Doch der Schein trügt – hinter dem Facebook-Shop verbirgt sich ein gut durchdachtes Hilfeangebot für Opfer häuslicher Gewalt. Die Idee dazu kam Krystyna, als sie von den steigenden Opferzahlen von häuslicher Gewalt in der Pandemie erfuhr. Auch das in Frankreich erfundene Codewort "Maske19", dass Betroffene in einer Apotheke sagen können, um Hilfe zu bekommen (mehr dazu unten im Text), inspirierte sie für ihren Fake-Onlineshop Camomiles and Pansies.

Camomiles and Pansies


Über Nachrichten an den Shop können die Opfer hier um Hilfe bitten. Schreibt jemand beispielsweise den Shop an und fragt nach einer Creme, antwortet ein*e Psycholog*in, statt einer*m Verkäufer*in. Diese fragen dann zum Beispiel, wie lange "die Hauptprobleme" bereits vorhanden sind und wie die "Haut auf Alkohol reagiert". Wenn jemand etwas bestellt und dabei eine Adresse hinterlässt, ist das im Shop ein Codewort, dass jemand (Behörden, Polizei) schnellstmöglich beim Opfer vorbeischaut.

Die Resonanz für den Shop war sehr groß und ging weit über Krystynas Freund*innekreis hinaus. Deswegen kontaktierte sie das polnische Women's Rights Centre und erhielt so Unterstützung durch Psycholog*innen und Anwälte für Betroffene. Seit dem Start des Shops, haben sich über 350 Personen gemeldet, die meisten davon eher jung (unter 40 Jahre). 10 Prozent der "Kund*innen" waren männlich und im Teenageralter.

Für ihren Shop erhielt die Schülerin jetzt den Civil Solidarity Prize der EU, der mit 10,000 dotiert ist und an 22 weitere gemeinnützige Projekte vergeben wird.





Die Ruhe vor dem Sturm 

Das deutsche Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMSFJ) geht davon aus, dass die Fallzahlen, die sich vor allem gegen Kinder und Frauen richten, in der Corona-Zeit stark gestiegen sind und weiter steigen werden. Aktuell meldet der Weiße Ring beispielsweise circa zehn Prozent mehr Fälle für die ersten zehn Monate im Jahr 2020.

Realität und Statistik stimmen aktuell höchstwahrscheinlich aber auch nicht überein: viele Übergriffe werden - wenn überhaupt - erst zeitverzögert gemeldet. Das ist zum Beispiel auch an Weihnachten zu beobachten: Erst nach den Feiertagen melden sich die Betroffenen bei Polizei, Frauenhäusern oder Hilfe-Hotlines. 

Aus anderen Ländern gibt es bereits Zahlen 


In Ländern wie China, Italien oder Spanien, in denen Ausgangsbeschränkungen schon länger bestehen, sind die Zahlen von innerfamiliärer Gewalt überall angestiegen. Erst nach der Krise wird sich zeigen, wie sehr sich häusliche Isolation, Verunsicherung und psychischer Stress auf die bestehenden Machtstrukturen in Familien und Partnerschaften auswirken und was das für die Fallzahlen von häuslicher Gewalt bedeutet.       

Kindern und Jugendlichen fehlen pädagogische Ansprechpartner*innen


Die Schließung von Schulen und Kitas kann verheerende Folgen haben. Kinder aus belasteten Familien fehlt jetzt ein strukturierter Tagesablauf und die Möglichkeit, sich mit Problemen an das pädagogische Personal zu wenden. Und vor allem Kinder und Jugendliche greifen nicht sofort zum Telefon oder bitten anderswo um Hilfe, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen Unrecht widerfährt und sie verletzt werden. 

Maske19 - Ein Codewort für Hilfe

Ähnlich zu Code-Wörtern, die es in Bars oder auf Festivals gibt, um bei sexueller Belästigung nach Hilfe zu bitten, gibt es in Frankreich und Spanien ein Codewort für Apotheken und Supermärkte: Maske19. Damit ist eine Möglichkeit geschaffen, sich dort Hilfe zu holen, wo man auch in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen sein kann. Der*die Apotheker*in oder Supermarktmitarbeiter*innen alarmieren daraufhin die Behörden beziehungsweise die Polizei.

Auch in Deutschland wird gefordert, dass der Apothekenverband über die Initiative informiert, um Opfern von häuslicher Gewalt in dieser schweren Situation zu helfen.



Gewalt ist keine Privatsache

Vor allem Freund*innen und Nachbar*innen müssen im Moment noch aufmerksamer sein und bei einem Verdacht die Polizei informieren.


Betroffene bekommen Unterstützung auf dem mehrsprachigen Hilfetelefon gegen Gewalt, das rund um die Uhr besetzt ist: 08000 116 016

Die Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW) e.V. bietet unter der bundesweiten kostenfreien Hotline 0800 70 222 40 anonyme telefonische therapeutische Hilfestellungen für Menschen an, die befürchten, gewalttätig zu werden.

Außerdem hat Das Bundesforum Männer hier eine 10-Schritte-Handlungsempfehlung, um Stressmomente in der Corona-Krise zu bewältigen, online gestellt.

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