Der pietätlose Trip für die Likes

Der pietätlose Trip für die Likes

Die dunkle Seite der Influencer*innen

Im Kampf zwischen "Hach, wie viele tolle Orte haben wir schon durch Instagram entdeckt" vs. "Oh, wie viele tolle Orte wurden durch den Ansturm von Instagrammern schon zerstört" wollen wir uns mal auf Letzteres konzentrieren...

Sie sind die heutigen Meinungsmacher in den sozialen Medien und üben durch Produktwerbungen und Zurschaustellung ihres exklusiven Lebensstils enormen Einfluss auf unser Konsumverhalten aus - die Influencer. 

Diese zwanghafte, ständige Attraktionsgeilheit an schönen Orten hat nicht nur zur Folge, dass werbeempfängliche Story-Schauer sich die neue Sport-Leggings zu legen. Viel mehr leiden auch die Orte, die sie besuchen darunter, dass bis dato unbekannte Wunder der Natur zu überlaufenen Sightseeing-Spots für Touristen werden.

Foto mal eben geknipst und auf Instagram hochgeladen, damit auch jeder weiß was für einen tollen Urlaub man gerade hat - und ein paar Tage später ist es auch schon wieder vergessen.

Nur die Umwelt, die vergisst das meist nicht so schnell. 

Ach ja und dann gibt es noch die durch Trends angekurbelten Reiseziele. Gesellschaftliche Bewegungen können ohne Frage eine schöne Art sein, die Menschen zum Besseren aufzurufen - aber leider geht das auch andersrum. Da entstehen dann eben Hypes, die dich dazu einladen, dich so richtig für deine eigene Spezies zu schämen... 

Auch die eigene Gesundheit wird aufs Spiel gesetzt

 Manche Menschen hält nicht einmal eine giftige Umwelt davon ab, nach dem besten Selfie zu suchen. Wenn der Drang das perfekte Bild zu posten zu einer Besessenheit mutiert.

Welche Auswirkungen dieses Zurschaustellung einmaliger Attraktionen bedeutet und auf was für andere hinrissige Ideen Influencer kommen haben wir dir hier mal zusammengefasst...




Der wunderschöne, giftige See


Ein See, so türkisfarben, dass man meinen könnte, er wäre direkt aus einem Werbekatalog für die Malediven rausgephotoshoped worden. Tatsächlich ist dieser See in der Nähe von Nowosibirsk, im tiefsten Sibirien, zu finden und die Influencer lieben ihn. 

Seit einigen Tagen strömen zahlreiche Menschen zu dem Gewässer, um in der Nähe des Ufers oder auf dem Wasser für das perfekte Instagrambild zu posieren. Auf dem eigens dafür angelegten Fanaccount maledives_nsk findet man zahlreiche, semiprofessionelle Modelfotos - inklusive Hochzeitsbilder und Stand-Up-Paddeling-Pärchen. Die meisten Poser befinden sich vor dem See, mit ihm als Hintergrund, einige aber sind auch im Wasser zu sehen. Davon wird aber dringlichst abgeraten.

Instagram-See enthält giftige Chemikalien

Die vermeintlich schöne türkise Farbe hat nämlich einen weniger romantischen Grund, denn der See dient als Entsorgungstümpel für Asche aus einem nahegelegenen Kohlekraftwerk und wurde nur dafür ausgebaggert.

Das Wasser enthält eine hohe alkalische Konzentration, da sich Kalziumsalze und andere metallische Oxide darin befinden.
Diese giftigen Chemikalien können starke allergische Hautreaktionen auslösen  – und nebenbei eben dem See seine spektakuläre Farbe geben.


Betreiber des Kraftwerks warnt

Da immer mehr Menschen den Ort für Selfies auserkoren haben, sah sich der Betreiber des nahegelegenen Kraftwerks nun gezwungen, eine Warnung auszusprechen. In einer öffentlichen Stellungnahme auf dem russischen sozialen Netzwerk VK rief das Unternehmen eindringlich zur Vorsicht auf.

Neben der Warnung vor allergischen Reaktionen, sei der Boden so schlammig, dass es nahezu unmöglich sei, aus dem See wieder herauszukommen. Zusätzlich gab's noch den Hinweis das Wasser keinesfalls zu trinken (ok, da würden wir den Glauben an die Menschheit dann aber wirklich verlieren). Dass sich die Instagrammer durch die Warnung abschrecken lassen, scheint eher unwahrscheinlich. Aber wie jeder Hype, wird dieser auch bald zu Ende gehen.



Posen vorm Reaktor 

Bei weltweit bekannten Katastrophenorten hat der Influencermarkt seine Grenzen? Von wegen. Und das alles ist ausgelöst durch eine Serie...

Aber auch nicht irgendeine: In der neuen HBO-Serie Chernobyl wird der größte Atomunfall in der Geschichte der Menschheit rekonstruiert. Sie wird weltweit aktuell so gehypt, dass sie sogar den besten Serien-Rankingplatz bei IMDb erhalten hat.

Und der Hype endet nicht vor dem Fernseher: Plötzlich stiegen laut einer ukrainischen Agentur die Touren in und um Tschernobyl im Mai um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahres-Mai an. Voran das liegt? Wo der aktuelle Trend ist, sind heutzutage auch die Influencer*innen nicht weit. So ein Touritrip der Meinungsmacher auf sozialen Netzwerken endet dabei natürlich nicht bei einem kurzen Besuch.

Auf pietätlose Art und Weise stellen die Influencer*innen und die, die es noch werden wollen, sich vor einem stillgelegten Reaktor oder vor den Ruinen der nahegelegenen Geisterstadt Pripjat dar.

Oft auch noch knapp bekleidet und in voller Pose. Dabei vergisst das ein oder andere Instagram-Model wohl, dass die Geschichte Tschernobyls in keinster Weise sexy ist. Die Katastrophe von Tschernobyl, bei der am 26. April 1986 der Reaktor des Blocks 4 explodierte, gilt als bisher weltweit schwerster Unfall in einem Kernkraftwerk. 

Davon bei den Postings keine Spur. Was man für ein paar Likes nicht alles macht...

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Neben vielen verärgerten Locals in der Ukraine äußert sich auch der Macher von Chernobyl zu dem hochgradig toxischen Trend: 




Die Vermüllung des Verzascatals

Das Verzascatal war eine Ansammlung kleiner, idyllischer Gemeinden mit Top-Lage an einem wunderschönen, kristallklaren Fluss.

Betonung auf "war" - denn das änderte sich ab dem 10. Juli 2017 brisant.

An diesem Tag lädt der italiensche Influencer und Videomacher Capedit ein Video auf seiner Facebook-Seite hoch, in dem er die Idylle des Verzascatals präsentiert. "Nur eine Stunde von Mailand" heißt es immer wieder in dem Beitrag. Nach diesem Video ändert sich für die Bewohner des kleinen Ortes alles, denn in den folgenden Woche kommen immer mehr Touristen und wollen im türkisblauen Wasser baden.

Handtuch an Handtuch quetschen sie sich seitdem auf die Steine am Ufer - und das gesamte Verzascatal kommt kaum mit dem Ansturm an Besuchern klar: es gibt weder eine entsprechende Infrastruktur, die ein geregelten Verkehr gewährleistet, geschweige denn Parkmöglichkeiten. 

Übrigens: Wirtschaftlich bringen die Touristen-Ströme dem Verzascatal gar nichts. Denn bei ihnen handelt es sich zum Großteil um Tagesbesucher, die ihr eigenes Picknick mitbringen und nicht in lokale Wirtschaften einkehren. Womit wir mit dem Stichpunkt "eigenes Picknick" beim nächsten großen Problem der Masse sind, der Müll bleibt nämlich größtenteils nach Abfahrt da.



Das zertrampelte Mohnfeld

Auch der kalifornische Ort Lake Elsinore hat unter den Instagram-Touristen zu leiden. Da ist zur Zeit nämlich Mohnblüte und kilometerweit erstrecken sich die orange-gelben Felder in der grünen Landschaft. Klar, dass so ein malerischer Spot auch Hobby-Fotografen anzieht, die ein Bild von sich zwischen den tausend Blüten haben wollen.

Dass es bei solchen Trends nicht nur bei ein paar hundert Besuchern bleibt, solltest du ja mittlerweile gelernt haben. Und so strömten die Scharen vergangenes Wochenende in den Walker Canyon von Lake Elsinore und hinterließen ein zertrampeltes Mohnfeld: das Opfer von 50.000 Schnappschüssen alleine an diesem Wochenende.

Die Stadt musste jetzt reagieren und hat den Zugang zum Canyon geschlossen, um den Schaden an den platt getrampelten Mohn-Blumen noch zu begrenzen. #nature #wanderlust




Die genervten Hotelbetreiber

Wie du oben gelesen hast, finanzzieren die Influencer*innen ihr täglich Brot hauptsächlich mit dem Bewerben von Produkten. Für die Marken sind Influencer*innen also lukrative Partner*innen, denn sie können die Produkte direkt an den oder die Verbraucher*in bringen. Die können auf ihren Kanälen dann verbreiten, wie toll der Badeschaum der Firma X angeblich ist. Doch nicht alle Firmen haben noch große Lust, weiter mit Instagrammer*innen zu kooperieren und das Angebot für Werbekampagnen zu verschenken.

So geht es zum Beispiel Paul Stenson, dem Betreiber des Hotels Charleville Lodge in Dublin. Dieser bekam per Mail eine Anfrage einer einflussreichen Instagram- und YouTube-Persönlichkeit. Die Person bot Paul Stenson an, ein Klick generierendes Video über sein Hotel zu produzieren. Im Gegenzug soll Paul ihr einen gratis Aufenthalt in seinem Hotel organisieren. Der Influencerin war allerdings nicht bewusst, dass Paul kein Fan der aktuellen Marketing-Entwicklung ist. 

Dieser machte daraufhin in einem antwortenden Facebook-Post seiner Abneigung gegenüber solchen Zusammenarbeiten Luft:

"If I let you stay here in return for a feature in your video, who is going to pay the staff who look after you? Who is going to pay the housekeepers who clean your room? The waiters who serve you breakfast? The receptionistwho checks you in? Who is going to pay for the light and heat you use during your stay? The laundering of your bed sheets? The water rates? Maybe I should tell my staff they will be featured in your videoin lieu of receiving payment for work carried out while you’re in residence?"

Also: In Paul Stensons Hotel zahlt auch künftig jeder Besucher für die anfallenden Kosten eines Hotelbesuchs - egal ob 100 Abonnenten oder 100.000.



Tödliches Gedränge auf der Trollzunge

Die Trolltunga (Trollzunge) ist ein sehr beliebter Foto-Spot für reichlich Tourist*innen im Westen von Norwegen. Dabei handelt es sich um einen nach vorne immer dünner werdenden Felsvorsprung, der in luftiger Höhe über eine atemberaubenden Landschaft ragt. Klar, dass sich so ein perfektes Set für ein Fotoshooting schnell herum spricht:

Täglich wandern hunderte Tourist*innen den als anspruchsvoll ausgeschilderten Pfad zur Zunge hinauf, um sich in eine ewig lange Schlange fürs Fotomachen einzureihen. Dass das mehr oder weniger unkoordiniert und chaotisch abläuft kannst du dir ja vorstellen.

2015 stürzte eine 24-jährige Frau aufgrund des Gedränges auf der Zunge mehrere hundert Meter in die Tiefe - und verstarb. Trotz dieses tragischen Unfalls hat sich an der unübersichtlichen Situation an der Trollzunge nichts getan. Die einzig ernst zunehmende Reaktion auf den Vorfall war die Aktion #BeSafie einer Tourismusagentur. Unter dem Hashtag soll auf sicherere Selfies aufmerksam gemacht werden.


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Der zerstörte Traumstrand

Nicht nur HBO-Serien können einen Touri- und Fotowahn auuslösen, bei Filmen hat das in Vergangenheit auch schon geklappt. 2000 zeigte beispielsweise der Film The Beach Leonardo DiCaprio an seinem Traumstrand mitten im paradiesischen Nirgendwo. Scheinbar weckte dieser Film in vielen das Fernweh und die Sehnsucht nach ihrem eigenen Idyll. Und so recherchierten Leo-Fans nach dem Drehort und stießen schließlich auf "Maya Bay" in Thailand.

Seit 2000 pilgerten daher durchschnittlich 3.500 Besucher pro Tag mit dem Motorboot an den entlegenen Strand der Insel Ko Phi Phi Leh und brachten Müll, Lärm und Öl mit sich.

Diese Faktoren und die nicht endende Flut aus Touristen zwangen die thailändische Regierung im Sommer 2018 einen Schlussstrich zu ziehen. Seitdem kommt kein Tourist mehr an den Strand und das wird vorerst so bleiben - damit die Unterwasserflora und- fauna sich erholen können. Denn diese ist schwer geschädigt und seltene Tierarten finden erst langsam wieder in das seichte Gewässer zurück. Auch die Korallen hatten sehr zu leiden. Hier ist das Problem, dass sie nur sehr langsam, über Jahre hinweg, wachsen. Bis diese sich regeneriert haben, wird es noch eine ganze Weile dauern.

Die Regierung plant dennoch in Zukunft den Strand für Besucher wieder zu öffnen, allerdings nur mit begrenzter und kontrollierter Kapazität.



Vandalismus für Abonnenten

Casey Nocket, auf Instagram bekannt als Creepytings, wurde 2016 Hausverbot für alle amerikanischen Nationalparks ausgesprochen, nachdem sie dort mehrfach ihr Unwesen trieb.

Sie malte mit Acrylfarbe diverse Gesichter auf Jahrtausend alte Steine in Nationalparks und postete ihre Schmiererein im Anschluss auf ihrer Seite.

Blöd, dass sie damit auch sofort den Hinweis lieferte, von wem die Verunreinigungen stammen und so wurde sie für die folgenden zwei Jahre aus allen Nationalparks verbannt. Zusätzlich musste sie noch 200 Stunden mit gemeinnütziger Arbeit verbringen, die unter anderem aus der Säuberung von Naturschutzgebieten bestanden.


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Die gesperrte Gasse

Paris: Die Hochburg für den und die Insta-Blogger*in von heute. La Tour Eiffel bei Nacht, wie er die Stadt erleuchtet (Bildmaterial davon ist übrigens urheberrechtlich geschützt) oder schöne Gassen im Herzen der Stadt der Liebe. Eine dieser Gassen ist die Rue Crémieux und ihre Anwohner*innen klagen über einen unaufhaltbaren Ansturm an Fototourist*innen. Mehrfach täglich wird sich auf den Türschwellen niedergelassen um eine coole Pose zu finden und sich dann ablichten zu lassen.

Auch HipHop-Musikvideos wurden schon unangemeldet in der (unfreiwillig) bekannten Straße gedreht.

Das geht den Menschen die dort wohnen mächtig auf den Zeiger und deswegen haben sie sich jetzt an die Stadt Paris gewandt und bitten um ein Tor. Das Tor soll zur Primetime für Fotografen verschlossen werden, Kontrolle in das Gassengeschehen bringen und Blogger*innen fernhalten.




Fotowahn im KZ

Die Gedenkstätte des Konzentrationslagers in Auschwitz erinnert an die Millionen Ermordeten während des NS-Regimes. Eigentlich sollte es also auf der Hand liegen, dass man hier kein spaßiges Foto für Instagram macht und dem Ort den nötigen Respekt entgegen bringt.

Doch das scheinen nicht alle zu begreifen und deswegen lassen sich auf Instagram & Co. diverse Fotos finden, auf denen die User*innen zum Beispiel bei Sonnenuntergang auf den Gleisen des KZ balancieren.

Dass auf diesen Gleisen die Opfer der Nazis in die Konzentrationslager deportiert wurden, scheint keinen von denen so wirklich zu interessieren. Die Gedenkstätte Auschwitz bittet auf Twitter daher ihre Besucher*innen darum, künftig auf solche "Schnappschüsse" zu verzichten und um einen respektvollen Umgang mit diesem Ort des Verbrechens.

Design ❤ Agentur zwetschke