Incels: Was steckt hinter der frauenfeindlichen Community?

Incels: Was steckt hinter der frauenfeindlichen Community?

Im Interview mit Veronika Kracher

Sie sind Männer und geben Frauen die Schuld, dass sie allein und unglücklich sind. Aber was genau steckt eigentlich hinter der Incel-Community?

Wer oder was ist ein Incel?

Incels sind in den USA bereits ein verbreitetes Phänomen, hierzulande jedoch noch ziemlich unbekannt. Wir haben mit der Autorin und Journalistin Veronika Kracher gesprochen und uns die Community erklären lassen.

Veronika beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Incel-Subkultur und hat darüber auch ein Buch über sie geschrieben. Im Interview mit egoFM Lola hat sie uns mehr über die Entstehungsgeschichte der Bewegung erzählt und die Ideologie, die dahinter steckt:

  • Veronika Kracher über Incels
    Das komplette Interview zum Nachhören

Die anderen sind Schuld...

Der Begriff "Incel" setzt sich aus den Wörtern "involuntary" und "celibate" zusammen - zu Deutsch also unfreiwilliges Zölibat. Incels sind (primär) online unterwegs und gehören als Subkultur zur sogenannten Black Pill-Bewegung:
"Die [Bewegung] besagt, dass es eigentlich kaum etwas Schlimmeres gibt, als ein unattraktiver Mann zu sein. Weil dann hat man keinen Sex und ein Leben ohne Sex ist total traurig und sinnlos. Und warum hat man als unattraktiver Mann keinen Sex? Weil alle Frauen total oberflächliche Schlampen sind, die nach der sexuellen Revolution und nach dem Feminismus anstatt mit einem Mann ihres Attraktivität-Levels zu verkehren, sich nur noch um sogenannte 'Chads' bemühen. 'Chads' sind in Augen von Incels sehr attraktiv und Paradebeispiele für hegemoniale Männlichkeit. Nach der Black Pill-Ideologie machen Chads 20% aller Männer aus. Chads können im Grunde jede Frau haben, sodass letztlich keine Partnerin mehr für den Incel übrig bleibt, der zu unattraktiv ist, um eine abzubekommen."


Incels geben vor allem Frauen die Schuld für ihre Situation und ihre Unzufriedenheit, sodass sich hier ein regelrechter Hass auf Frauen entwickelt. Dieser Hass bleibt allerdings nicht immer in der Online Filterblase, manchmal schwappt er auch rüber in die reale Welt...
"Incel-Attentate haben inzwischen in Nordamerika 50 Menschenleben gekostet. Der letzte Mord war im Februar 2020, als ein 17-jähriger Incel eine Sexarbeiterin in einem Massagesalon in Toronto ermordet hat."

Wie hat sich die Incel-Bewegung entwickelt?

Kaum zu glauben, aber ausgerechnet eine Frau hat den Begriff der Incels geprägt. Sie gründete Ende der 90er-Jahre eine Online-Selbsthilfegruppe namens "Alana's Involuntary Celibacy Project". Ursprünglich waren Incels also eine Selbsthilfegruppe, die allen Menschen - egal welches Geschlecht und welche sexuelle Orientierung sie haben - offen stand. Die Gründerin verließ die Selbsthilfegruppe und als Selbstläufer wurde die Gruppe radikaler und bald eine Art Forum für den Hass heterosexueller Männer. 

Auch Imageboards wie 4Chan, antifeministische YouTube-Kanäle, die auch den Begriff "friendzoned" einführten und prägten, und Seiten wie PUAHate.com (Pick-Up-Artist-Hate) radikalisierten die Community weiter:

"Das war ein Forum, auf dem sich auch der Incel-Attentäter Elliott Rodger radikalisiert hat, wo sich Männer getroffen haben, die in die Seminare von Pick-Up-Artist gegangen sind und trotzdem keinen Erfolg bei Frauen verzeichnen konnten. Und anstatt zu dem Schluss zu kommen, dass die sexistischen Pick-Up-Artist-Techniken vielleicht nicht so das sind, womit man Frauen für sich begeistern kann, kam dann der Gedanke auf 'Ich bin eigentlich zu hässlich, dass Frauen mich gut finden können' und das genau hat sich dann in diese Incel-Szene kumuliert."

Für die Recherche für ihr Buch bewegte sich Veronika genau auf solchen Plattformen, Seiten und Foren. 
Dabei hat sie nicht nur wochen-, sondern teilweise jahrelang die Szene beobachtet und die Konversationen dort verfolgt, um die Kernelemente und wiederkehrende Themen der Bewegung zu dokumentieren und zu analysieren.
"Es gibt viele Sachen, die schockierend sind. Was dazu gehört ist beispielsweise, wie oft Incels mit Suizid oder Selbstverletzung kokettieren. Man muss auch bedenken, dass die Black Pill-Ideologie Incels selbst gegenüber massiv schädlich ist, da die Community kein solidarischer Ort ist, sondern einfach nur extrem toxisch."

Und natürlich ist auch der blinde Hass gegen Frauen mehr als schockierend.
"Dazu gehört eben auch, dass Vergewaltigungen heruntergespielt werden - also: 'Frauen können gar nicht vergewaltigt werden, weil wenn ein Chad eine Frau vergewaltigt, genießt sie es eigentlich' oder 'Frauen haben es verdient, vergewaltigt zu werden' oder 'Ich würde ne' Frau vergewaltigen, wenn ich die Chance dazu hätte.' Und das geht dann eben stellenweise in eine Glorifizierung von sexueller Gewalt gegen Minderjährige. Dass zum Beispiel gesagt wird, die perfekte Partner ist so 13 bis 15 Jahre alt, dann ist sie noch nicht vom Feminismus verkommen und ruiniert, dann kann man sie noch formen."

Einer der radikalsten Auswüchse der Bewegung sind laut Veronika die sogenannten Pedo-Cels - die nur einen sehr kleiner Teil der Incel-Bewegung ausmachen. Diese sprechen offen davon, Kinder zu vergewaltigen. Sie sehen in der Vergewaltigung von Frauen und Kindern die einzige Möglichkeit, dem Incel-Dasein zu entkommen. Das war für Veronika persönlich dann auch die absolute Grenze, sodass sie nach ihren Recherchen ein paar Nächte Albträume hatte.

Incels hat Veronika im echten Leben noch keine getroffen, da sie Männern, die noch in der Szene stecken, keine Plattform geben möchte. Allerdings hat sie sich bereits mit Aussteigern unterhalten.

Parallelen zu einem Kult

Es gibt auf der Plattform Reddit beispielsweise ein Subreddit namens Incel-Excel - eine Plattform, auf der jungen Männern geholfen wird, aus der Incel-Community auszusteigen. Schon allein, dass es so ein Forum gibt, zeigt auch, dass es nicht so einfach ist, die Community zu verlassen wenn man einmal Teil von ihr gewesen ist.

Ein Blick in den Subreddit verdeutlicht, dass es für viele wie eine Art Droge geworden ist, in der Community unterwegs zu sein - auch wenn es sie beispielsweise depressiv macht und sie dem eigentlich längst ein Ende setzen wollen:
"Ich denke, dass jeder Incel, der versucht, da raus zukommen, Unterstützung benötigt. Das sind ja (...) Kult-artige Strukturen. Ich finde auch für Maskulisten generell - also auch für Pick-Up-Artists, Männerrechtsaktivisten - müsste es durchaus Supportangebote für den Ausstieg geben, ähnlich wie für Sektenmitglieder."


Frauen unter den Incels?

"Es gibt Femcels, ja, das sind Frauen, die eben sagen, ich krieg' keinen Partner oder keine Partnerin, weil ich zu unattraktiv bin. Die werden allerdings von männlichen Incels nicht immer anerkannt. Viele männliche Incels sagen, Frauen können keine Incels werden, weil jede Frau immer und überall Zugang zu Sex hätte und den halt auch immer haben will, weil diese Triebhaftigkeit in der weiblichen Natur liegt." 

Bei Femcels fiel Veronika auf, dass diese sich vor allem durch einen extremen Selbsthass und Selbstmitleid - der natürlich auch bei männlichen Incels auftritt - auszeichnen.

Aber ist an dieser Ideologie echt was dran? Sind diese Menschen wirklich so unattraktiv, dass es ihnen schwerfällt, eine*n Partner*in zu finden? Erkennt man einen Incel an seiner Unattraktivität auf der Straße oder im Bekanntenkreis?
"Das Ding ist ja, Incels sagen, sie sind superhässlich - sind sie aber nicht! Es gibt ein Forum - das heißt Lookism.net, wo Incels sich gegenseitig optisch bewerten und sagen 'Was könnte ich machen, um attraktiver zu sein?' - meistens geht's da um plastische Chirurgie - und dann laden sie Fotos hoch... Überraschung: Das sind ganz normal aussehende junge Männer! Wo ich mir normalerweise denken würde, bei denen würde ich bei Tinder nach rechts wischen. Das ist auch noch etwas, das ich betonen will: Diese ganze Ideologie ist darauf ausgelegt, das Selbstbewusstsein und die Selbstliebe von Menschen komplett zu zerstören."

Allein am Aussehen erkennt man Incels also nicht. Stattdessen kann man beispielsweise als Eltern oder Lehrer*innen darauf achten, wie sich junge Männer über die Sprache ausdrücken - insbesondere beim Thema Frauen, Sex und andere Männer. 
"Das ist auch etwas, wo Eltern, Lehrkräfte und vor allem unsere Gesellschaft in eine Verantwortung genommen werden muss, jungen Männern eben zu erklären, dass ihnen Sex nicht einfach so zusteht, dass sie Frauen als Mitmenschen und nicht als Sexobjekte betrachten sollen und dass sie halt auch letztendlich eine Identität aufbauen können, die nicht auf der Abwertung von allem Weiblichen basiert."



Auch egoHörerin Theresa hat sich für ihre Bachelorarbeit mit dem Thema Incels auseinandergesetzt. Herausgekommen ist ein wunderbarer kleiner Animationsfilm, indem sie ganz überspitzt und mit viel Humor noch einmal verdeutlicht, wie absurd diese Ideologie eigentlich ist:

Willkommen in der Manosphere from Theresa Schmidt on Vimeo.

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