Kurze Geschichte des Feministischen Kampftages

Kurze Geschichte des Feministischen Kampftages

Feminism Friday - Weil Feminismus alle was angeht

Die letzten Jahre rückte der 8. März wieder mehr in den öffentlichen Fokus. Aber wie ist der Tag eigentlich entstanden und worum genau geht's überhaupt?


Der feministische Kampftag findet seit über 100 Jahren am 8. März statt.

Wir schauen uns die Entstehungsgeschichte in Deutschland an und werfen einen Blick darauf, wie sich der Tag in den letzten Jahren verändert hat. 

Der Ursprung des feministischen Kampftags liegt im Wahl- und Arbeitskampf

Der Weltfrauentag hat seinen Startpunkt in der sozialistischen Frauenbewegung. Auf der II. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen 1910 wurde dieser Beschluss gefasst: 
"Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient." 

Der Tag hatte ursprünglich das Konzept eines Streikes zur Idee

Die ursprünglichen Hauptforderungen waren das Wahlrecht für Frauen, aber auch arbeitsrechtliche Forderungen. Am 19. März 1911 wurde der erste internationale Frauentag in Europa (Dänemark, Deutschland, Österreich, Bulgarien, Schweiz) und den USA gefeiert. Damals hatte die kommunistische Clara Zetkin eine wichtige Rolle in der Umsetzung.

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Digitales Deutsches Frauenarchiv | Archiv der deutschen Frauenbewegung Kassel | "Heraus mit dem Frauenwahlrecht" | CC BY-SA 4.0  
Erst 1921 wurde sich international auf den 8. März als endgültiges Datum festgelegt. Am 8. März hatten nämlich kommunistische Frauenproteste in Russland die russische Oktoberrevolution mit eingeläutet. Ab 1926 gab es in der Weimarer Republik allerdings zwei Internationale Frauentage: einen kommunistischen am 8. März und einen sozialdemokratischen ohne festes Datum.

Während des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 wurde der Frauentag verboten

Als Ersatz wurde der Muttertag etabliert und gepusht, denn anders als der Weltfrauentag stellt dieser keine Forderungen sondern es stehen Dankesbekundungen im Mittelpunkt.

In der DDR war der 8. März dann ein offizieller Feiertag - inklusive sozialistischer Pflichtveranstaltungen. Mit der Zeit wurde der Tag aber immer mehr zu einer Art alternativem Muttertag - mitsamt der Rosentradition. 

In der BRD haben 1948/49 Dr. Elisabeth Selbert, Frieda Nadig, Helene Weber und Helene Wessel den Artikel 3, Absatz 2 ins Grundgesetz gekämpft, der besagt:
"Männer und Frauen sind gleichberechtigt."

Mit der Frauenbewegung der 70er-Jahre gewann der Tag wieder Aufmerksamkeit

1975 erklärten die Vereinten Nationen einen Tag im Jahr offiziell zum internationalen Frauentag und organisierten erstmals am 8. März eine Feier.

1994
rief der Unabhängige Frauenverband am 8. März zum Frauenstreik auf. Im Mittelpunkt standen Frauenarbeitslosigkeit und der Abbau der Kinderbetreuung im Osten. Mit über einer Millionen Protestierenden hatte der Tag einen großen Erfolg. 1994 wurde auch der Gleichberechtigungsartikel erweitert, um den aktiven Gleichstellungsauftrag:
"Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." 

Seit den 2000ern lässt sich eine zunehmende Kapitalisierung beobachten

Mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von FeminismusTM stieg auch die Vereinnahmung durch Firmen. Das kann als positive Entwicklung gedeutet werden, trägt aber einen bitteren Beigeschmack, wenn sich sonst wenig verändert. Denn auch für Shirts mit dem Aufdruck "The future is female" leiden häufig Arbeiterinnen in unterbezahlten Jobs mit Arbeitsverhältnissen aus der Hölle - und Ausbeutung wird auch nicht weniger ausbeuterisch, nur weil ein #Girlboss die Chefin ist. Es braucht strukturelle Veränderungen und nicht nur Symbolpolitik und ein feministisches Image.

Welches Ziel hat der feministische Kampftag heute?

Seit über 100 Jahren findet am 8. März der feministische Kampftag statt. Wir sollten den Tag jedes Jahr auf's Neue dafür nutzen, um auf Probleme aufmerksam zu machen, Erfahrungen zu teilen, Forderungen kundzutun und gegenseitig solidarisch miteinander zu sein. Das ist wichtig, denn in vielen Bereichen sind wir noch immer weit entfernt von Gleichberechtigung. All das kann, darf und sollte natürlich auch an jedem anderen Tag geschehen, Aktionstage bieten allerdings die Chance, ein Thema an einem Tag noch mal bewusster in den Fokus zu rücken.

Damit das klappt muss sich einerseits inhaltlich gefragt werden: Welche Veränderungen sind nötig, welche Themen brauchen mehr Öffentlichkeit und welche Kämpfe müssen geführt werden - und wie? Andererseits müssen wir uns gegenseitig zuhören und gemeinsame Lösungen finden. Und da ist definitiv jede und jeder gefragt, denn Feminismus ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Und natürlich können wir auch die bisherigen Errungenschaften anerkennen. Ob jemand allerdings Glückwünsche und Aufmerksamkeiten wie zum Beispiel Rosen gerne zu einem Tag, der auf Unterdrückung und fehlende Gleichberechtigung aufmerksam macht, gerne annimmt, kann individuell stark variieren - viele finden es unangebracht. 



Weltfrauentag? Feministischer Kampftag? Kampftag für FLINTA*?

Was ist denn nun überhaupt die richtige Bezeichnung? Über den Namen Weltfrauentag wird immer wieder diskutiert. Um die Umdeutung des 8. Märzes als bloßer Tag zur Ehrung von Frauen zu vermeiden - nach dem Motto "Hier Schatz, ein paar Blumen, ich wollte mal Danke sagen, dass du seit 40 Jahren unbezahlt den kompletten Haushalt schmeißt" - bezeichnen viele Feminist*innen den 8. März inzwischen als "Feministischen Kampftag". Es geht schließlich nicht um Rosen, sondern um politische und gesellschaftliche Veränderungen. Zudem liegt der Fokus bei diesem Namen nicht nur auf Frauen, was manche positiv bewerten.

Von anderen wird deswegen auch eine Erweiterung des 8. März als "Kampftag für FLINTA*" bevorzugt - also ein Tag für Frauen, Lesben, inter*, nonbinary, trans* und agender Personen.

Denn wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter geht, sind Frauen nicht die einzigen, die strukturellen Sexismus und Diskriminierung erfahren. Und einfach nur ein Sternchen an das Wort Frauen dranhängen ist leider echt keine Lösung. Viele verwenden stattdessen auch einfach die Bezeichnung "8. März" in Hashtags oder Bündnissen, um eine Reduzierung auf Frauen zu vermeiden. Es gibt allerdings auch Stimmen, die sich gegen eine Öffnung beziehungsweise eine Umbenennung des Frauenkampftags aussprechen und stattdessen zusätzliche, eigene Aktionstage befürworten würden, da sich die Diskriminierungsformen teilweise stark unterscheiden und die Ursprünge des 8. März aus den Augen verloren werden könnten. 



Weißer Feminismus und der feministische Kampftag

Wenn wir auf den feministischen Kampftag blicken, dürfen wir eines nicht vergessen: Die Geschichte und der Ist-Zustand des westlichen Feminismus ist nicht unproblematisch - weiße Feminist*innen begründeten ihre Forderung nach Wahlrecht beispielsweise mitunter damit, dass auch Schwarze Männer wählen dürften, obwohl diese ja eigentlich "unter ihnen" stehen würden, so die Anführerin der Sufragetten Bewegung in den USA Elisabeth Cady Stinton.

Der westliche Feminismus war von Anfang an ein Feminismus von weißen Frauen für weiße Frauen. Und auch heute in Deutschland herrscht größtenteils noch immer vor allem ein weißer Feminismus vor. Migrantisierte Frauen werden häufig zu Opfern stilisiert, welche von weißen Frauen beschützt werden müssen - die tatsächlichen Erfahrungen und Bedürfnisse von PoC werden hingegen oft ignoriert. Sich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen ist unfassbar wichtig, dafür empfehlen wir Bücher wie zum Beispiel Against White Feminism von Rafia Zakaria, White Feminism von Rebecca Traister, The Trouble with White Women von Kyla Schuller oder White Tears/Brown Scars von Ruby Hamad dazu zu lesen. Wie können wir aber weißen Feminismus vermeiden - am 8. März und auch an jedem anderen Tag? 

Das Stichwort lautet Intersektionalität.

Das bedeutet, die Überlappungen von Diskriminierungen und gesellschaftlichen Positionen mitzudenken und möglichst viele verschiedene Sichtweisen mit einzubeziehen. Sollte beispielsweise nur eine weiße Frau ohne Kopftuch über die Unterdrückung von Frauen im Islam eine flammende Rede halten, oder wäre es besser, verschiedenen Perspektiven von Betroffenen Gehör zu schenken? Es geht außerdem darum, kapitalistische Verhältnisse infrage zu stellen - denn wie viel verändert die Forderung nach Frauen in Führungspositionen global betrachtet wirklich, wenn diese Frauen immer noch in Führungspositionen von Firmen sitzen, die Mädchen und Frauen im globalen Süden ausbeuten? 

Diese und viele weiter Fragen rückt der intersektionale Feminismus in den Fokus und will so einen grundsätzlichen Kampf gegen verschiedene Formen der Unterdrückung führen, nicht nur gegen einzelne - und diesen Ansatz sollten wir auch am Feministischen Kampftag nicht aus den Augen verlieren. Mehr zum Thema Intersektionalität findest du hier.


Noch mehr Einordnungen von umstrittenen Themen des Feminismus findest du hier

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