Wie BPOC die Pop-Musik erfanden

Wie BPOC die Pop-Musik erfanden

Die Musik der USA - und ihre Urheber*innen

Die Geschichte der populären Musik-Genres ist nicht nur eine amerikanische Geschichte, sondern zum großen Teil - nein, eigentlich hauptsächlich - eine Geschichte über den ewigen Freiheits- und Gerechtigkeitskampf von BPOC.

Die USA - Geburtsort der Glühbirne, Chocolate Chips Cookies und einer Kreditkarte, die sich bis ins Unendliche hinaus überziehen lässt. Die USA - Land der Träume, Land der Freiheit. Land der Sklaverei, der Unterdrückung und brutaler Machtverhältnisse. Die USA - Land des Protests. Die USA - Land der Musik. Immerhin können wir keinem anderen Land mehr Genres der Populärmusik zuschreiben. Allerdings gibt es diesbezüglich ein kleines, ach Quatsch: großes Problem.

Das Whitewashing bestimmter Musik-Genres

HipHop, R'n'B, Reggae, Gospel, Soul - keine Frage, da werden sofort schwarze Musiker*innen mit assoziiert. Ist die Sprache von den Ureltern von Rock'n'Roll und House hingegen, haben viele prompt weiße Gesichter vor Augen. Das blendet nicht nur wichtige musikgeschichtliche Hintergründe aus - das ist auch rassistisch. Denn auch von Rock'n'Roll, House, Country, Jazz und Blues sind BPOC die wahren Urheber*innen. Erst im Nachhinein haben sich weiße Jazz- oder EDM-Künstler*innen und Musiker*innen wie Elvis die von Schwarzen erschaffenen Genres angeeignet und damit Unmengen von Kohle gescheffelt und Einfluss erworben. 

Fakt ist: Ohne den Einfluss von BPOC auf die Musiklandschaft wäre sie bei weitem nicht dieselbe und sicherlich unendlich fad. Aber lass uns das einfach mal zusammen durchgehen, begonnen mit dem Sklavenhandel im 17. Jahrhundert.

Aus dem Protest geboren

Sklavenhändler haben zwar versucht, alles an Identität und Menschlichkeit der verschleppten Afrikaner*innen zu löschen - Namen wurden geändert, die jeweilige Muttersprache durfte nicht mehr verwendet werden und außerdem wurde zum Christentum zwangskonvertiert. Doch eines konnten sie nicht nehmen: die Musikalität. Auf die Weise wurden mit den Menschen auch afrikanische Polyrhythmen in die USA importiert und beispielsweise auf Plantagen zu zunächst eher heimlich gesungenen und gestampften Klageliedern. Aus diesen Rhythmen entwickelten sich im Laufe der Zeit die sogenannten Worksongs, die einen gemeinsamen Takt zur Arbeit boten. Bald gesellte sich auch Sprechgesang dazu, beziehungsweise Rufe und Antworten - womit die Call and Response Chants geboren waren.

Musik war fortan ein universelles Mittel von Schwarzen im Kampf für Freiheit, Emanzipation, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung gewesen.

Viele der Genres haben diese Polyrhythmen adaptiert, um Protest musikalisch auszudrücken. Allerdings half die Musik nicht nur dabei, Schmerz und Ungerechtigkeiten auszudrücken. Sie war auch ein prima Mittel um ein Gruppengefühl zu etablieren und Solidarität ausdrücken zu können.

Gospel

Die Call and Response Chants, beziehungsweise Wechselgesang wurde schließlich in afroamerikanischen Kirchgemeinden zur Grundlange des Wechselgesangs des Chors - dem Spiritual, aus dem sich im Laufe der Zeit der Gospel entwickelte. Der Gesang soll ein Gefühl von Gemeinsamkeit schaffen, um die (teilweise bereits vererbten) Traumata der Sklaverei, ständige Benachteiligung und direkten und strukturellen Rassismus als Gruppe verarbeiten zu können.

Blues

Als Weiterentwicklung und aber auch im Gegensatz zum Gospel steht der Blues. Denn während es im Gospel um ein Gemeinschaftsbewusstsein geht, geht es im Blues um die Schmerzen des Individuums. Doch anders als bei weißen Blues-Musiker*innen geht es in den Lyrics weniger um gebrochene Herzen und Liebeskummer, sondern um Leid, das sich von ständiger Diskriminierung ableiten lässt.
Die Grundlage für den Blues sind die Blue Notes, die wiederum auf eine fünfteilige Tonleiter afrikanischer Herkunft zurückgeführt werden können. Selbst das verdammte Banjo, von dem nicht nur Blueser, sondern auch Mumford & Sons etwas zu große Fans sind, ist keine rein amerikanische Erfindung. Als Vorbild diente die Ngoni-Laute aus Westafrika.

Pionierinnen vom Veröffentlichen von Bluesplatten waren übrigens schwarze Frauen in den 20er Jahren.

Mamie Smith, Bessie Smith, Ida Cox und Ma Rainey gelten als die Mütter des Blues. Allein von Mamie Smiths Album Crazy Blues wurden nach nur wenigen Monaten 75.000 Kopien verkauft!

Blaskapellenmusik

Wir befinden uns nun in Louisiana, Anfang des 20. Jahrhunderts. Einem Bundesstaat, in dem eine große Anzahl an freien Afroamerikaner*innen zu finden und Musik ein wesentlicher Bestandteil des Lebens ist. Und weil ersteres ein totaler Grund zum Feiern ist, geht es besonders ab. Allen voran in der Stadt New Orleans. Hier entwickelt sich die Tradition der Paraden, in denen afrikanische, afroamerikanische, native american und nordamerikanische Einflüsse zu einem Ganzen verschmolzen.

Ein tolles Beispiel dafür, was für ein großartiges Ergebnis bei rum kommt, wenn viele verschiedene Einflüsse miteinander gemischt werden.

Jazz

Zur gleichen Zeit im gleichen Staat entwickelt sich der Jazz aus Einflüssen der Blasmusik, des Blues, Swings und des Spirituals, insbesondere dessen Ragtime heraus.

Einer der frühesten bekannten Jazz-Künstler 1900 war Buddy Bolden.

Allerdings ist der weiße Komponist Nick LaRocca der festen Überzeugung, er habe den Jazz erfunden - nice try! Sein Track "Tiger Rag" ist zwar einer der meist verkauftesten Jazz-Klassiker aller Zeiten, wurde aber erst 1917 veröffentlicht.
"LaRocca turned racist, and proceeded to make horrible statements about how whites invented jazz, and how they were there before the black guys, and so forth, scurrilous stuff — a cartoon cliché of the Southern bigot." - erzählt der Jazz-Historiker Gary Giddins

Was hier nach einem einsamen Rassisten klingt der versucht, das Werk Schwarzer für sein eigenes zu erklären, ist bei weitem kein Einzelfall.
Das komplette Genre wird überrannt von Weißen - sowohl von Musiker*innen, also auch Fans. Rassistische Minstrel-Shows, auch bekannt als Blackface Minstrelsy gewannen an Popularität. In diesen Shows malten sich weiße Künstler*innen die Gesichter schwarz und parodierten die Sklaverei und schwarze Jazz-Musiker. Während das Genre mehr und mehr weißgemalt wird, werden auch hier die Urheber*innen in den Hintergrund geschoben.

Rock'n'Roll

Nachdem der Jazz zunehmend swingvoller wurde, entwickelte sich irgendwann der Rock'n'Roll, indem noch ein paar Einflüsse aus Gospel und Blues entzwackt wurden.

Die Vorreiterin: Sister Rosetta Tharpe!

Mit sechs Jahren zog sie mit ihrer Mutter nach Chicago, wo sie in der Kirche sang und nebenbei Gitarre lernte. Mit ihrem eigenen musikalischen Stil, einem etwas popigeren Gospel in Kombination mit einer unglaublich energetischen Art und Weise sich auf der Bühne zu bewegen, gilt sie als die Inspiration schlechthin für spätere Rock-Musiker*innen. Der Künstler, den sie am meisten beeinflusst hat: Elvis Presley. Der übernahm sogar einige ihrer Songs und wurde damit - naja du weißt schon - eine rechte Legende. Nur weil eine rassistische, misogyne Gesellschaft lieber einen weißen Typen feiert als die, die es wirklich verdient haben.

Erst postmortem wurde Sister Rosetta Tharpe für ihr Lebenswerk geehrt: Am 5. Mai 2018 zog sie in die Rock & Roll Hall ein. Die Begründung:
"Without [Sister Rosetta Tharpe] rock and roll would be a different music. She is the founding mother who gave rock's founding fathers the idea." 

Doch das Problem nicht gehört zu werden hatte nicht nur Sister Rosetta Tharpe als Frau. Auch männliche Musiker Chuck Berry und Little Richard kamen nur sehr schwer an ein Label, geschweige denn an Air Play im Radio. Weiße Künstler*innen wurden nicht nur bevorzugt - schwarze wurden geradezu stumm gemacht. Und ihre Werke übernommen. 
"There wasn't anybody playing [rock music] at the time but black people — myself, Fats Domino, Chuck Berry. White kids started paying more attention to this music… they needed somebody to come in there — like Elvis." - Little Richard gegenüber der Time

Funk

Mitte der 60er haben erstmals Afroamerikaner*innen an einer Formel für eine rhythmische, tanzbare Mischung aus Jazz und Soul gearbeitet - das Ergebnis: Funk! James Brown etablierte schließlich den Funk Beat und setzte damit den musikalischen Standard für Pop-Musik über das Funk-Genre hinaus.

In Black Queer Communities, in denen sich die Mitglieder einfanden um für ein paar Stunden alltäglichen Diskriminierungen zu entkommen, hat sich außerdem erstmals aus Funk Disco-Musik entwickelt.

EDM

Auch der Leiter und DJ des afroamerikanischen Gay Clubs The Warehouse in Chicago -  Frankie Knuckles - experimentierte Ende der 70er mit Funk herum und setzte damit die Grundsteine für House-Musik.
Diese Elemente wiederum wurden in Kombination mit afrikanischen Trommelmustern in den 80ern der Prototyp des Technos. Die Gründerväter: Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May aus Detroit, Belleville. Ende der 80er kam Techno in Europa auf und erst in den 90ern fand das Genre den absoluten Hype in der Rave-Kultur.

HipHop

Wir enden unsere Reise durch die Pop-Musikgeschichte mit dem Genre, das irgendwelche weißen, semiprofessionellen Musikjournalist*innen gerne mal schwarzen Musiker*innen per se aufdrücken.
Der Hype um HipHop wuchs in den 80ern besonders in vorstädtischen Vierteln, in denen hauptsächlich afro- und lateinamerikanische Bürger*innen Wohnungen ausgegrenzt wurden. Viertel mit hoher Arbeitslosenrate, Armut und ergo viel Kriminalität - ein Teufelskreis, der allein vom Rassismus angetrieben wird. HipHop wurde zum Mittel der schwarzen Ghetto-Jugend - einer Gruppe, die bis zum Populärwerden des Genres weitestgehend unsichtbar war und von der Snobgesellschaft ignoriert wurde. Ehrliche Worte über die alltägliche Realität von Schwarzen, das Leben in den kriminellen Vorstädten, über Diskriminierung und den Wunsch nach einer toleranten Gesellschaft fanden so endlich den Weg zur Öffentlichkeit. 


 

Wie sieht's heute aus?

Kulturelle Aneignung in der Musikszene

Heute ist das ziemlich normal, als Musiker*in andere Künstler*innen zu covern. Doch das, was damals schon in der Jazz- und Rock'n'Roll-Ära abging, ist jenseits dieses harmlosen Coverns, das man ja gerne noch als Hommage verkaufen kann. Wir erinnern uns: Elvis übernahm Songs von Sister Rosetta Tharpe. Und damit war er nicht alleine: Auch Musiker wie Buddy Holly oder Jerry Lee Lewis eigneten sich die Songs schwarzer Rockmusiker*innen an und wurden damit unglaublich berühmt und reich. Während die Urheber*innen kaum einen Cent an ihrer Kunst verdient haben.

Die Musikindustrie ist auf strukturellem Rassismus aufgebaut, dass das Problem bis heute noch besteht.

Miley Cyrus eignet sich mir nichts dir nichts Twerken und Dreadlocks an und ein Macklemore wurde 2013 fürs beste Rap Album, den besten Rap Song, die beste Rap Performance ausgezeichnet, während ein Kendrick Lamar mit dem Knülleralbum Good Kid, m.A.A.d. City gegenüber stand. Hier ging es also nicht um Qualität. Hier ging es um unterschwelligen Rassismus.

Das Statement der Black Music Coalition

Das Statement betrifft die Aktionen #TheShowMusBePaused und #BlackOutTuesday. Ursprünglich war letzterer nämlich eine Reaktionen aus der Musikindustrie auf den grausamen Mord von George Floyd. Im Brief der Black Music Coalition geht es um den strukturellen Rassismus in der Musikbranche und wie dieser angegangen werden kann. Auch hier müssen mehr Schwarze eingestellt werden - doch nicht auf den niedrigen Levels, sondern gerade auf Manager*innen und CEO-Ebenen. 
"The music industry has long profited from the rich and varied culture of black people for many generations, but overall… it has failed to acknowledge the structural and systematic racism affecting the very same black community and so effectively, enjoying the rhythm and ignoring the blues." 

Außerdem muss über das Genre Black Music gesprochen werden - wir haben hier doch wohl deutlich genug gemacht, dass BPOC auch andere Musik als R'n'B und HipHop machen. Ein weiteres beliebtes Attribut für schwarze Musiker*innen ist urban. Nachdem Tyler, the Creator 2019 einen Grammy fürs beste Rap Album gewonnen hat, bringt er es auf den Punkt:
"It sucks that whenever we do anything that's genre-bending or anything, they always put it in a rap or urban category. I don't like that 'urban' word. It's just a politically correct way to say the N-word to me."

Weg mit dem Schubladendenken! Und her mit der Diversität bei Musik-Awards! Wir brauchen nicht nur mehr Sichtbarkeit schwarzer Künstler*innen und müssen unser Verständnis für Musik von Grund auf von rassistischen Gepflogenheiten reinigen. Deswegen müssen wir uns jetzt alle einig sein:

BPOC haben die Populärmusik erfunden - sich gleichzeitig als Musikfan zu bezeichnen und aber Rassist zu sein, ist nicht miteinander vereinbar.

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