Meinung: Wie die Alten die Zukunft der Jugend verkacken

Meinung: Wie die Alten die Zukunft der Jugend verkacken

Die älteren Generationen entscheiden über die Zukunft der Jungen

Von  Kaja Lübeck
Diese Bundestagswahl wird Veränderungen mit sich bringen - wenn junge Wähler*innen mehr Einfluss hätten, vermutlich deutlich stärkere. Haben die alten Generationen zu viel Macht?

Ich bin 17 Jahre alt und kenne Deutschland nicht ohne Angela Merkel. Bei dieser Wahl steht eines schon fest: dabei wird es nicht bleiben. Was sich sonst noch verändern wird, liegt allerdings vor allem in der Hand der alten Menschen - dass es eine Wende braucht, haben aber in erster Linie junge Menschen verstanden.
 

Überschuss an älteren Menschen

Deutschland befindet sich im demografischen Wandel. Die geburtenstarken Jahrgänge werden immer älter und es kommt immer weniger Nachwuchs nach – unsere Gesellschaft überaltert und so auch die Wählerschaft. Die 18- bis 29-Jährigen machen nur gut 14 Prozent der Wahlberechtigten aus, die über 60-Jährigen bringen es dagegen auf rund 37 Prozent.

Unterschiede zwischen Erstwähler*innen und Erfahrenen

Viele Menschen in meinem Umfeld dürfen dieses Jahr zum ersten Mal wählen. Die allermeisten wollen dieses Privileg nutzen und sind sich ihrer damit einhergehenden Verantwortung bewusst. Deshalb fühlen sich viele aber auch überfordert, weil sie bei diesem besonderen Moment, das erste Mal politisch Einfluss nehmen zu können, unbedingt alles richtig machen wollen.
Bei den erfahrenen Alten bekommt man dagegen eher den Eindruck, sie machen einfach dasselbe wie bei den letzten zehn Wahlen auch. Bloß nicht am Status quo rütteln, dann könnte ja alles viel schlimmer werden – oder vielleicht besser, aber mit dieser alles-bleibt-so-wie-es-ist-Mentalität werden wir das sicher nicht herausfinden. Alte Menschen wählen andere alte Menschen, die so weiter machen wie bisher. Diese Angst vor Veränderung hält das Land auf, vor allem im Bereich Klimaschutz.
 

Wahl fürs Klima

Die kommende Legislaturperiode wird darüber entscheiden, ob wir das Pariser Klimaabkommen noch einhalten können. In diesen vier Jahren müssen die Weichen dafür gestellt werden, die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern. Zu spüren bekommen werden sie vor allem die jungen Leute, also die Wähler*innen in der Unterzahl und die, die noch nicht wählen dürfen. Ich werde voraussichtlich noch einen Temperaturanstieg von über 2,5 Grad erleben, bin aber noch nicht wahlberechtigt. Die Menschen, die unsere Zukunft in der Hand haben, sind die alten. Dabei geht es beim Klimaschutz nicht mehr nur um die Zukunft, sondern auch um Menschen im globalen Süden und die Folgen des Klimawandels, die wir hier in Deutschland schon spüren. Davon sind die alten Menschen nicht ausgenommen. Die Tagesschau berichtete letztes Jahr, dass es hierzulande immer mehr Hitzetote gibt. 2018 sind 20.200 Menschen über 65 im Zusammenhang mit Hitze gestorben. Das Argument, Klimaschutz könne den älteren Generationen also egal sein, weil sie ja nicht betroffen sind, zieht also nicht wirklich – außer bei wohlhabenden Menschen, die nicht in Altersarmut in einer kleinen hitzigen Wohnung leben, sondern schnell in ihren Pool hüpfen können, wenn sie eine Abkühlung brauchen.


Angst vor Veränderung und Kosten

Ein Grund dafür, dass ältere Menschen eher an der bisherigen Situation festhalten, ist vermutlich der wirtschaftliche Wohlstand. Während einige von ihnen schon finanzielle Krisenzeiten durchlebt haben, wurde meine Generation in eine heile Welt hinein geboren und wenige haben Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, weil sie selbst erst seit kurzer Zeit auf dem Arbeitsmarkt stattfinden.
Wenn man aber keinen Klimaschutz betreibt, weil es angeblich zu teuer sei, werden wir in Zukunft die Kosten für die Schäden durch die Klimakatastrophen tragen müssen – und nebenbei noch die Rente für die Alten. Die Kosten der Klimakrise werden also nur auf die jungen Leute verlagert.
 

Politisierte Jugend

Seit der letzten Bundestagswahl hat die Jugend ihre politische Stimme wiederentdeckt. Bei der Debatte um Artikel 13 stand 2019 das gesamte Internet in Flammen, Gamer*innen sind gemeinsam auf die Straße gegangen, YouTuber*innen saßen auf einmal in Talkshows und haben ihre Zuschauer*innen dazu bewegt, sich mit Politik auseinander zu setzen. Gleichzeitig wurden die Fridays for Future Proteste immer größer, was bis heute anhält. Am Freitag fordern die Jugendlichen wieder bei ihren Streiks dazu auf, für ihre Zukunft zu wählen. Der Einfluss der Bewegung wurde am deutlichsten bei der Europawahl im Mai 2019, wovon die Grünen maßgeblich profitierten. Auch Rezo, der schon gegen Artikel 13 aktiv war, ist kurz vor der Europawahl mit seinem CDU-Zerstörungsvideo auf fruchtbaren Boden gestoßen. Er ist, genau wie Fridays for Future, geblieben. In diesem Jahr hat er eine ganze Trilogie über die bereits zwar meist bereits bekannten, aber für junge Leute verständlicher aufbereitete Skandale veröffentlicht.
 
Doch genau da liegt das Problem. Es wird davon hauptsächlich eine junge Zielgruppe angesprochen, was vor allem am Medium YouTube liegt. Sie haben aber längst begriffen, dass politischer Wandel notwendig ist. Die Jugend will verändern, kann es aber nur mit der Hilfe von Älteren, da diese in der Mehrheit sind.
 

Solidarität von einigen Älteren

Zum Glück gibt es ein paar, die auf unserer Seite sind. Herbert Grönemeyer hat zum Beispiel seine Follower*innenschaft aufgefordert, mit Rücksicht auf die Zukunft von uns jungen Menschen zu wählen. Enkelkinderbriefe.de ist eine Initiative, bei der Enkel ihren Großeltern einen Brief schicken können, um sie zu bitten ihr Kreuz für den Klimaschutz zu setzen. Oder aber man spricht einfach mit den Verwandten darüber, was man sich bei der Wahl wünscht. Ein paar Menschen aus meiner Familie haben mich gefragt, welche Parteien ich gerne im Bundestag sehen würde. Wer seinen Kindern etwas Gutes tun will, macht das am besten auch.
 

Mögliche Lösungen

Eine Herabsetzung des Wahlalters ist meiner Meinung nach nicht die Lösung für das Problem, weil die älteren Generationen trotzdem noch einen größeren Teil der Wählerschaft bildet. Unabhängig davon bin ich trotzdem dafür, weil ich gerne schon früher an politischen Entscheidungen teilgehabt hätte. Ich bin ja schließlich auch von den Entscheidungen betroffen, deshalb möchte ich auch Einfluss darauf haben, wer diese Entscheidungen trifft.

Design ❤ Agentur zwetschke