N Wie Nuklearenergie

N Wie Nuklearenergie

egos4future - Von A bis Z

Von  Miriam Fischer
Jeder Buchstabe ein Thema: Wir fassen die Basics zu Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit zusammen. Diese Woche: N wie Nuklearenergie.

Um den Klimawandel zu stoppen, müssen wir die CO2-Emissionen global drastisch reduzieren. Dabei spielt Strom eine entscheidende Rolle, denn der wird aktuell weltweit zu über 60 Prozent aus Kohle, Öl und Gas gewonnen - und das produziert jede Menge CO2. Ungefähr 75 Prozent der Treibhausgasemissionen stammen aus der Verbrennung von fossilen Brennstoffen. Wir brauchen also dringend klimafreundliche Alternativen - und da kommt ausgerechnet die Nuklearenergie wieder ins Spiel. 


Nuklearenergie: Nein, danke oder ja, bitte?

Ende 2022 soll in Deutschland das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Das hat die Bundesregierung 2011 beschlossen, nachdem die nukleare Katastrophe in Fukushima noch einmal deutlich gemacht hat, welche unvorhersehbaren Restrisiken bei Atomkraftwerken existieren. Ein Teil der in Deutschland genutzten Energie wird allerdings weiterhin aus anderen Ländern importiert und kann deswegen auch nach 2022 Atomenergie sein. Denn andere Nationen wollen sich nicht von der nuklearen Energie verabschieden, im Gegenteil: Länder wie beispielswiese die USA, China und Russland wollen Atomkraft sogar weiter ausbauen. 

Auch Frankreich hält seit Jahren an der Atomkraft fest und will jetzt sogar, dass Kernenergie Teil der künftigen EU-Klimapolitik wird.


Noch im November soll auf EU-Ebene eine Entscheidung getroffen werden, ob Atomkraft als "grüne Energie" eingestuft wird. Frankreich und viele osteuropäische Länder setzen sich aktuell genau dafür stark ein, mehr dazu findest du zum Beispiel hier. Wenn die EU Nuklearenergie allerdings tatsächlich als grün einordnet, könnte der Nuklearsektor mit Beträgen in Milliardenhöhe aus privaten und öffentlichen Kassen gefördert werden. Und das, obwohl nukleare Energie doch eigentlich längst der Vergangenheit angehören sollte, oder? Genau das sehen viele Menschen (inzwischen wieder) anders. 

Klima retten mit Atomkraft?

Der Microsoft-Gründer Bill Gates behauptet in seinem aktuellen Buch Wie wir die Klimakatastrophe verhindern, dass wir wir auf sogenannte saubere Atomkraft setzen müssen, wenn wir unser Klima retten wollen. Und damit steht er nicht alleine da: Immer mehr Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Publizist*innen sehen in der Atomkraft die Zukunft für unseren Planeten. Aber ist das wirklich so?

Die Vorteile von Nuklearenergie

Atomkraftwerke sind um ein vielfaches klimafreundlicher als jedes Kohlekraftwerk. Der CO2-Ausstoß ist tatsächlich sogar ähnlich gering wie bei der Windkraft, allerdings haben Atomkraftwerke sogar einen geringeren Flächenverbrauch und liefern unabhängig von Tageszeit und Wetter immer Strom. Betrachtet man nur die Klimabilanz, steht die Kernenergie also tatsächlich sehr gut da: 

what-is-the-safest-form-of-energy.png
Our World in Data | Hannah Ritchie, Max Roser

Wenn die Klimabilanz von Atomkraftwerke aber so gut ist - warum verabschiedet sich Deutschland dann nächstes Jahr überhaupt von der Nuklearenergie? Das liegt vor allem an zwei großen Nachteilen der Atomkraft:

Die Nachteile von Nuklearenergie

Nuklearenergie hat ein großes Problem: Bei der Kernspaltung entsteht radioaktives Material und das wiederum bringt (mindestens) zwei Nachteile mit sich.

Das Restrisiko

Solange die radioaktive Strahlung im Kernkraftwerk bleibt, gibt es eigentlich auch kein Problem. Erst wenn die radioaktiven Strahlungen, zum Beispiel durch einen Unfall, in die Umwelt gelangen, hat das extreme Folgen. Das haben die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima schmerzhaft deutlich gemacht. Allerdings zeigt die Grafik (s.o.) auch, dass pro Jahr wesentlich mehr Menschen durch Kohlekraftwerke sterben, als
durch Atomkraftwerke.
Das liegt vor allem an der Luftverschmutzung, die Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen verursacht.

Wenn es aber zu Reaktorunfällen kommt, kann das extreme Auswirkungen auf die betroffenen Menschen haben. Es ist allerdings nicht ganz einfach zu beziffern, wie drastisch diese Auswirkungen in der Realität sind. Wie viele Menschen zum Beispiel tatsächlich durch Strahlenbelastung gestorben sind, weil sich Krebszellen als Langzeitfolge des Reaktorunfalls in Fukushima entwickelt haben, kann nicht abschließend gesagt werden. Verschiedene Quellen kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, da Langzeitstudien bisher fehlen. 

Der Atommüll

Das andere große Problem bei nuklearer Energiegewinnung: Der stark strahlende Atommüll, für den es immer noch kein Endlager gibt. Ein solches Endlager zu finden, ist gar nicht so einfach, da es eine Million Jahre halten müsste - das steht im deutschen Standortauswahlgesetz. Aktuell wird Atommüll für den Transport und die Zwischenlagerung in sogenannten Kastorbehältnissen aufbewahrt - das stellt allerdings keine dauerhafte Lösung dar: 

Weltweit gibt es derzeit noch kein einziges Endlager für den radioaktiven Müll und Atommüll zu recyclen (Stichwort Transmutation) ist in der Praxis auch noch keine Möglichkeit.

Hinzukommt, dass die derzeitigen Reaktoren (in Deutschland) sehr veraltet sind. Es müssten also erstmal neue Atomkraftwerke gebaut werden.
In China, Südkorea, Japan und Finnland werden zwar tatsächlich neue Reaktoren gebaut, die wesentlich sicherer sein sollen als die alten, allerdings kostet das sehr viel Zeit und Geld. Es dauert es bis zu 10 Jahre, bis ein Kernkraftwerk fertig gebaut ist, eine Studie vom Deutschen Institut für Wirtschaft stuft Atomkraft als nicht profitabel ein. Für die Klimakrise ist das also nicht wirklich eine Lösung. Aber es ist ja zum Glück nicht so, als hätten wir keine anderen klimafreundlichen Alternativen zu Kohle, Öl und Gas:

Die Alternativen

Dank Wind, Sonne und Wasser haben wir schon jetzt profitable, klimafreundliche und risikofreie Methoden Strom zu erzeugen. Langfristig gesehen heißt es zwar schon, dass in Deutschland die erneuerbaren Energien einen Großteil der Stromversorgung ausmachen sollen, wann das allerdings tatsächlich so sein wird, ist bisher noch nicht ganz klar. Möglich ist es aber, wie Energieexperte Hans-Josef Fell hier erklärt. 

"Die Sonne bietet uns jährlich zehntausend Mal mehr Energie, als wir derzeit Energiebedarf haben. Die braucht man nur ernten, indem man die Techniken hinstellt. Und die Techniken sind da. Auf allen Kontinenten dieser Erde sind Millionen von Solaranlagen, Windrädern, Batterien und anderes installiert." - Energieexperte Hans-Josef Fell

Aber auch erneuerbare Energien haben (zumindest noch) Nachteile: Vor allem die Punkte Zuverlässigkeit und Konstanz stellen aktuell noch größere Probleme dar. Wir brauchen dringend Batterien oder andere Speichermöglichkeiten, damit auch Strom aus erneuerbaren Energien unabhängig von Wetter und Tageszeiten verfügbar ist. Erneuerbare Energien sind zwar definitiv die Zukunft der Stromproduktion, bisher ist es aber noch nicht möglich, ausschließlich auf Wind, Sonne und Wasser zu setzen.


Fazit:

Unser Stromverbrauch steigt und wir brauchen dringend klimafreundliche Energiequellen, um das 1,5 Grad - Ziel zu erreichen. Kernenergie produziert kaum CO2 und hat eine gute Klimabilanz. Das spricht für Atomkraft und in Deutschland könnte tatsächlich eine Menge CO2 eingespart werden, wenn man die alten Reaktoren noch etwas länger in Betrieb lassen würden.

Die entscheidende Frage ist allerdings eine andere: In welche Energie-Innovationen sollen in Zukunft Zeit und Geld gesteckt werden?

Kernenergie zu stärken und neue Kraftwerke zu bauen, ist vermutlich nicht die Lösung für die Klimakatastrophe. Denn weil das sehr teuer und zeitaufwändig ist, investieren Nationen oft in Kernenergie anstatt in erneuerbare Energie und halten außerdem gleichzeitig auch an Kohleenergie fest. Das bringt im Kampf gegen den Klimawandel nichts - Kernenergie auszubauen hätte nur dann einen positiven Einfluss auf unser Klima, wenn im Gegenzug Kohlekraftwerke abgebaut werden würden. Und selbst wenn das der Fall wäre: Investitionen in Nuklearenergie bedeuten in der Realität leider fast immer, dass erneuerbare Energien deswegen auf der Strecke bleiben - obwohl in diesen die langfristige Lösung zur Rettung unseres Planeten liegt.

Das heißt also für uns: Betrachtet man nur Kohle- und Atomkraft, schneidet Atomkraft wirklich um ein vielfaches besser ab. Da wir aber auch jede Menge erneuerbare Energien zur Verfügung haben, sollten diese in Zukunft im Fokus liegen, schon allein weil sie kein solches Restrisiko wie Nuklearenergie aufweisen und keinen radioaktiven Müll produzieren.

Politisch betrachtet hat Nuklearenergie allerdings in Deutschland sowieso keine Zukunft, der Ausstieg ist beschlossen. Spannend bleibt es aber, welche Regelungen auf Europa-Ebene getroffen werden.


Was denkst du: Brauchen wir Nuklearenergie um die Klimakatastrophe zu stoppen, oder ist es richtig, sich von der Atomkraft endgültig zu verabschieden? Schreib's uns an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder per WhatsApp an 089/360 550 460

Design ❤ Agentur zwetschke