Traumatherapie

Traumatherapie

Dr. Manon Feuchtinger im Interview

Von  Elise Hoffmann (Interview) | Max Frohberg (Text)
Sich selbst zu reparieren ist ein harter und langer Weg, gerade wenn etwas sehr gravierendes passiert ist. Mit Menschen, die diesen Weg gehen, hat Dr. Manon Feuchtinger in ihrer Position als Oberärztin der München Klinik und Leiterin der Traumastation täglich zu tun.


Was genau eigentlich ein Trauma ist, wie sich dieses bemerkbar macht und wie der Weg zurück ins Leben aussieht, erzählt sie im Interview mit egoFM Elise.

  • Dr. Manon Feuchtinger über Traumatherapie
    Das Interview mit Elise Hoffmann

Traumatherapeutin

Dr. Manon Feuchtinger hat sich ihr Berufsfeld ganz gezielt ausgesucht. Dabei studierte sie zuerst ganz klassisch Medizin, merkte jedoch schon früh, dass gerade die psychologischen Aspekte der Arbeit sie interessierten.
"Ich habe mich schon immer für existenzielle Lebenssituationen, für Biografien und Auswirkungen von Lebensereignissen auf die Ausbildung von seelischer und körperlicher Gesundheit interessiert." - Dr. Manon Feuchtinger
Als Ärztin in einer kleinen psychiatrischen Klinik hatte sie bereits erste Kontaktpunkte mit zum Teil schwer traumatisierten Menschen, was sie dazu brachte sich durch Weiterbildungen und zusätzliche Ausbildungen zur Oberärztin hochzuarbeiten.

Der Beruf bringt eine extreme persönliche Belastung mit sich

Denn die Arbeit mit traumatisierten Menschen konfrontiert einen täglich mit schweren Schicksalen. Sich damit zwar empathisch und professionell auseinanderzusetzen, diese jedoch keine Auswirkungen auf das eigene Privatleben haben zu lassen, also die Belastung nicht mit nach Hause zu nehmen, ist dabei eine der größeren Herausforderungen.
"Ich würde lügen wenn ich sage das passiert nie. Je länger man jedoch im Beruf ist, umso besser geht es. Man lernt, wenn man Psychotherapie lernt, auf sich selber besser Acht zu geben und bessere Selbstfürsorge zu betreiben." - Dr. Manon Feuchtinger
Das kann ein Spaziergang sein, gutes Essen oder, im Falle unserer Interviewpartnerin, das Besuchen von Konzerten und Museen.

Traumata sind divers und lebenseinschneidend

Grundsätzlich gelten als Traumata Ereignisse, die auf der objektiven Ebene eine außergewöhnliche Bedrohung darstellen und auf der subjektiven Ebene mit extremer Angst, Hilflosigkeit und Grauen erlebt werden. Dabei wird in zwei Klassen unterschieden, was eine rein kategorische Unterteilung darstellt und in keinem Falle wertend gemeint ist. Unterschieden wird lediglich in der zeitlichen Komponente der Auslösung des Traumas. Traumata der Klasse I haben einen kurzen Traumaeinwirkungszeitraum. Dies können Überfälle, Unfälle oder eine Vergewaltigung sein. In Klasse II wird eingestuft, wenn sich der Zeitraum länger streckt und der Belastungszeitraum länger gefasst ist. Dies trifft zum Beispiel für Kriegserlebnisse und sequenzierte, mehrfache Vergewaltigungsfälle zu.
"Bis die Menschen zu uns in die Klinik kommen, haben die meisten davor schon viele andere aus dem Hilfesystem getroffen. Die ersten Behandler sind da zuerst mal Feuerwehrleute, Notärzte, Polizisten und Hausärzte. Unsere Patienten werden uns oft von ambulanten Traumatherapeuten zugewiesen." - Dr. Manon Feuchtinger
Denn der Umgang mit dem Erlebten ist schwer und anstrengend. Ein Trauma zu erkennen ist dabei bereits der erste Schritt, welcher sich jedoch oft als schwieriger Prozess herausstellt.
"Viele verstecken das lange Zeit auch vor sich selbst. Das ist natürlich kein bewusster Prozess. Viele Diagnosen einer posttraumatischen Belastungsstörung werden erst sehr spät in der Behandlungsgeschichte gestellt, weil unser Seelisches eben so gestrickt ist, dass es das Erlebte weit weg verdrängt." - Dr. Manon Feuchtinger


Dabei gibt es klare Sympthomatik

Unmittelbar nach Erleben des Traumas entsteht ein Mischbild von Symptomen, welches sich vor allem aus dem Wiedererleben des Traumas zusammensetzen.
"Das kann sein in Form von Erinnerungen, von Bildern, wie kleine Filme, kann aber auch in Form von Alpträumen passieren. Typisch ist aber vor allem das in dieser ersten Zeit das selbst verändert wahrgenommen wird." - Dr. Manon Feuchtinger
Das wohl häufigste Symptom ist demnach eine gewisse Dissoziation, eine Abspaltung, gegenüber sich selbst und seiner Umwelt. Alles kommt einem plötzlich unwirklich vor, sogar das Zeitempfinden kann geschädigt sein. Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, Erschöpfung und Kopf- und Bauchschmerzen sind weitere alltägliche Merkmale, die damit einhergehen.
"Alles in allem erleben die Betroffenen so ein Wechselbad der Gefühle, das sie selber nicht verstehen oder einordnen können." - Dr. Manon Feuchtinger
Gerade das persönliche Umfeld der Person spielt in dieser Phase eine wichtige Rolle, da sich auch darüber entscheidet ob der*diejenige eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt.

Der Weg zurück

Fängt für die meisten in verschiedenen Behandlungen an. Diese besteht grundsätzlich aus drei verschiedenen Phasen:

Die Stabilisierungsphase

Die erste Phase kann, je nach Komplexität der Geschichte, sehr lange dauern. Wichtig ist es dabei erstmal eine stabile therapeutische Verbindung aufzubauen.
"Die Menschen haben grundsätzlich Probleme, Vertrauen in andere Menschen und Situationen aufzubauen." - Dr. Manon Feuchtinger
Gerade das klinische Umfeld kann dabei sehr stabilisierend wirken, da immer eine Krankenschwester oder andere Bezugsperson in der Nähe ist.

Die Konfrontationsphase

Im zweiten Schritt wird der*die Betroffene nachdem eine gewisse Grundstabilität erreicht wurde gezielt mit dem Geschehenen konfrontiert. Dazu gibt es verschiedene Techniken, jedoch wird der*diejenige nicht mit allem konfrontiert.
"Es werden nur exemplarische Dinge benutzt. Natürlich nicht alles, sondern nur bestimmte Bilder, bestimmte Szenen, welche man dann immer wieder durcharbeitet." - Dr. Manon Feuchtinger
Dies ist meistens der Anstrengendste Teil des Genesungsprozesses, da man sich ja auf eine sehr direkte Art mit dem Trauma konfrontiert.

Die Neuorientierung

Die dritte Phase stellt die Phase des Überwindens, des Loslassens dar. Es gilt dabei, sich von dem zu trennen, was passiert ist, was wieder sehr schmerzvoll sein kann.

Selbstliebe

Wer sich entschließt den Weg einer Behandlung in der Klinik von Fr. Dr. Manon Feuchtinger zu gehen, hält sich im Durchschnitt zwischen zwölf bis 16 Wochen in der Klinik auf. Zum Ende des Weges gehört vor allem, die Liebe zu sich selbst wiederzufinden, welche bei den meisten Betroffenen zwischenzeitlich zerstört wurde. Auch wegen diesem oftmals sehr geschädigten Selbstwertgefühls fällt es vielen Menschen schwer, öffentlich mit ihrem Problem umzugehen.
"Das Thema wird zwar schon gesellschaftsfähiger, wir haben aber noch einen langen Weg zu gehen." - Dr. Manon Feuchtinger



Hilfe

Wenn du Hilfe benötigst, dich vielleicht in dem Text oben wiedererkannt hast oder auch sonst eine Art von Belastung spürst, hast du hier ein paar Anlaufstationen:

Die Telefonseelsorge Deutschland (24h erreichbar)
+49 (0)800 111 0 111 (gebührenfrei)
+49 (0)800 111 0 222 (gebührenfrei)

Das Traumahilfezentrum München E.V. (Montag, Mittwoch, Freitag, 10:00 Uhr - 13:00 Uhr)
+49 (0)89/41327950

Das Trauma - Infotelefon (Dienstag, 10:00 Uhr - 13:00 Uhr | Donnerstag 20:00 Uhr - 22:00 Uhr)
+49 (0)40/63643627




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