Wie geht's weiter in Lützerath?

Wie geht's weiter in Lützerath?

Das komplette Interview aus egoFM Reflex mit Antje Grothus

Von  Gloria Grünwald (Interview) | Miriam Fischer (Artikel)
Die Räumung ist abgeschlossen, viele Fragen stehen allerdings weiterhin im Raum: Waren die Proteste das richtige Symbol, ist die Kohle überhaupt notwendig und wie geht's jetzt weiter in Lützerath?

Antje Grothus ist seit 2021 Parteimitglied der Grünen und im Mai 2022 in den Landtag von Nordrhein-Westfalen eingezogen. Im Interview mit egoFM Gloria hat sie über die Proteste in Lützerath gesprochen und erklärt, warum sie für einen Räumungsstopp demonstriert hat. 
  • Antje Grothus über Lützerath
    Das komplette Interview aus egoFM Reflex


Damals Hambi, heute Lützi

2018 wurde unter dem Motto "Hambi bleibt" für den Erhalt des Hambacher Forsts protestiert, nun geht es ein paar Jahre später und ein paar Kilometer weiter bei den "Lützi bleibt"-Protesten um die Räumung von Lützerath. Antje Grothus war bei beiden Großdemonstrationen dabei, im Oktober 2018 am Hambacher Forst mit ungefähr 50.000 Menschen und bei der Demo am 14. Januar bei Lützerath, bei der Schätzungen zufolge 35.000 Menschen anwesend waren. Beides zwei große klimapolitische Momente.

Durch den erreichten Rodungsstopp vom Hambacher Forst sind 1,1 Milliarden Tonnen Kohle in der Erde geblieben, Lützerath allerdings bleibt nicht und RWE kann rund 110 Millionen Tonnen Braunkohle abbauen. 

Dabei stand zwischenzeitlich sogar die Idee im Raum, Lützerath auf einer Halbinsel stehen zu lassen. Das wäre allerdings mit betriebswirtschaftlichen Einbußen verbunden, da schneller und effizienter gearbeitet werden kann, wenn RWE-Bagger nicht um etwas herum fahren müssen, sagt Antje Grothus.
"Betriebswirtschaftliche Überlegungen eines Konzerns dürfen doch nicht über dem sozialen Frieden und auch schon gar nicht über dem Klimaschutz in der Region stehen." - Antje Grothus


Wie es dazu kam, dass 11.800 Menschen in 19 Orten umgesiedelt werden, um dort Kohle abzubauen, erfährst du hier im egoFM Reflexikon.


Gewaltvolle Eskalation in Lützerath

Grothus war zwar Teil der Lützerath-Demo, die gewaltvollen Auseinandersetzungen hat sie aber nicht selbst miterlebt und kennt nur die einzelnen Videoausschnitte von Aktivist*innen und Polizei, weswegen sie es schwer findet, die Situation zu beurteilen. Sie macht aber klar, dass sie absolut kein Verständnis für die Gewalt hat und froh ist, dass die Geschehnisse nun aufgearbeitet werden.
"Wir demonstrieren ja dafür, dass die Klimakrise gestoppt wird, dass wir alle ein gutes Leben haben, eine gute Lebensqualität. Und da verstehe ich auch nicht, wie man sich - ich sag's mal ein bisschen leger - die Köpfe einschlagen kann, so im wahrsten Sinne des Wortes." - Antje Grothus

Grundsätzlich sieht sie es außerdem sehr kritisch, wenn sich Menschen nah am Tagebaurand aufhalten:
"Ich selber sehe das auch immer sehr, sehr kritisch, wenn Menschen sich so nah an dem Tagebaurand bewegen, ganz ehrlich gesagt, weil wir schon Bilder gesehen haben, dass es darunter Unterhöhlungen gab und natürlich ist jedem daran gelegen, dass nach so einer Demonstration alle Menschen - die Einsatzkräfte und auch die Demonstranten und Demonstrantinnen - wieder wohlbehalten nach Hause kommen." - Antje Grothus


Das richtige Ziel, aber der falsche Weg?

Für das Ziel der Demonstrant*innen - mehr Klimaschutz, weniger Kohle verbrennen und die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten - das wird von vielen Menschen in der Bevölkerung unterstützt. Aber die Form des Protests, also ein ganzes Dorf zu besetzen und die Polizei bei ihrer Arbeit zu behindern, dafür haben nicht alle Verständnis. Vizekanzler Robert Habeck sagt außerdem, dass eine verlassene Siedlung sowieso "das falsche Symbol" für Klimaschutz ist. Antje Grothus sieht das anders und findet durchaus, dass Lützerath ein richtiges und wichtiges Symbol ist.
"Es geht den Menschen ja nicht nur darum, dass die Kohle im Boden bleiben muss, sondern dort werden ja auch Zukunftsperspektiven für ein zukunftsfähiges Leben entworfen und entwickelt. [...] Und natürlich zeigt sich da sozusagen, was die vorherigen Regierungen ja sozusagen verpasst haben - nämlich die Erneuerbaren auszubauen, sodass jetzt noch weiter Kohle gefördert werden muss." - Antje Grothus 


Grundsätzlich stellt sich noch eine ganz andere Frage: Wie notwendig ist die Kohle unter Lützerath überhaupt?

Dass die Kohle unter Lützerath für die Energieversorgung in Deutschland notwendig ist - auch angesichts der aktuellen Energiekrise - war immer das zentrale Argument für den Rückbau. An dieser Notwendigkeit gibt es allerdings durchaus Zweifel, beispielsweise von Scientists for Future. Und auch Antje Grothus zweifelt die Notwendigkeit an: Sie sagt, dass die Kohle vor Lützerath und unter dem benachbarten Immerath, wo niemand mehr lebt, für die Versorgungssicherheit der nächsten Jahre genügen würde. Das wären nämlich einmal 110 und einmal 45 Millionen Tonnen Kohle - und RWE kann ohnehin nur 25 Millionen Tonnen pro Jahr fördern und verstromen.

Nichtsdestotrotz hat RWE nun das Recht, die Kohle unter Lützerath abzubauen. Ab wann genau das möglich ist, ist allerdings noch unklar, denn normalerweise muss die Fläche jetzt beispielsweise erst noch von Baumwurzeln befreit, nach Weltkriegsbomben abgesucht und eigentlich auch noch von der Archäologie und der Bodenkunde auf Bodendenkmälern untersucht werden. Diese Vorarbeiten können um die drei Jahre dauern, weswegen Antje Grothus auch der Meinung ist, dass die Kohle unter Lützerath bei der aktuellen Energiekrise gar keine Hilfe ist - zumindest, wenn diese Vorlaufzeit eingehalten wird. 

Die Grünen selbst stehen aktuell auch in der Kritik

Ihnen wird aufgrund des Abstimmungsverhaltens im Bundestag im Dezember Verrat in Bezug auf die Klimaschutzziele vorgeworfen. Damals ging es um die Änderung des Gesetzes zur Reduzierung und zur Beendigung der Kohleverstromung – also um den vorgezogenen Kohleausstieg in Westdeutschland 2030, wodurch Lützerath Teil eines großen Kohlekompromisses wurde. Antje Grothus allerdings meint, dass eine klimapolitische Bilanz über Lützerath erst gezogen werden kann, wenn man weiß, wie viel Kohle dort gefördert wurde. Und die Grünen, so sagt sie, setzten sich dafür ein, dass das möglichst wenig sein wird. Einerseits, indem auf erneuerbare Energien gesetzt wird:
"Wir tun alles dafür - Tag und Nacht arbeiten wir dafür - dass die Erneuerbaren zügig ausgebaut werden und dass die Hürden für die Erneuerbaren fallen, die andere Parteien in den letzten Jahren aufgebaut haben." - Antje Grothus

Andererseits, indem Grundstückseigentümer*innen in der Region einige 100 Meter hinter Lützerath unterstützt werden. 
"Ich finde, dass im Jahr 2023 niemand mehr für Kohle oder auch sogenannten Abraum, also Sand und Kies, der da noch gefördert werden soll, enteignet werden kann. Das ist für mich eigentlich eine rote Linie, diese Zwangsenteignung für Kohle. [...] Jede Tonne Kohle, die nicht gefördert wird, ist eine gute Tonne Kohle." - Antje Grothus




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Pressefoto der Grünen Fraktion | Guido von Wiecken

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