Ableistische Sprache im Alltag

Ableistische Sprache im Alltag

Was wir aus Sibylle Bergs Verhalten lernen können

Wie verbreitet ableistische Sprache immer noch ist, zeigt aktuell leider Sibylle Berg. Aus der Reaktion von Berg können wir allerdings viel für das menschliche Miteinander lernen.

Sibylle Berg ist Schriftsteller*in und Dramatiker*in. Eigentlich weiß Berg also, wie mächtig Worte sein können. Nach einem ableistischen Tweet zeigt sich Sibylle Berg allerdings trotzdem eher uneinsichtig.

Ableistische Sprache

Es ist 2021 und der Großteil unserer Gesellschaft hat bestimmte Worte zum Glück komplett aus dem eigenen Sprachgebrauch gestrichen, weil sie zum Beispiel rassistisch, beleidigend, verletzend, diskriminierend oder abwertend sind. Bei manchen Worten ist es allerdings noch nicht bei allen angekommen, welche Wirkung sie haben können. 

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Mit dem Wort "dumm" reproduziert Berg hier ableistische Sprache. 

Denn die Bezeichnung zielt darauf ab, Menschen aufgrund ihrer Intelligenz abzuwerten. Gleiches gilt für Begriffe wie "doof", "Idiot" oder "Trottel" - all diese Ausdrücke sind behindertenfeindlich und sollten allmählich aus dem täglichen Sprachgebrauch verschwinden. 

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Und sowieso: Es geht in den seltensten Fällen tatsächlich um die Intelligenz von jemandem. Meist steht der Begriff für ein Verhalten, das zum Beispiel rücksichtslos, engstirnig, unbedacht oder einfach scheiße war. Wir nutzen das Wort "behindert" nicht als Beleidigung und aus dem selben Grund sollten wir auch "dumm" oder "blöd" nicht benutzen, um andere Menschen abzuwerten. 

Ideen, wie du jemanden beleidigen kannst, ohne ableistisch, rassistisch, sexistisch oder dergleichen zu sein, findest du zum Beispiel in den Kommentaren von diesem Tweet:



Mehr dazu, was Ableismus ist und wie du als nicht behinderter Mensch ein*e Ally sein kannst, erfährst du hier.


Viel problematischer als der Tweet, ist aber die Reaktion von Berg.

Denn ja, leider ist vielen Menschen tatsächlich noch nicht bewusst, wie ableistisch manche Begriffe sind. Deswegen verlangen die meisten Menschen auch nicht, dass es sofort jede*r schafft, all diese Begriffe von heute auf morgen komplett aus dem Sprachgebrauch zu löschen. Allein deswegen, weil jemand einen Begriff wie "dumm" unbedacht verwendet, würde es vermutlich auch keinen "Shitstorm" geben. Aber: Wenn jemand vermehrt darauf hingewiesen wird, dass ein Begriff ableistisch ist und deswegen nicht verwendet werden sollte, gibt es eigentlich nur eine angebrachte Reaktion: Sich entschuldigen, dazu lernen und das eigene Verhalten - in diesem Fall die eigene Sprache - verändern. Sibylle Berg hat allerdings nichts dergleichen getan - im Gegenteil: In einem nicht mehr sichtbaren Kommentar hat Berg die eigene Wortwahl verteidigt:
"Im Moment sind die Diskussionen in den Medien voller D-Worte die sich nicht auf Menschen mit Handycap beziehen. Und darauf reagiere ich." - Sibylle Berg

Was Sibylle Berg schreibt, ist aber gleich in zweierlei Hinsicht falsch: 

Einerseits ist es ein Fakt, dass sich ein Wort nicht durch Wiederholung legitimiert oder gar weniger diskriminierend wird - das haben wir eigentlich schon bei anderen Begriffen gelernt. Außerdem ist "Handycap" ein unangebrachter Euphemismus - es heißt Behinderung. 

Auch das wird unter dem Beitrag erklärt. Sibylle Berg löscht allerdings die allermeisten Kommentare und schränkt anschließend die Kommentarfunktion ein. Deswegen wird Berg nun auch Silencing vorgeworfen, also das aktive zum Schweigen bringen von (Gegen)Stimmen. Aber auch dabei bleibt es nicht, denn Berg schreibt weiter:
"Kommentare die nicht nachfragend sondern aggressiv formuliert sind, werden entfernt. Also gerne einen Kommentar der sich auf die ursprünglichen Texte und Kommentare bezieht und aufklärt. Und bitte freundlich bleiben." - Sibylle Berg 


Wie Sibylle Berg hier reagiert, wird auch als Tone Policing bezeichnet.

Das ist eine Taktik, mit der Debatten beendet werden sollen, indem eine Person dafür kritisiert wird, Emotionen zu zeigen. Dabei lenkt Tone Policing allerdings nur vom eigentlichen Inhalt einer Aussage ab, indem der Ton angegriffen wird, nicht aber die Aussage selbst. Ob Sibylle Berg viele unfreundliche, oder ein paar wenige wütende, oder hauptsächlich sachliche Kommentare bekommen hat, ist schwer zu beurteilen, wenn fast alle (nachweislich auch letztere) gelöscht werden. Tone Policing ist allerdings vor allem auf Social Media eine beliebte Taktik, marginalisierte Gruppen in einer Debatte zum Schweigen zu bringen, wenn sie berechtigter Weise wütend (oder traurig, oder genervt, ...) werden, zum Beispiel wenn die eigenen Bedürfnisse nicht ernst genommen werden oder schlicht die Marginalisierung und einhergehende Diskriminierung einfach abgesprochen wird. 


Was wir alle daraus lernen können

Das ist nicht das erste Mal, dass berechtigte Kritik an Berg geäußert wird. Mehr dazu findet ihr zum Beispiel auf Instagram bei joy_harsher im Highlight "zu Sibylle Berg". Trotzdem geht es nicht darum, Personen wie Berg an den Pranger zu stellen - Fehler macht jede*r. Es ist der Umgang mit diesen, der tief blicken lässt. Wie die Betroffenen mit Berg umgehen, können und wollen wir nicht vorschreiben. Als Ally ist es aber das sinnvollste, aus dem Fehlverhalten von Berg zu lernen. Und für einen menschlichen Umgang auf Augenhöhe sollten wir mindestens diese drei Punkte mitnehmen:

1. Wenn jemand sagt, dass bestimmte Worte verletzend sind, sollten wir aufhören, sie zu nutzen. 
2. Wenn jemand berechtigte Kritik äußert, sollten wir diese ernst nehmen und nicht ungehört verschwinden lassen/ignorieren.
3. Wenn marginalisierte Gruppen auf ihre Diskriminierung aufmerksam machen und nicht gehört werden, ist es verständlich und legitim, dass sie wütend werden. Das hat keinen direkten Einfluss auf den Inhalt des Gesagten. 

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