Caribou: Suddenly

Caribou: Suddenly

Der Lieblingstonträger der Woche

Dan Snaith alias Caribou gibt dem Begriff der Vielseitigkeit mal schnell eine ganz neue Dimension.


Kurz vor dem Click auf Play dann doch so ein paar kleine Zweifler.

Man weiß ja nie exakt, was man beim ersten Hören einer Platte so erwarten soll. Manchmal bekommt man genau das, was man erwartet hat, und ist trotzdem irgendwie enttäuscht – mal bekommt man einen Schock nach dem anderen auf die Kopfhörer und weiß länger nicht so recht, wie man damit umgehen soll.

Jetzt bei Caribou wird die Sache ganz besonders knifflig. Zuerst ist es schon mal schwer überhaupt irgendwas zu erwarten. Schließlich klangen die bisherigen Alben ziemlich unterschiedlich und auch dieses Mal machten die drei Vorabsingles den Eindruck, als wären mehrere, völlig verschiedene Künstler am Werk gewesen.

Aber genau so soll Suddenly auch klingen – auch wenn nach wie vor nur ein einziger Mensch die Fäden zieht.



Kehrtwende auf der Autobahn

Dan Snaith, Caribous Chef-Soundentwickler, hatte ja schon immer mehrere musikalische Persönlichkeiten. Da gibt es natürlich erst einmal Caribou: Seit den letzten zwei Alben könnte man den Stil auf so etwas wie hochemotionalen, tanzbaren, aber immer komplexen Elektro runterbrechen. Dann gab es aber auch noch seine Alben unter dem Namen Daphni – eklektische, temporeiche Tanzmusik voller Soulsamples.

Auf Suddenly hat Dan Snaith jetzt versucht, beiden Persönlichkeiten ähnlich viel Platz einzuräumen.


Dadurch schlägt die Platte gerne mal in völlig verschiedene Richtungen aus. So soulig organisch wie auf "Home" klang Caribou noch nie. Dann gibt es aber auch euphorische Clubtracks wie "Ravi" und "Never Come Back". Fast schwer zu glauben, dass alle Songs von ein und derselben Platte stammen. Aber dieses Mal setzt Caribou eben auf Brüche:

Vorbei sind die Zeiten von Our Love, als jeder Song ähnliche Emotionen ansteuern sollte und schön gleichmäßig in seinen Nachfolger überging – Suddenly soll so chaotisch klingen wie die Gegenwart.



Jetzt kann ein Song mittendrin plötzlich zu etwas ganz Neuem werden. "Sunny’s Time" fängt zum Beispiel harmonisch verträumt an. Man fühlt sich, als würde man an einem ruhigen Nachmittag ein Klavierkonzert im Wohnzimmer genießen – bis dann nach einer knappen Minute ein Vocalsample ungebremst in den Song reinbrettert und die Idylle in ziemliches Chaos stürzt.

Die ganz großen Zusammenhänge

Dan Snaith lässt auf Suddenly immer wieder andere Stimmen zu Wort kommen. Allerdings nutzt er die eher als zusätzliche Instrumente – seine eigene Stimme ist immer noch der zentrale Ankerpunkt. Genug zu sagen hat er sowieso: Suddenly ist über die letzten fünf Jahre entstanden und - naja - da sind schließlich genug Dinge passiert.

Opener "Sister" versucht sich gleich mal am Thema toxische Männlichkeit. Dabei zeigt Dan Snaith nicht nur auf die viel besprochenen Fälle aus der Zeitung – er sucht und findet das Problem eher im täglichen Geschehen.

"Brother you're the one that must make changes / no one else can do it if you don't"

Suddenly dreht sich aber nicht nur um die großen gesellschaftlichen Streitpunkte: "You and I" verarbeitet zum Beispiel auf sehr eindrucksvolle und berührende Weise den Verlust eines nahestehenden Menschen und taucht dann wieder in die traurigen Momente von Our Love zurück.

Und so wird aus einer Platte, die wie wild zwischen Stimmungen, Genres und Themen hin und herwechselt, dann eben doch noch ein enorm persönliches Werk. Eines, das eben nur Dan Snaith machen konnte.




Tracklist: Caribou - Suddenly

01 Sister
02 You and I
03 Sunny's Time
04 New Jade
05 Home
06 Lime
07 Never Come Back
08 Filtered Grand Piano
09 Like I Loved You
10 Magpie
11 Ravi
12 Cloud Song



Suddenly erscheint am 28. Februar bei City Slang.

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