The Lumineers: BRIGHTSIDE

The Lumineers: BRIGHTSIDE

Das Album der Woche

Von  Vitus Aumann
Was die Folk Rocker mit Alice Cooper und mit Judas zu tun haben.


Ja, in der Musik gibt es viel Potenzial für Stress.


Dass sich Rapper*innen gerne mal gegenseitig an die Gurgel springen, kennt man ja gut und für Punkbands gehört eine ordentliche Prügelei fast schon zum guten Ton mit dazu. Aber bei einer Band wie The Lumineers?

Tatsächlich gibt’s auch bei den scheinbar so sanften Folk Rockern hin und wieder ordentlich Reiberei. Nach dem Durchbruch gab es erst mal handfesten Stress mit niemand geringerem als Alice Cooper und der altgewordenen Schock Rocker Generation: Die Altvorderen wollten sich mit dem folkigen Sound der Band mal so gar nicht anfreunden. 

Und als wäre das nicht schon Stress genug, beginnt jetzt auch ihr neuestes Werk BRIGHTSIDE mit einem richtigen Schockmoment.




Sanfter Verrat

Man muss sich schon fast kurz kneifen, wenn der Titeltrack gleich die elektrische Gitarre aufheulen lässt. Ja, tatsächlich: Die sonst fast ausschließlich akustischen Lumineers haben den Strom aufgedreht – für so eine Aktion wurde Bob Dylan damals noch als Judas beschimpft. Allzugroße Sorgen für diese Aktion beleidigt zu werden, müssen sich Wesley und Jeremiah aber wohl nicht wirklich machen: Denn auch wenn jeder Song in Großbuchstaben geschrieben wird und man beim Lesen der Tracklist das GEFÜHL BEKOMMT ANGESCHRIEN ZU WERDEN, ist der alte Charme der Lumineers natürlich immer noch da.

Trotz neuer E-Gitarre machen sie immer noch keinen Stadionrock, sondern intime, persönliche und wunderbar hoffnungsvolle Musik.


Denn auch wenn The Lumineers keine Scheu haben, düstere Themen wie Drogensucht, Nahtoderfahrungen und Einsamkeit anzugehen, finden sie trotz aller Widerstände immer noch den Dreh zum Optimismus. So verwandelt "NEVER REALLY MINE" sogar einen Text über scheinbar ewige Einsamkeit in einen zusammenschweißenden Euphoriemoment.



Herz statt Kopf

Für die Lumineers sollte ihr neues Album weniger verkopft und mehr aus dem Gefühl heraus entstehen. Also anstatt wie sonst üblich jeden Song mehrfach in verschiedenen Varianten aufzunehmen, um sich dann für die vermeintlich Beste zu entscheiden. Dieses Mal ging alles mehr nach spontanen Impulsen und Bauchgefühl. So fühlt man sich beim Hören manchmal so, als würde man mit den beiden Musikern im Proberaum sitzen – nicht nur, wenn bei "BIRTHDAY" kurz eine Pause für Applaus eingelegt wird.

Jeremiah und Wesley wechseln zwischen Klavier, E-Gitarre und Percussion hin und her. Manchmal treiben Songs wie "ROLLERCOASTER" in sanfter Sehnsucht, dann wieder darf "NEVER REALLY MINE" in einem fast schon epischen Gefühlsausbruch enden. "REMINGTON" beschwört mit einem Drumcomputer fast so etwas wie Phil Collins-Gefühle auf und "A.M. RADIO" streitet sich mit "WHERE WE ARE" um den schönsten Mitgröhlchorus.

Die Songs klingen immer klar nach den Lumineers, aber das Duo findet immer genug kleine Soundnischen, um jeden Song zu etwas Besonderem zu machen.


 

Wirklich viel Zeit eintönig zu werden haben The Lumineers auf BRIGHTSIDE sowieso nicht, denn die Platte ist nach fast exakt einer halben Stunde auch schon wieder vorbei.


Aber eigentlich muss man das Album sowieso im Loop hören, denn "REPRISE" schließt textlich nahtlos an den Openertrack an und unterstreicht auch noch einmal das große Thema von BRIGHTSIDE: Wenn es nach den Lumineers geht, kommt trotz jeder Katastrophe irgendwann mal wieder eine hellere Phase im Leben.

Egal ob es dabei um persönlich schwere Phasen oder einfach nur um Beef mit Alice Cooper geht.

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Tracklist: The Lumineers - Brighside


01 BRIGHTSIDE
02 A.M. RADIO
03 WHERE WE ARE
04 BIRTHDAY
05 BIG SHOT
06 NEVER REALLY MINE
07 ROLLERCOASTER
08 REMINGTON
09 REPRISE

BRIGHTSIDE von The Lumineers wurde am 14. Januar 2022 bei Decca Records veröffentlicht.

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