The War On Drugs: I Don't Live Here Anymore

The War On Drugs: I Don't Live Here Anymore

Das Album der Woche

Von  Vitus Aumann
Ein Roadtrip zwischen Bruce Springsteen und Weltschmerz.

Manchmal kann man unglaublich lange gereist sein und trotzdem kommt man genau am ursprünglichen Ort wieder zur Ruhe. Das kann natürlich ziemlich nervig sein, zum Beispiel wenn man eigentlich nur frische Staubsaugerbeutel aus dem Supermarkt holen wollte, aber man sich dabei auf mieseste Art und Weiße verlaufen hat. Und bei so mancher Reise merkt man vielleicht gar nicht, dass man sie überhaupt angetreten hat – trotzdem ist man plötzlich ein komplett veränderter Mensch. Für genau diese undefinierbaren, aber so unglaublich wichtigen Aufbrüche gibt es jetzt den fast schon zu perfekten Soundtrack:

The War On Drugs haben mit ihrem fünften Album mal wieder einen Meilenstein abgeliefert.


 

Meditatives Mitgröhlen

Nach mindestens zwei unanfechtbaren Meisterwerken müssen weder Adam Granduciel, noch seine Band irgendjemandem etwas beweisen. Und so fängt I Don’t Live Here Anymore auch höflich zurückhaltend an: Sanfte Klaviernoten, zurückhaltende Akustikgitarre und ein inbrünstig dargebotenes Gitarrensolo eröffnen die Platte - und führen aber gleich ein wenig auf die falsche Fährte: Denn schon der zweite Song "Harmonia's Dream" schraubt die Geschwindigkeit in die Höhe. Bass und Schlagzeug marschieren in harmonischer Eintracht, die Gitarrenriffs fließen in einen hypnotischen Strom und jede noch so kleine Lücke im Sound wird von flirrenden Synthesizern ausgefüllt.

Das Erfolgsgeheimnis von The War On Drugs ist eigentlich gar nicht so kompliziert: Erst wird man beim Zuhören in eine rührselige Trance versetzt, bis der Refrain mit absoluten Stadionrock Qualitäten einsetzt und emotionales Chaos auslöst.

Aber die Band findet bei jedem Song neue Klänge und neue Wege genau dieses Ziel zu erreichen. 




Aufbruch ins Vertraute

Im Vergleich zu den hochgelobten Vorgängern hat sich der Sound höchstens dezent verändert: Man könnte sagen The War On Drugs haben ihren eigentlich eh schon perfekten Klang noch einmal aufpoliert. Und an mancher Stelle auch ein kleines bisschen reduziert: Die Songs sind zwar immer noch überdurchschnittlich lang, aber keiner durchbricht mehr die Grenze von zehn Minuten. Und anstatt lange Teile des Songs in undefinierbaren Klangstrukturen zu verträumen setzen Adam und seine Band jetzt mehr auf Ohrwurmmelodien. Das mag für den Fan der handgemachten Rockmusik fast schon ein bisschen gruselig klingen, aber The War On Drugs sind trotzdem noch so verträumt wie eh und je: Nur findet man in diesen Träumen jetzt eben öfter einen Anhaltspunkt, der das Wiedereintauchen so viel angenehmer macht.



Wenn die Songs ihren Zenit erreichen, geizen The War On Drugs nicht gerade mit Pathos.

Vor allem der Titeltrack glänzt mit einer so brachialen Hook, dass sogar die ein oder andere Classic Rock Legende blass vor Neid werden dürfte. Im Text bleibt Adam trotzdem gewohnt uneindeutig:

"Is life just dying in slow motion / Or getting stronger everyday?”

Hinter seiner rauchigen Stimme, der man sogar das ein oder andere Klischee verzeiht, scheint es so, als könnte Adam nie komplett glücklich, aber auch nie absolut traurig sein. Er trauert verpassten Gelegenheiten hinterher und kann in allem Schmerz doch noch ein bisschen Hoffnung finden. Er hat Angst vor der Zukunft und ist trotzdem immer in Bewegung. Aufbrüche ins Unbekannte sind das zentrale Thema von I Don’t Live Here Anymore, egal ob es dabei um persönliche Veränderungen, Beziehungen oder das Älterwerden geht. Die Platte fühlt sich an wie ein Roadtrip ohne klaren Anfang und erkennbares Ende - im Allerbesten Sinne.

Denn The War On Drugs sind eine der wenigen Bands, bei denen man absolut nichts dagegen hat im Unklaren gelassen zu werden.

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Tracklist: The War On Drugs - I Don't Live Here Anymore

01 Living Proof
02 Harmonia's Dream
03 Change
04 I Don't Wanna Wait
05 Victim
06 I Don't Live Here Anymore
07 Old Skin
08 Wasted
09 Rings Around My Father's Eyes
10 Occasional Rain

I Don't Live Here Anymore von The War In Drugs wurde am 29. Oktober 2021 via Atlantic Records veröffentlicht.

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