Vampire Weekend: Only God Was Above Us

Vampire Weekend: Only God Was Above Us

Das Album der Woche

Von  Vitus Aumann
Schon das Cover ist es Wert, geliebt zu werden – und die Musik steht da nichts nach.

Musik und Inhalt müssen doch eigentlich zusammenpassen.

Könnte man zumindest meinen: Niemand würde doch unter eine herzzerreißend-pessimistische Rede zum Stand der Dinge einen durchgedrehten Ska Punk Song legen, oder? Vampire Weekend waren nicht nur in dieser Hinsicht halt einfach ein bisschen anders: Man kennt sie zwar schon eher für die durchgedrehten Gitarrenriffs von "A-Punk", "Holiday" oder "Diane Young", aber die Texte gingen trotzdem gerne in Richtung Höllenfeuer, Untreue oder die Vergänglichkeit des Seins. Wer eben zu viel auf die Welt schaut und zu viel beobachtet, läuft schnell Gefahr in den Weltschmerz reinzulaufen. Aber damit soll jetzt wohl Schluss sein:

Only God Was Above Us macht nämlich eine lange Reise aus dem zynischen Pessimismus raus – und kommt am Ende sogar bei so etwas Ähnlichem wie Optimismus an.
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Musikalische Zurückerfindung

Jetzt haben die sich einfach schon wieder so lange Zeit gelassen! Der Gedanke dürfte so manchem Fan im Kopf rumgeschwirrt haben. Auf Vorgänger Father of the Bride musste man schon sechs lange Jahre warten, aber das lag natürlich auch daran, dass mit Rostam Batmanglij ein riesengroßer Teil der Band plötzlich fehlte. Warum die Band jetzt also schon wieder so lange gebraucht hat? Vielleicht wegen der Pandemie. Vielleicht wollte Ezra auch einfach mal das Familienleben genießen – oder vielleicht hat er extra so lange gewartet, damit das neue Album pünktlich zu seinem vierzigsten Geburtstag rauskommt. An dem Tag gibt’s nämlich zu allem Überfluss noch eine absolute Sonnenfinsternis in Texas – da muss man als Band mit vampiristischen Tendenzen natürlich die Gelegenheit wahrnehmen und das Releasekonzert unter der verdunkelten Sonne spielen. Den möglicherweise größten Grund für die lange Wartezeit kann man aber eigentlich eh ganz deutlich hören:

Only God Was Above Us ist ein unglaublich detailliert und vielschichtig produziertes Album – immer knapp, aber nie unangenehm nah an der akustischen Reizüberflutung.


Der Sound geht also wieder weit weg vom folkig angehauchtem Father of The Bride. "Ice Cream Piano" zeigt da als Opener gleich mal auf welches Spektrum man sich einstellen darf: Ezra flucht nicht jugendfrei über stoisch angeschlagene Gitarre, nach einer guten Minute explodiert der Song dann wie ein Vulkan im Kurzarmhemd: Das nur so halb namensgebende Klavier sprintet die Oktaven rauf und runter, Chris Tomson zeigt wieder mal wie gut er Trommelwirbel beherrscht und die Gitarren nehmen jeden Krach, mit der irgendwie geht. "Classical" dreht die Verzerrung gefühlt sogar noch mehr auf, was auf den ersten Blick so gar nicht zum Barockpop passt, auf den zweiten Hörer aber einfach nur zauberhaft klingt. Ezra beschreibt den Sound mit Augenzwinkern als eine Kreuzung zwischen Beastie Boys und Pink Floyd.

Only God Was Above Us hat damit zwar auch seine ruhigen Momente, aber auch Songs wie "Pravda" und "Capricorn" tauchen gerne noch in zuckersüßen Lärm ein – Vampire Weekend haben hier mit Abstand ihre krachigste Platte abgeliefert.


Die Hoffnung klingt verzerrt  

Der ganze Krach ist aber nicht der einzige Grund, warum Only God Was Above Us im Gehörgang aneckt: Ezra fängt diese Platte ernsthaft mit der Textzeile "Fuck The World" an – und dieses Mal ohne ablenkende Ohrwurmgitarre. Aufs erste Hören haben Vampire Weekend noch nie so trostlos in eine Platte gestartet. Es wird aber schnell klar, dass sich die Ex New Yorker hier nicht einfach nur zynisch auskotzen wollen: Only God Was Above Us bietet noch so viel mehr, von Geschichten aus der ehemaligen Heimatstadt ("Mary Boone" & "Prep-School Gangsters"), Sorgen über soziale Isolierung ("Connect"), Vergangenheitsbewältigung ("Classical") oder Generationstraumata ("Gen-X Cops"). Und ganz zum Schluss dann eben auch noch die Hoffnung. "Hope" ist – eigentlich dann auch kaum noch überraschend – zwar der schwermütigste Song des Albums, aber Ezra versucht im Text alte Wunden zuzunähen und den ein oder anderen Konflikt endlich in die Vergangenheit zu schicken. Dabei geht es weniger darum, alles perfekt werden zu lassen, sondern einfach seinen Frieden mit ein paar unüberwindbaren Hindernissen zu finden.

Das ist zwar kein märchenhaft gut gelaunter Abschluss – aber einer, der den großen Weltschmerz vielleicht sogar wirklich ein bisschen lindern kann.



Tracklist: Vampire Weekend - Only God Was Above Us

  1. Ice Cream Piano
  2. Classical
  3. Capricorn
  4. Connect
  5. Prep-School Gangsters
  6. The Surfer
  7. Gen-X Cops
  8. Mary Boone
  9. Pravda
  10. Hope
Only God Was Above Us wurde am 05. April 2024 via Columbia Records veröffentlicht.



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