Ist das überhaupt noch Musik?

Ist das überhaupt noch Musik?

Weirde Tracks von Björk bis zu den Beatles

Von  Jule Fleischmann
Manche Songs sind Ohrwürmer, manche bleiben einen aus ganz anderen Gründen im Kopf.


The Beatles: "Revolution 9" 

Es ist der 22. November 1968, als eines der bedeutendsten Alben der Beatles erscheint – ihr selbstbetiteltes Album besser bekannt als The White Album. Mit dabei Songs wie "While my Guitar gently Wheeps" oder "Blackbird". Klingt alles so wie wir es von den Beatles kennen und lieben. Doch der zwölfte Track auf der zweiten Disc des Albums sprengt vermutlich für viele die Grenzen davon, was man noch als Musik durchgehen lassen würde. Mit einer Länge von 8 Minuten und 22 Sekunden ist "Revolution 9" nicht nur überdurchschnittlich lang, sondern auch extrem experimentell! Babygeschrei, Stimmengewirr, Song Snippets, Rauschen und die Worte "Number 9" – einfach wild übereinander und aneinander geschnitten.

Als Grundlage des Songs dient "Revolution 1" – genauer gesagt die letzten sechs Minuten des 18. Takes. Die enden nämlich nicht mit einem klassischen Songausklang, sondern in einem langen, improvisierten Jam. Darüber schichtet Lennon dann Tonbandschleifen, Soundeffekte, Orchesterausschnitte, rückwärts abgespielte Melodien und Sprachfetzen – live gemixt, mit etwa zehn Tonbandmaschinen gleichzeitig, die unter anderem mit Bleistiften auf Spur gehalten werden. Und dann ist da natürlich diese eine Stimme.
"Number nine. Number nine. Number nine." - The Beatles, "Revolution 9"

Warum ausgerechnet die Neun?

Die stammt von einem Ingenieur der Royal Academy of Music – aufgenommen für ein schlichtes Testband, das in den EMI-Archiven von Abbey Road lagert. Lennon findet es, schneidet es in Schleifen und baut es als roten Faden durch den ganzen Track. Aber warum ausgerechnet die Neun? Tatsächlich taucht die noch häufiger in seinem Leben auf: Ihr Manager, Brian Epstein, sieht die Beatles zum ersten Mal am 9. November 1961 im Cavern Club in Liverpool. John Lennon soll am 9. November 1966  zum ersten Mal Yoko Ono getroffen haben und nicht nur Lennon sondern auch sein Sohn Sean wurde am 9. Oktober geboren. Für Lennon kann das kein Zufall sein. Es wird der experimentellste Track der Beatles bleiben. Die Sounds wandern, springen, tauchen auf und verschwinden. Links, rechts, Mitte, überall. Also wer seine Stereoanlage zuhause Testen möchte, der Song ist perfekt dafür!
 

Frank Ocean: "Be Yourself"

2016 veröffentlicht Frank Ocean überraschend sein zweites Studioalbum. Für viele war das ein kleines Wunder. Denn Frank Ocean ist nicht gerade dafür bekannt, besonders gesprächig zu sein. Keine großen Interviews, kaum Social Media. Sein Debütalbum Channel Orange erscheint 2012 – und dann: vier Jahre lang nichts. Kein Album, keine Singles, nur gelegentliche kryptische Posts. Frank Ocean ist jemand, der spricht, wenn er etwas zu sagen hat. Blonde ist ein Konzeptalbum. 17 Tracks, die uns einen sehr persönlichen Blick auf Franks Teenagerjahre geben – Beziehungen, Freundschaften, Drogen, Herzschmerz. Keine klassische Geschichte von Anfang bis Ende, sondern eher wie eine Fahrt im Auto mit Frank, der in den Rückspiegel schaut und erzählt. Und wie bei jedem guten Konzeptalbum steckt der Teufel im Detail.

Wenn man sich in der reddit Community umschaut, gibt es eine Theorie. Blonde sei in vier Kapitel unterteilt, die den vier Jahreszeiten folgen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Und jede Saison trägt ihre eigene emotionale Bedeutung. Was die Jahreszeiten unterteilt, sind die sogenannten Skits. Ein Skit ist ein kurzes Zwischenspiel auf einem Album – oft unter einer Minute, hörspielartig, manchmal satirisch, manchmal mit einer klaren Botschaft. Besonders im Hip-Hop und R&B sind sie ein beliebtes Stilmittel. Der erste dieser Skits ist "Be Yourself". Man hört eine Sprachnachricht einer Frau. Es geht darum du selbst zu sein, nimm keine Drogen, rauche kein Marihuana, trinke keinen Alkohol – nur um irgendwo reinzupassen. Was diesen Skit aber wirklich besonders macht, ist nicht nur was gesagt wird – sondern was direkt danach passiert. Der nächste Track heißt "Solo" – und Frank ist sofort wieder high. Ob das bewusste Ironie ist oder einfach ein ehrlicher Moment eines jungen Mannes, lässt Frank offen. Vielleicht ist es beides.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Radiohead: "Fitter Happier"

Ist das überhaupt noch Musik? Das ist wahrscheinlich die erste Frage, die man sich stellt, wenn man "Fitter Happier" von Radiohead zum ersten Mal hört. Keine Gesangsstimme, kein Refrain, kein Hook. Nur eine monotone Computerstimme, die über ein Klavier eine Liste vorliest. Eine Liste darüber, wie ein perfekter Mensch aussieht.
"Regelmäßiger Sport. Drei Mal die Woche ins Fitnessstudio. Besser auskommen mit Kollegen. Keine Angst mehr vor der Dunkelheit." - Radiohead, "Fitter Happier"

"Fitter Happier" ist Track sieben auf Radioheads 1997 erschienenem Album OK Computer – einem Album, das sich mit Entfremdung, Technologie und dem modernen Leben auseinandersetzt. Die Stimme gehört Fred. Keinem einem Bandmitglied, keinem Gastmusiker – sondern einer Text-to-Speech-Stimme, die man auch heute noch auf Apple Geräten einstellen kann. Frontmann Thom Yorke tippt den Text auf seinem Mac und lässt Fred vorlesen. Kühl, neutral, emotionslos. Bassist Colin Greenwood beschreibt damals, es sei seltsam, wie viel Emotion in dieser Stimme stecke. Yorke stimmt zu, dass Freds Stimme rührender  und emotionaler wirkt als er es erwartet hatte und sie etwas menschliches Transportieren würde. Der Grund für den Song war eine monatelange Schreibblockade von Yorke. Je länger die Liste wird, desto unheimlicher wird sie. Je mehr man versucht, dieses perfekte Leben zu führen, desto weiter entfernt man sich von sich selbst. Am Ende des Songs taucht ein Bild auf, das alles zusammenfasst: Ein Schwein in einem Käfig auf Antibiotika. Das ist der perfekte Mensch. Funktionierend. Kontrolliert. Aber kaum noch am Leben. Thom Yorke hat später gesagt, er stehe nicht mehr vollständig hinter dem Text. 


Björk: "Ancestors"

Einfach mal alles ganz anders machen – Musik ist Kunst und nicht alle Künstler*innen bleiben immer bei dem, was man kennt. Bestes Beispiel dafür: Die isländische Künstlerin Björk. Ihr Studioalbum Medúlla erscheint im Jahr 2004. Ein radikaler Schritt: Ein Album, das fast ganz aus menschlichen Stimmen besteht. Der Albumtitel hat dabei auch eine ganz bestimmte Bedeutung: Das Gefühl von etwas Körperlichem und Ursprünglichem zieht sich durch das ganze Album. Es ist, als würde Björk die Musik auf ihren innersten Punkt zurückführen: auf die Stimme, auf Atem, auf Rhythmus, auf Klang – der Körper selbst steht im Mittelpunkt.

In ihrem Song "Ancestors" wird das besonders deutlich. Er besteht aus drei Elementen: einem sparsam eingesetzten Klavier, Björks Stimme und dem Kehlgesang von Tanya Tagaq, eine der markantesten Stimmen der Inuit-Musik. Kehlgesang, oder Katajjaq ist eine besondere Form des Singens: Zwei Frauen stehen einander Gesicht an Gesicht gegenüber. Mit der Stimme produzieren sie Sounds, die ineinandergreifen, die zusammen einen Rhythmus ergeben: Ruf und Antwort. Es ist etwas sehr Körperliches, etwas, das aus Nähe und Gemeinschaft entsteht. Bei "Ancestors" gibt es kein klassisches Kehlgesang-Duett, sondern Tagaqs Stimme steht Björks Stimme gegenüber. Björk macht den Kehlgesang nicht einfach nach, sondern setzt ihre eigene Gesangsweise daneben. Björk macht Musik hier nicht um zu gefallen, sie muss es fühlen. Keine Musik, die sich brav an Regeln hält — sondern Kunst, die sich traut, ganz anders zu klingen.

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