Interview mit Transmann, Model und Coach Jill Deimel

Interview mit Transmann, Model und Coach Jill Deimel

Über den Werdegang eines Transgenders und die Probleme der Gesellschaft

Im Interview mit Anna erzählt uns Transmann Jill Deimel, wie es sich anfühlt, mit falschen Geschlechtsmerkmalen geboren zu werden und von seiner Angleichung zum Mann.

Jill Deimel hat die Hälfte seines Lebens als Frau gelebt - bis sein Leidensdruck immer größer und unerträglicher wurde.

Es folgten über zwanzig Operationen und eine Zeit zwischen zig Krankenhausaufenthalten und vielen Hoch und Tiefs. Heute ist er spiritueller Life- und Mentalcoach, Autor, Model sowie Schauspieler und spricht offen über seinen Werdegang zum Mann und sich als Transgender. Jill erklärt uns, dass Transgender übrigens nicht zwangsläufig bedeutet, dass man sich operativ angleichen hat lassen - sondern bereits, dass man mit den falschen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde. Denn unabhängig von denen entscheide das Gehirn, ob du dich als Mann oder Frau siehst.

Jill hat sich eigentlich schon immer als Mann gefühlt

Auch schon als Kind, aber da er sich in diesem Alter noch nicht wirklich mit seiner Sexualität auseinandergesetzt habe, da war das Thema zu dieser Zeit noch weniger greifbar und die Ablehnung des eigenen Körpers wurde erst später bei ihm deutlich.

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Mädchen in einem Jungenkörper würden viel früher mit der Identitätskrise konfrontiert, erzählt uns Jill durch seine Erfahrungen im Bekanntenkreis, da es in der Gesellschaft immer noch weniger "üblich" sei, wenn Jungs Röcke oder Kleider in die Schule anziehen wollen. Andersrum hätte man es da in manchen Aspekten leichter. Für ihn sei es zwar schon immer spürbar gewesen, wurde aber noch nicht zu einem größeren Thema seiner Kindheit. Besonders sein Opa hat ihn in seinem Werdegang immer unterstützt, erzählt er uns.
"Jetzt ist wenigstens das Mädchen der Junge, den ich mir immer gewünscht habe" – Opa von Jill

Die Konfrontation kam in der Pubertät

In seiner Jugend habe Jill dann zunehmend mit einigen Problemen zu kämpfen gehabt. In seiner Generation sei bis zu Oberstufe beispielsweise noch nicht einmal das Thema „schwul und lesbisch“ durchgesickert, geschweige denn Transgender. Das Thema Homosexualität war bis dahin gesellschaftlich quasi nicht vorhanden. Im Glauben, es sei nur ein emotionaler Entwicklungsabschnitt von ihm, habe er dann versucht durch eine besonders weiblichen Phase gegen den Zwist in seinem Inneren anzukämpfen. Da er selbst nicht benennen konnte, was in ihm vorging, hatte Jill auch zunehmend Angst sich jemandem in seinem Freundeskreis zu öffnen.

"Es gab früher ja noch nicht einmal Internet. […] Ich habe wirklich gedacht, mich könnte niemand verstehen, weil ich mich selbst ja gar nicht verstanden habe."

Jill erzählt uns im Interview, er habe eine große Wut auf seine weiblichen Merkmale gehabt, die für ihn der "Grund" waren, warum er einfach nicht glücklich sein konnte. Es folgten sogar Selbstverletzungen, bis ihn seine damalige Freundin zu einem Arzt brachte, der sich mit dem Thema Transgender auseinandersetzte. Etliche Besuche beim Psychologen und Therapeuten sollen seinen Entschluss bestärkt haben, sich auf den langen Weg der Angleichung zu begeben, um endlich im richtigen Körper leben zu können.

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Die Entscheidung stand fest

Jill bekam Testosteron-Spritzen. Heute sei das alles leichter, denn es gäbe Präparate, bei denen man nur noch alle drei Monate zum Arzt müsse - als Jill damit anfing, hatte er noch alle zwei Wochen eine Spritze bekommen. Für ihn war das wie eine zweite Pubertät. Sein Bart hat angefangen zu wachsen, Beinhaare kamen und seine Stimme wurde tiefer. Für Jill war es dabei aber keine Frage, sich auch ganzheitlich angleichen zu wollen. 

Und wie läuft so eine Angleichung ab?

Damals soll es nur drei Ärzte in Deutschland gegeben haben, die eine Angleichung durchführten. Der erste Schritt ist, dass die äußerlichen und innerlichen weiblichen Merkmale, also Brust, Eierstöcke, Eileiter und Gebärmutter, entfernt werden. Dies kann in der Regel in einer Operation durchgeführt werden, so auch bei Jill. Das Gefühl als er von der Narkose aufgewacht ist, soll großartig gewesen sein.
"Für mich war die Brust Fremdfleisch, was weggehört."
In der Regel braucht es dann noch drei weitere Operationen für den Aufbau des männlichen Geschlechts. Jill hat sich ganzen 20 Operationen unterziehen müssen. Er war sich dabei immer bewusst, dass Komplikationen entstehen können. Die Operation an sich kann mit verschiedenen Techniken durchgeführt werden. Jill hat sich zu dieser Zeit für eine der kompliziertesten, jedoch für ihn die einzige infrage kommende Option entschieden: Die Haut für den Penis wird aus dem Unterarm entnommen, das ist meist die weichste Stelle am Körper. Zusätzlich braucht ein funktionierendes Glied noch eine pulsierende Ader, um mit Blut versorgt zu werden, die auch aus dem Unterarm entnommen und dann am Becken, an die Aorta angeschlossen wird.

Merkst du und deine Partnerin beim Sex, dass du einen gemachten Penis hast?

Äußerlich auf jeden Fall nicht, sagt Jill. Allerdings funktioniere sein Schwellkörper nicht wie ein richtiger Penis, da könne sich eine Frau "noch so viel Mühe geben". Bei Jill wird er dabei schlichtweg aufgepumpt, eine Kochsalzlösung ersetze sozusagen das Blut, das in den Penis steigen würde.

Warum wird man überhaupt im falschen Körper geboren?

Er erklärt es sich so, dass Phöten im Bauch der Mutter zuerst kein Geschlecht haben. In bestimmten Monaten der Schwangerschaft gibt es Hormonschübe, genauer gesagt Testosteronschübe. Davon findet der erste im Gehirn statt, der zweite im Körper. Wenn die Schübe gleichermaßen einsetzen, entwickle sich ein Junge, wenn beide ausbleiben ein Mädchen. Es könne jedoch passieren, dass ein Testosteronschub im Gehirn eingesetzt, jedoch der zweite im Körper ausgeblieben ist, erklärt Jill im Interview, und sich der Phötus zu einem Mädchen entwickelt, obwohl das Gehirn eindeutig auf einen Mann gepolt ist - oder eben andersrum.

Jill ist froh, nach seiner Angleichung bei seinem Umfeld nicht auf Diskrepanz oder Ablehnung gestoßen zu sein. Er durfte erleben, dass alle Freunde, die ihn davor schon als Mensch schätzten, sich nicht von ihn abwandten, sondern zu ihm hielten. Jills Opa war übrigens der Erste, der Jill mit "Er" angesprochen haben soll.




Hier gibt's nochmal das ganze Interview Jill Deimel zum Nachhören:
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