Joko und Klaas' Männerwelten: Ein Kommentar

Joko und Klaas' Männerwelten: Ein Kommentar

Was wir alle daraus lernen können

Die fiktive Ausstellung "Männerwelten" zielt darauf ab, einem wichtigen Thema eine Plattform zu geben: sexuelle Belästigung von Frauen.

Ausgerechnet die beiden Spaßvögel Joko und Klaas liefern in dieser Woche die vielleicht ernsthafteste Sendung im deutschen Privatfernsehen ab.


Das alles begann so:

Bei ihrem Duell Joko und Klaas gegen ProSieben ging es am Vortag um 15 Minuten Sendezeit. Weil Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ihren Muttersender schlagen konnten, stand ihnen die Viertelstunde in der Primetime zur freien Gestaltung zur Verfügung.

Anstatt Bullshit zu senden, nutzten Joko und Klaas die Sendezeit für eine Aktion, die anschließend für Diskussionsstoff sorgt. 


Sophie Passmann präsentiert: Männerwelten

Im Beitrag "Männerwelten" führt Sophie Passmann, die unter anderem als Journalistin und feministische Autorin des Buches Alte, weiße Männer bekannt ist, durch eine Ausstellung und trifft dabei auf weitere prominente Frauen wie die Moderatorinnen Palina Rojinski, Collien Ulmen-Fernandes, das Model Stefanie Giesinger oder die Rapperin und Musikjournalistin Visa Vie.  
 
Sie alle haben Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht - und sind damit Stellvertreterinnen für beinahe die Hälfte aller Frauen in Deutschland. Beispielhaft zeigt uns Palina Rojisnki Dickpics, die sie ungefragt zugeschickt bekommen hat, Collien Ulmen-Fernandes zitiert aus übergriffigen Chatnachrichten, anonyme Stimmen berichten von sexuellen Übergriffen auf der Straße. Am Ende wird ein Raum mit den Klamotten von Vergewaltigungsopfern gezeigt.

Das alles ist furchtbar, aber leider auch nicht neu.

Weswegen es aber auf dieser Plattform, in dieser Bandbreite und vor diesem Publikum nur noch nötiger ist, darauf hinzuweisen. Nicht ganz zu Unrecht werden die zwei Männer, die ihre Sendezeit allein diesem einen Thema zur Verfügung gestellt haben, jetzt in der breiten Masse gelobt.

Also: Danke für diese sinnvoll genutzten 15 Minuten!


Denn: Es ist wichtig, dass das Thema sexuelle Belästigung gegen Frauen die Bubbles bestimmter Social Media-Profile verlässt, in den Mainstream gelangt und dort besprochen wird. 

Auch die Tatsache, dass Joko und Klaas die Sache nicht zur Selbstdarstellung nutzen und selbst im Video nicht vorkommen, kann man ihnen zugute schreiben. Aber...

Warum Joko und Klaas trotzdem keine feministischen Helden sind

Während die einen Joko und Klaas für die Aktion beweihräuchern, werden sie von anderen momentan stark kritisiert. Hier ein paar Gründe, angefangen mit dem, warum Joko und Klaas in "Männerwelten" vielleicht doch besser selbst hätten äußern sollen...

Joko und Klaas sind Teil des Problems

Mit Formaten, in denen sich die beiden gegenseitig zu allerlei mehr oder weniger pubertären Mutproben herausfordern, haben Joko und Klaas in der Vergangenheit auch vor sexueller Belästigung keinen Halt gemacht.

Wir erinnern uns an den 4. Oktober 2012.

Joko und Klaas waren auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin unterwegs, wo sie sich gegenseitig allerlei Challenges auferlegt haben. Klaas kam dabei auf folgende Idee: 

"Verwickle [die Messe-Hostesse] in ein Gespräch, fass sie einmal an die Moppel und zweimal an den Arsch." 

Joko will das eigentlich nicht machen. Joko findet das zu krass. Joko macht es aber trotzdem.

Und hinterlässt eine sichtlich peinlich berührte Frau, über die im Anschluss auch noch hergezogen wird:
"Der war das auch so unangenehm, die stand da wirklich und hat sich so richtig entwürdigt gefühlt. Die fährt jetzt gleich nach Hause und dann wird sie schön heulen unter der Dusche. Die steht jetzt sechs Stunden lang unter der Dusche." - Klaas Heufer-Umlauf
Ein paar Tage darauf - nachdem sich schon ein dezenter Shitstorm gebildet hat - haut Klaas persönlich eine Entschuldigung raus:
"Wir haben kein Taktgefühl bewiesen und lustigen Quatsch mit fahrlässigem, beleidigendem Schwachsinn verwechselt. Es tut uns ehrlich leid."
Ehrlich? Klingt ein bisschen nach vorher-gewusst-trotzdem-gemacht und nachher einfach entschuldigt. Auch der Sender, auf dem die beiden damals noch rumhampelten, lieferte ein eher dürftiges Statement: es hätte sich dabei nur um eine angedeutete Berührung gehandelt, außerdem wurde das Einverständnis der Hostess eingeholt.

Diese Entschuldigung, die nicht mal eine richtige Entschuldigung ist, strotzt vor Verantwortungslosigkeit - Joko und Klaas sendeten damals nicht etwa bei einem privaten Sender ohne größeren Bildungsauftrag, sondern beim öffentlich-rechtlichen ZDF.

"Anscheinend haben sie sich gebessert, ist doch gut"

Klar, kann man jetzt erwidern. Wir wollen den beiden auch nicht absprechen, dass sie sich geläutert haben und es mittlerweile nicht nur besser wissen, sondern auch ihre Reichweite besser nutzen - für Aufklärung. Es wäre dennoch ein gutes Zeichen gewesen, wenn Joko und Klaas für die damalige Aktion öffentlich eingestanden wären. Zum Beispiel, indem sie auch jener Hostess einen Platz in den Männerwelten bereitgestellt hätten. Oder, was die Journalistin und Autorin Mirna Funk vorschlägt:
"Wenn die beiden Hampelmänner irgendwas gelernt hätten, dann wären sie mit dem Hostessen-Video zur Polizei gegangen und hätten eine Selbstanzeige gemacht." 

Dass die beiden jetzt als feministische Helden gefeiert werden, sei eigentlich schon "eine Komplettverarsche". 


Eine verpasste Chance?

Hätten sich Joko und Klaas selbst auch als Problem präsentiert und ihre Erkenntnisse weitergegeben, hätte es vielleicht mehr Männer dazu animieren können, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren, Schuld einzugestehen und in Zukunft dahingehend aufmerksamer zu sein.

Alles eh nur Quotengeilheit?

Eben weil der Beitrag durch die Decke geht und Joko und Klaas damit auch von Menschen gefeiert werden, die sie vorher eher nicht ansprechen konnten, liegt der Verdacht nah, das Ganze doch einfach nur für die Quote gemacht zu haben. Okay. Klar. Aber: 

Ist es nicht immer noch besser so etwas zu machen als es gar nicht zu machen?




Was wir alle aus "Männerwelten" lernen können

Die Vorgeschichte der beiden, vermeintliche Quotengeilheit und Diskriminierung marginalisierter Gruppen: Joko und Klaas liefern mit "Männerwelten" einige Flächen für Kritik. Den Nutzen der Aktion dürfen wir trotzdem nicht aus den Augen verlieren. Vor allem, wenn folgende Frage bejaht werden kann:

Erreicht der Beitrag die richtigen Menschen?

Schauen wir uns einmal in Social Media und den jeweiligen Kommentarspalten um...

Die Wirkung

"Männerwelten" genießt ein großes Echo, gerade in Social Media - gefühlt taucht er in jeder zweiten Insta-Story auf. Die Reaktionen sind vielfältig und reichen von "Ja klar, wow, danke wissen wir" über "Wow, krass was okay was. Gut, dass die darauf aufmerksam machen".

Sophie Passmann selbst ist überwältigt von all dem Zuspruch, den sie für den Beitrag erfährt:
"Ich habe noch nie so wenige unfreundliche Nachrichten nach einem feministischen Beitrag bekommen."
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MÄNNERWELTEN, ey! Ich bekomme Nachrichten von Männern, die schreiben, dass sie dass alles so gar nicht gesehen haben und Nachrichten von Frauen, die sich bedanken. Die 15 Minuten bei @prosieben waren krass, gestern, noch krasser sind die vielen Reaktionen von Leuten darauf. Ich habe noch nie so wenige unfreundliche Nachrichten nach einem feministischen Beitrag bekommen. Und dass das so ist, hat weniger mit mir zu tun als mit den Menschen, die diese 15 Minuten geplant haben und wussten, wie viel man Primetime zumuten und wie man sagen kann, was man sagen will, ohne, wie ein feministisches Proseminar zu klingen. Und, ja, auch wenn es erstmal wie 1980 klingt, jetzt zwei Männern Kudos zu geben: das haben auch @officiallyjoko und @damitdasklaas gemacht, indem sie entschieden haben, einfach mal zuhause zu bleiben. Primetime, ohne, dass ein einziger Mann zu Wort kommt. Komplett Gänsehaut! Große Freude, große Ehre, @palinski, @visavieofficial @fraubauerfeind @stefaniegiesinger @frau_michaelsen @collien_ulmen und Team @jokoundklaas Leute Fernsehen machen! Uff einfach.

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Die Erfahrung von Sophie Passmann und das viele Geteile wirken fast tröstend. Es scheint ganz so, als ob endlich was vorangehen würde und das Thema damit endlich über feministische Bubbles hinaus, nämlich auch vom Nachbar nebenan angeprangert wird. Ja, nur leider wirklich: Es scheint ganz so. 

Denn in Wahrheit handelt es sich nur um eine Erweiterung.

Das bekommt man allein schon beim Durchscrollen der Kommentarspalten unter den Videos regelrecht auf die Nase gebunden. Die, die man eigentlich mit dem Beitrag erreichen wollte, schreiben dort nämlich nicht: "Achso, das wusst' ich nicht. Das mach ich nicht mehr". Die, die man eigentlich mit dem Beitrag erreichen wollte, schreiben viel mehr: "Was für eine männerverachtende Scheiße", "Selber Schuld, wenn die F***** sich so kleiden", "Palina war schon wieder angezogen wie ne russische Edelnutte", "Ja und was ist mit Männern, die von Frauen belästigt werden?!" und ähnliches, teilweise aber noch viel Übleres.

Um die Frage von oben also nochmal aufzugreifen und zu beantworten: Erreicht der Beitrag die richtigen Menschen? Ja, aber erzielt er auch die gewünschte Wirkung? Die Kommentarspalten sagen was anderes.

Und was jetzt?

Die Erkenntnis darf uns nicht ernüchtert zurücklassen - es gibt nämlich einiges zu tun. Der bittere Beigeschmack droht, das Positive an der Sache zu übertünchen - dass das nicht passiert, liegt in unserer Hand! Denn darauf kommt es nun an: Die Aufklärung muss unsere jeweiligen Bubbles verlassen und das schaffen wir nur gemeinsam.

Wir müssen darüber sprechen.

Das Schockierende an der ganzen Sache ist weniger der Beitrag an sich - das wirklich Schockierende daran ist die Tatsache, dass es so viele noch schockiert. Deswegen ist es wichtig, jede noch so kleine sexuelle Belästigung nicht nur im Freundinnenkreis zu diskutieren - sondern auch mit Kumpels und Partner*innen. Vor allem, weil jede*r von uns Betroffene kennt oder selbst betroffen ist.

Wie kann es dann sein, dass niemand einen Täter persönlich kennen will?

Wir müssen uns solidarisieren.

Zunächst die Männer: Es geht hier um eure Partnerinnen, Freundinnen, Schwestern, Töchter, Nichten, es ging auch schon um eure Mütter und eure Omas. Das ist also kein reines Frauenproblem, wir alle sind betroffen. Deswegen sagt etwas, wenn einer eurer Kumpels im Freundeskreis ein sexistisches Kommentar ablässt. Auch dumme Witzchen oder Klischeereiterei müsst ihr nicht dulden. Auch wenn ihr nur unter euch seid - nein - gerade wenn ihr nur unter euch seid. Dumme Kommentare dürfen nicht mit einem hohlen "Höhö" abgetan werden, wenn man selbst merkt, dass das nicht okay war.

Und jetzt alle!

Klar: Das gilt nicht nur für männliche, sondern genauso für weibliche, trans-, intersexuelle und nonbinäre Menschen. Alle! Sexistische Kommentare müssen überall Kontra bekommen, egal aus welchem Mund, egal auf welcher Plattform - ob in der Gemeinschaftskabine oder im Internet. Solidarisiert euch mit Opfern. Sprecht Arschlöcher direkt in der Kommentarspalte an oder herzt zumindest die Kommentare derer, die das tun.

Wir müssen mit der Aufklärung so früh wie möglich anfangen.

Und unseren Söhnen, Neffen und Enkeln einen respektvollen Umgang mit allen Menschen beibringen. Auch sexistisches Verhalten von einem Vierjährigen, der Mädchen gerne unter den Rock schaut, muss nicht als "Ach, er ist doch noch ein kleiner Junge und weiß es nicht besser" abgetan werden. Es muss altersgerecht vermittelt werden, warum man bestimmte Sachen nicht sagt oder macht.

Genauso müssen wir aufhören, Mädchen einzutrichtern, dass der neckende Junge im Kindergarten nur in sie verliebt und deswegen so gemein ist. Ist das nicht irgendwie auch der Ursprung vielen Übels aus dieser Richtung? Der Grund, warum degradierendes bis gewalttätiges Verhalten auch in festen Beziehungen viel zu häufig toleriert wird?

Lasst uns dumme Sätze wie "Was sich liebt das neckt sich" und "Jungs sind eben Jungs" aus dem allgemeinen Floskelrepertoire verbannen!

Opfer müssen sich wehren.

Die Aktion spricht ein wichtiges Thema an und haucht damit auch der #MeToo-Debatte neues Leben ein. Doch das Problem bleibt weiterhin bestehen.
Sind diese Debatten in den sozialen Netzwerken und in großen Medien daher wirkungslos? Keineswegs, denn das Thema wird an die breite Masse herangetragen und löst wichtige Diskussionen aus. Das sehen wir gerade am Beispiel von "Männerwelten".

Doch egal, ob #männerwelten bei Twitter trendet oder in jeder zweiten Story zu sehen ist – die Täter, die sich mit dem Thema und den Folgen ihres Handelns auseinandersetzen sollten, scrollen und swipen weiter. Warum sollten sie auch nicht? Die Folgen ihres eigenen Handelns bekommen sie nie oder nur selten zu spüren. Dass man das ungewollte Dickpic anzeigen kann, wissen schließlich die wenigsten.

Doch selbst wenn die Betroffenen den bürokratischen Aufwand auf sich nehmen, zur Polizei stiefeln und unerwünschte Penisbilder anzeigen – die meisten Ermittlungsverfahren werden wegen Geringfügigkeit eingestellt. Von einer Anklage kann die Staatsanwaltschaft absehen, wenn es sich um keine gravierende Straftat handelt.

Und genau hier liegt das Problem – sexuelle Belästigung – auch im digitalen Bereich – wird immer noch als Kavaliersdelikt gesehen.

Von den Tätern, von Zeug*innen, von der Rechtslage und von den Opfern selbst. Können 15 Minuten Primetime daran etwas ändern? Leider nicht. Stattdessen sollten Betroffene handeln, sich Unterstützung suchen und sich wehren.

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